Burg-LebenHauen und Rechnen

Wie das Ritterleben wirklich war: Eine große Doppelausstellung in Nürnberg und Berlin zeigt die Burg als Macht- und Zauberort. von Sven Behrisch

Zwei Ritter kämpfen Richter Ladies

Kampf in schimmernder Rüstung? Ritterstolz und Minnesang gehören keineswegs zur Standardausstattung der Burg  |  © Hulton Archive/Getty Images

Ach, das herrliche Ritterleben! In die polierte Rüstung gestiegen, dem Burgfräulein gewinkt, das Pferd gesattelt und ein paar Heiden, wahlweise Räuber, einen Kopf kürzer gemacht. Nach der Arbeