Erstaunlich an den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist nicht nur die Unverwüstlichkeit, mit der sie sich als Goldenes Zeitalter des Pop behaupten. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, wie gut sie dokumentiert sind. Immer, wenn man glaubt, die letzten Schätze seien gehoben, taucht von irgendeinem Dachboden neues Material auf. Der Mythos, der das Jahrzehnt umweht, adelt sämtliche Arten von Fundstücken zu historisch bedeutsamen Zeugnissen, und stets versprechen sie uns sensationelle Einblicke ins Innere der Epoche. Das Allererstaunlichste: Manchmal stimmt das sogar.

Als Tom DiCillo seinen Film über die Doors begann, schwebte ihm noch eine gängige Dokumentation vor, mit Zeugenbefragung, Rückblenden und Expertenstatements. Dann stieß er auf alte Konzertmitschnitte, entdeckte Privataufnahmen, er grub Kurzfilme aus, die Jim Morrison in seiner Zeit an der Kunsthochschule gedreht hatte. DiCillo fand die Szenen so aussagekräftig, dass er beschloss, die Bilder für sich sprechen zu lassen. Das Ergebnis heißt When You’re Strange und ist ein Film, der seinen Gegenstand aus dem Zeithorizont selbst heraus konstruiert. Muss die Geschichte der Sechziger jetzt neu geschrieben werden? Nein, aber so nahe sind sie einem in den letzten Jahren selten gekommen.

Gleich zu Beginn sehen wir einen bärtigen Mann die Landstraße hinuntergehen. Wo er herkommt, ist unklar, wo er hinwill, weiß keiner, offensichtlich ist nur, dass er weiterwill, immer die Straße hinunter, denn er hält den Daumen ausgestreckt, als ein metallisch glänzender Ford Mustang neben ihm anhält. Der Mann besteigt das herrenlose Gefährt, das vom Teufel persönlich geschickt zu sein scheint, in rasendem Tempo lässt es ihn über den Asphalt jagen, während draußen die Landschaft in der Hitze der kalifornischen Wüste vorüberzieht. Die Episode wirkt, als hätte John Ford einen existenzialistischen Spätestwestern gedreht, doch der Darsteller ist zugleich der Regisseur. Let it roll, baby, roll: So sah Jim Morrison sich selbst, als Geisterfahrer auf dem amerikanischen Highway.

Es ist die Geschichte eines modernen Ekstatikers, die DiCillo anhand von Fremd- und Selbstzeugnissen erzählt. Sie beginnt zu Zeiten des Vietnamkriegs, sie endet 1971 auf dem Pariser Dichter- und Musikerfriedhof Père Lachaise. Dazwischen liegen die Stationen einer Revolte im Namen des Rausches: Morrison, der Drogenfresser, Morrison, der heilige Trinker, aber auch Morrison, der abgebrochene Kunststudent, der in seiner Freizeit Nietzsche liest. Begleitet werden die temporeich geschnittenen Szenen nur von einem Kommentar aus dem Off, den Johnny Depp spricht. Er erklärt für die Nachgeborenen, welche Einflüsse in den verschiedenen Werkphasen prägend sind, denn das waren die Doors: Eklektiker avant la lettre. Sie bedienten sich ausgiebig beim Mythenschatz der schönen Künste.

Die Quellen, aus denen sie schöpften, sind bekannt und tauchen auch hier wieder auf. »If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it truly is, infinite«: Von William Blake bezog Morrison den Anspruch auf eine Wahrheit jenseits der bürgerlichen Vernunft, von Baudelaire und Rimbaud übernahm er die Neigung zu düsteren Symbolismen. Am Theater schätzte er das Dramatische, die Rockmusik wiederum verkörperte für ihn das Versprechen auf totale Entgrenzung. Wie aus diesem wüsten Gemisch die Band hervorging, die schon bald im Ruf stand, die gefährlichste Band Amerikas zu sein, darüber hat Oliver Stone in den Achtzigern einen heroisierenden Spielfilm gedreht. Bei DiCillo kann man der allmählichen Entstehung des Mythos aus den Wirren des Jahrzehnts zuschauen.