Jemand dimmt das Licht herunter und schon schimmern die eierschalfarbenen Wände golden. Wie plötzlich alles so verführerisch daherkommt in diesem Konferenzraum eines Allerweltshotels in Sydney: Die teuren Anzüge der Makler, die Stimme des Auktionators, die Häuser, die heute Abend unter den Hammer kommen sollen. Sie werden nicht zwangsversteigert, nein, sie werden per Auktion verkauft.

So ist das üblich in Australien, wo ein beispielloser Bieterkampf um Immobilien entbrannt ist und die Renditen in die Höhe treibt. Heute einfacher Eigenheimbesitzer, morgen mehrfacher Millionär! Diesen Eindruck erwecken zumindest die meterhohen Wohnungsanzeigen in den Vorgärten mit dicken Klebebannern, auf denen »Verkauft« steht oder »Wieder ein Spitzenergebnis«. Im Fernsehen laufen neue Folgen jener Unterhaltungssendung, bei der Paare Bruchbuden renovieren und mit Gewinn verkaufen. Australier lieben so etwas. Sie reden über Hypothekenkredite wie andere übers Wetter.

Das ganze Land ist im Immobilienrausch. In den USA, Spanien, Irland und England brachen die Wohnungsmärkte ein und brachten erst Banken und später ganze Staaten an den Rand des Abgrunds. Nicht so in Australien. Die Wirtschaft kennt seit fast zwei Jahrzehnten nur eine Richtung: nach oben. Und auf dem Häusermarkt herrscht nach wie vor Hochstimmung. Nirgendwo lässt sich gerade derart gut nachvollziehen, wie aus Schulden und Spekulation gewaltige Preisblasen entstehen.

Australien ist das Land mit den derzeit am schnellsten steigenden Häuserpreisen. Allein in Sydney kosten bereits über die Hälfte aller Häuser mehr als 450.000 Euro. Melbourne liegt knapp dahinter, selbst abgelegene Bergbaustädte boomen. Im internationalen Vergleich besitze Australien den teuersten Wohnungsmarkt, heißt es in der jüngsten Marktstudie der amerikanischen Beratungsfirma Demographia. Der Preishype habe die »Proportion einer Spekulationsblase« erreicht.

Problematisch ist das, weil auf einen Preisboom meist immer ein Preisrutsch folgt. Hauspreise folgen Zyklen, Australien ist da keine Ausnahme. »Was sich in den USA abgespielt hat, wird sich auch hier wiederholen, nur zeitverzögert und mit einer geringeren weltweiten Kettenreaktion«, warnt Steve Keen, Wirtschaftswissenschaftler an der University of Western Sydney. Er sieht einen Immobiliencrash kommen, der den amerikanischen vor vier Jahren noch übersteigt. Um 40 Prozent werden die Preise fallen, glaubt er – und hat vorsorglich schon sein eigenes Haus verkauft.

Doch mit dieser Ansicht ist Keen im eigenen Land ziemlich allein. Viele Kollegen belächeln den Ökonomen als Untergangspropheten. »Leute wie er haben keine Ahnung«, wettert Rory Robertson, ein renommierter Zinsstratege der Macquarie Bank. »Die schiere Kraft der Nachfrage setzt die Hauspreise unter Aufwärtsdruck«, sagt er.

Sein Argument: Die Bevölkerung der Einwanderungsnation wächst mit 2,1 Prozent im Jahr schneller als die fast aller anderen Länder der Welt. Der Kontinent ist zwar riesig, in weiten Teilen aber unbewohnbar. Und dort, wo die Menschen leben wollen, an den Küsten, ist das verfügbare Bauland knapp. Bis 2014 wird zwischen Angebot und Nachfrage eine Lücke von 355.000 Unterkünften klaffen, hat der National Housing Supply Council, ein Beratergremium der Regierung, errechnet.

Das alles klingt logisch, ist aber nur ein Teil der Wahrheit.

Die Herbstsonne ruht auf Sydneys Strandvorort Bronte, und die Immobilienmaklerin Belinda Clemesha spürt, wie die Menschen nervös werden. Gerade hat die Zentralbank die Leitzinsen auf 4,5 Prozent erhöht. Kredite werden teurer. Clemesha, blondierte Haare, teurer Schmuck, Stiletto-Stiefel, ist seit mehr als 20 Jahren im Geschäft. Ihre manikürten Fingernägel wedeln durch die Wohnzimmerluft, als sie Interessenten durch ein Haus führt. »Diese Gegend hier wird immer in Mode bleiben«, sagt sie. »Da ist der Strand, da ist die Innenstadt, da sind die guten Schulen.« Das Haus selbst wirkt ernüchternd: zwei Stockwerke, die Zimmer klein, die Bäder unrenoviert. Vor der ockerfarbenen Fassade wächst ein Mangobaum. »Und das alles für nur knapp eine Million Dollar!«, triumphiert Belinda und blickt in Gesichter, die zu fragen scheinen: »Eine Million? Nur?«