Frauen mit kleinen Männern: Wie gemalt wirken die wohlkomponierten Aufnahmen in "Women without Men" © NFP Filmverleih

Das erste Bild dieses Spielfilms gleicht einem abstrakten Gemälde: ein weißes Flachdach, auf dem sich eine tiefschwarze, Licht schluckende Form abzeichnet. Man könnte den Film jetzt anhalten, das Standbild mitnehmen und zu Hause aufhängen. Schnitt. Das weiße Dach von unten, eine Ecke ragt kühn in die Bildmitte. Schnitt. Ein Blick vom Dach auf die einsame Straße hinunter, auf der sich ein Schatten diagonal durchs Bild zieht, als hätte ihn ein russischer Konstruktivist fotografiert. Schnitt. Erst jetzt erkennt man, dass die tiefschwarze Form eine Frau ist. Es kommt Leben ins Bild, die Frau macht ein paar Schritte auf dem Dach, zögert, geht zum Rand, schaut hinunter, das Rufen eines Muezzins ist zu hören. Plötzlich Stille: Die Frau springt. Ihr schwarzer Schleier fällt zu Boden, das schwarze Haar weht in Zeitlupe, das Gesicht der Springenden sieht sehr entschlossen aus. »Man kann sich vom Schmerz nur befreien, indem man sich von der Welt befreit«, sagt dazu eine Frauenstimme aus dem Off. Und dann folgt die Kamera einem Bach, der in einen paradiesischen, von Nebel durchwaberten Garten führt. In diesem Garten werden sich im Laufe des Films vier Frauen treffen, allesamt ohne Männer, allesamt Opfer der patriarchalen Verhältnisse im Iran der fünfziger Jahre.

Frau, Schleier, Islam – das sind Reizwörter der bildmächtigen Kunst von Shirin Neshat, die nun erstmals einen Spielfilm für die Kinos gedreht hat. Bekannt wurde die 1957 in Teheran geborene, seit gut dreißig Jahren in New York lebende Künstlerin mit der Fotoserie Women of Allah : Fotos von verschleierten, bewaffneten Frauen, deren sichtbare Haut mit Kalligrafien überzogen ist. Seit Mitte der neunziger Jahre arbeitet sie mit Videoinstallationen, die der ersten Szene aus ihrem Spielfilm nicht unähnlich sind: genau komponierte, kontrastreiche und verrätselte Bilder von Frauen und Männern der islamischen Welt, die in ihren Videos oft getrennt voneinander auftreten – oder sogar gegeneinander.

Women without Men basiert nun auf dem gleichnamigen, in Iran verbotenen Roman von Shahrnush Parsipur. Der Film spielt im Persien des Jahres 1953, als das durch die CIA unterstützte Militär den demokratisch gewählten Premierminister Mohammed Mossadegh aus dem Amt putschte und dem Schah zur Macht verhalf.

In den Tagen des Putsches verknüpfen sich die Geschichten der vier Frauen: Munis, die gleich zu Beginn vom Dach springt, ist eine junge Frau, die sich für Politik interessiert, aber von ihrem religiösen Bruder tyrannisiert und schließlich in den Suizid getrieben wird. Irritierenderweise erlebt der Zuschauer später ihre Auferstehung als Mitglied einer kommunistischen Oppositionsgruppe. Tot oder lebendig? Bei Neshat sind Frauen mal dies, mal jenes – und im Zweifelsfalle Opfer.

Einzig Fahkri, der ältesten der vier Frauen, gelingt es, sich aus den Abhängigkeiten zu befreien. Sie trennt sich von ihrem Mann, einem brutalen General, und zieht in ein Haus außerhalb der Stadt, zu dem jener verwunschene, von Nebeln durchzogene Garten gehört, durch den sich zu Beginn schon die Kamera in einer langen Fahrt hineingestreichelt hat.

Mal findet der Film meisterliche Bilder, oft aber zeigt er nur Kitsch

Der Garten, eine Mischung aus Paradies und Hexenwald, wird auch zum Exil für die traumatisierte Prostituierte Zarin und die vergewaltigte Faezeh. Gemeinsam bringen die Frauen den Garten und eine angrenzende Steppe zum Blühen, während die auferstandene Munis in Teheran vergeblich für die Demokratie demonstriert. Der Garten ist ein Ort jenseits von Politik und Geschichte, ein Refugium, in dem es – bis auf einen gütigen Gärtner – keine Männer gibt.

Doch als die Hausherrin beschließt, ein Fest zu veranstalten und die intellektuelle Szene der Stadt in den Garten einzuladen, scheint das Ende der Frauenhaus-Idylle besiegelt. Symbolisch kracht ein riesiger, in Saft und Kraft stehender Baum um, als die Frauen schöne Kleider anprobieren. Aber nicht nur der Garten, auch die mit den Blumen und Bäumen anscheinend auf magische Weise verbundene Exprostituierte verfällt in Agonie.