Expertengespräch Es lebe Günter Netzer!
Wenn das Spiel aus ist, beginnt erst das wahre Fußballglück: Das Expertengespräch
© Hannes Magerstaedt/Getty Images

Privat verstehen sie sich gut: Gerhard Delling (l.) und Guenter Netzer
Im Moment des Abpfiffs beginnt das zweite, höhere Leben eines Fußballspiels. Es wird versiegelt, umkreist, durchleuchtet; es verwandelt sich in ein abgeschlossenes Forschungsgebiet. Das Spiel ist tot und wird zum Kunstwerk – wie der Katzenhai, den der englische Künstler Damien Hirst so spektakulär in Formaldehyd gegossen hat.
Die Schlacht ist geschlagen, die Bestie ist erlegt, es beginnt: die Legende. Die Nachbereitung des Spiels, das Gespräch über Fußball ist erst das wahre Fußballglück. Es ist die Kunst, über Vergangenheit so zu reden, als wäre sie zu ändern. Dazu braucht man Experten. Sie beugen sich über Leuchtpulte, lassen das vergangene Spiel vor- und zurücklaufen, sie überfliegen es mit dem Blick des Lesers, der ein Buch zum zweiten Mal liest, sie fügen dem Spiel alternative, nie stattgefundene Spielzüge hinzu.
Es sind immer mehrere Leute, die diese Arbeit tun, das Festhalten und Zurückdrehen der Zeit, für einen allein ist das zu schwer. Beim ZDF sind Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn im Einsatz, es ist das hölzernste Gespann dieser WM. Die beiden kommen verbal nicht aus dem Quark, breiig und vorhersehbar ist ihr Dialog, ohne Spannung und Witz das Zusammenspiel, dies könnte auch die Doppelmoderation des ZDF-Morgenmagazins sein oder die festliche Eröffnung eines Autohauses. Beide Kommentatoren mögen in der Lage sein, ein Fußballspiel zu "lesen" – aber sie sind unfähig, vom Drama zu erzählen.
Wesentlich besser machen es, auf RTL, Jürgen Klopp und Günther Jauch. Klopp, Trainer bei Borussia Dortmund, ist ein Fußball-Erzähler auf Ballhöhe, sozusagen der Simultanübersetzer der Spielgeschehnisse. Und Jauch, dem alten Lakoniker, unterläuft, wie üblich, kein Fehler; die beiden sind sehr souverän, aber: Es entwickelt sich zwischen ihnen kein Konflikt. Sie sind sich in der Spielanlage zu ähnlich.
Die ARD hat die unterhaltsamsten Konstellationen: Der spröde, kluge, unkäuflich wirkende Mehmet Scholl ist ein gutes Gegenmittel gegen den mit zunehmendem Alter immer dicker auftragenden, selbstverliebteren Moderator Reinhold Beckmann.
Am besten wird man immer noch versorgt, wenn in der ARD das Duo Netzer und Delling auftritt: der alte Weltklassespieler gegen den schnoddrigen Mann vom Sender. Es ist wie bei Dinner for One. Man wird an diesem Abend nichts Neues erleben, das Alte aber in Perfektion. Günter Netzer und Gerhard Delling zitieren schon lange nur noch aus ihren schönsten Zweikämpfen. Sie geben uns dieselbe tröstliche Gewissheit, die ein in Zeitlupe gesehener Torschuss, ein immer neu analysierter Spielzug in uns erwecken: dass die Zeit stillsteht und uns allen nichts passieren kann, solange wir über Fußball reden.
Netzer schaut, während er spricht, gern zwischen Kamera und Delling hindurch ins Leere und zeigt uns seinen berühmten glasigen Blick. Er scheint nach innen zu blicken und einen Gedanken zu suchen, mit dem er seinen Satz beenden könnte.
Günter Netzer ist der einsilbigste Kommentator des Fußballs, der Buster Keaton unter den Rhetorikern. Sein Auftritt suggeriert, dass es eine Zumutung sei, über Fußball zu reden, wenn man in der Lage ist, Fußball zu spielen. Netzers Kopf ist ja voll von erlebten Fußballszenen, er hat, was er vom Spiel weiß, auf dem Spielfeld längst gezeigt. Er hat es "umgesetzt" und "abgerufen", wie man heute sagt. Muss er nun noch drüber reden – mit diesem Überleitungs-Kasper Delling?
Netzer und Delling, zwei respektable komische Schauspieler, spielen stets dasselbe Kammerspiel: Sie spielen den Urkonflikt zwischen dem Kritiker, Einmischer, Experten, der über eine Kunst nur redet (Delling), und dem Künstler, der sie tatsächlich beherrscht (Netzer). Man hört, dass die beiden in Wahrheit befreundet sind, doch vor der Kamera arbeiten sie daran, einander unverdrossen misszuverstehen – Netzer, der mit Mühe die Worte findet ("In der Tat." "Das ist zu loben." "So ist Fußball."), gegen Delling, dem der Mund überläuft. Delling, der den Stoiker Netzer neckt; Netzer, der den beflissenen Delling voller Genuss auflaufen lässt.
- Datum 01.07.2010 - 14:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.07.2010 Nr. 27
- Kommentare 49
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Ich finde Netzer arrogant und schalte regelmäßig um, wenn er anfängt, seine Kommentare von sich zu geben. Fachlich ist er sicher kompetent, in der Art und Weise zu sprechen unerträglich.
Sehr schöner Artikel, sehr pointiert. Und ganz meine Meinung, die beiden müssen schon allein aufgrund ihres Unterhaltungswertes bleiben!
Ein paar Mal blieb ich bei dieser Moderation hängen. Ich empfand die Dialoge schlicht unertäglich. Dieses gegenseitige angiften. naja, wer darauf steht. Aber in Zeiten von RTL passt das wohl.
......etwas verwechselt worden sein. Diese Komoderation ist vom RTL-Niveau so weit, wie der Nordpol vom Südpol.
Geht mir genauso, hab grad ARD laufen, warte auf den Spielbeginn und stelle fest: wieder der Netzer!!
Ich mag ihn nicht, finde ihn arrogant und streitsüchtig.
Oli Kahn, den ich früher nicht mochte, kommt da wesentlich besser rüber.
......etwas verwechselt worden sein. Diese Komoderation ist vom RTL-Niveau so weit, wie der Nordpol vom Südpol.
Geht mir genauso, hab grad ARD laufen, warte auf den Spielbeginn und stelle fest: wieder der Netzer!!
Ich mag ihn nicht, finde ihn arrogant und streitsüchtig.
Oli Kahn, den ich früher nicht mochte, kommt da wesentlich besser rüber.
Rein nüchtern betrachtet müsste man sagen, Netzer ist so ziemlich der schlechteste Experte, den Sportsendungen aufzubieten haben. Und gerade das macht seinen Charme aus. Fachlich sehr gut, besser als so manch anderer, aber was seine Fähigkeiten als Moderator angehen, unterirdisch. Und diese Kombination finde ich persönlich sehr unterhaltsam. Ich schaue die beiden gerne. Die Sticheleien sind so dermaßen aufgesetzt, dass es schon wieder einen hohen Unterhaltungswert hat.
Gemeißelt, klar, nicht ausradierbar. Das macht Netzer aus.
Mit seiner Haltung zur Entscheidung von Schiedsrichtern hat er recht. Schiedsrichter sprechen recht, wie ein Richter; es geht dabei nicht unbedingt um Gerechtigkeit. Sie sind Teil des Spiels, häufig der bessere.
Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, habe ich den Eindruck Delling/Netzer werden eher von der Generation 50 bevorzugt. Das jüngere Publikum findet Jauch/Klopp wesentlich unterhaltsamer, mich eingeschlossen.
Jauch/Klopp tragen ihre (ebenso wie bei Delling/Netzer) gespielten Meinungsverschiedenheiten wesentlich offener aus und wirken als hätten sie früher mal zusammen in der F-Jugend gespielt. Der eine ist dann Moderator mit Schwiegersohn-Image geworden, der andere ein Rauhbein auf dem Fußballplatz. Nun treffen sie sich nach Jahren wieder und fachsimpeln über Fußball. Bei Gerhard Delling habe ich immer den Eindruck er himmelt Günther Netzer an wie den Papst und schleimt dabei wie eine Schnecke. Ich kann mir das nie lange ansehen.
Über Beckmann/Scholl braucht man nichts sagen. Müller-Hohenstein/Kahn sind ein bisschen weichgespült und sprechen wohl eher das SUV Publikum an. Die beiden hätte ich eher bei RTL erwartet.
Und Jürgen Klinsmann? Bitte, bitte werden Sie wieder Fußballcoach!!
.....Ihnen noch mal durchgelesen werden. Die beiden sind ein bisschen mehr als die üblichen Komoderationen, sie sind komisch und machen aus einer Moderation eine äußerst nette Unterhaltung. Wenn sich Jüngere nicht davon ansprechen lassen, dann hat das nicht mit dem Jungsein zu tun, sondern mit Humorlosigkeit. Wer das nicht mitbekommt, ist selber schuld.
.....Ihnen noch mal durchgelesen werden. Die beiden sind ein bisschen mehr als die üblichen Komoderationen, sie sind komisch und machen aus einer Moderation eine äußerst nette Unterhaltung. Wenn sich Jüngere nicht davon ansprechen lassen, dann hat das nicht mit dem Jungsein zu tun, sondern mit Humorlosigkeit. Wer das nicht mitbekommt, ist selber schuld.
Die meisten Zuschauer haben wahrscheinlich nicht das große Fußballverständnis (Spiel lesen !!), aber bei Netzer/Delling bleibt für mich, den Laien, nach der Analyse immer die eine oder andere "Erkenntnis" zurück.
Am nächsten Tag sind die meisten Spielereignisse eh so gut wie vergessen.
Wenn das Ganze dann nicht so bierernst/wissenschaftlich für den Zuschauer aufbereitet wird, ist das doch ausreichend.
Mir kommen die beiden immer ein wenig wie Müller-Lüdenscheid und Dr. Klöbner vor, wahlweise Statler und Walsorf.
Und es genügt doch so, oder ??
Naja, wenn man dem Sprachgebrauch von Fußball-Moderatoren folgt, reicht für das "große Fußballverständnis" nicht mehr nur aus, ein Spiel zu analysieren und zu "lesen", heutzutage wird der Spielverlauf von Moderatoren "antizipiert".
Naja, wenn man dem Sprachgebrauch von Fußball-Moderatoren folgt, reicht für das "große Fußballverständnis" nicht mehr nur aus, ein Spiel zu analysieren und zu "lesen", heutzutage wird der Spielverlauf von Moderatoren "antizipiert".
time to say good bye!
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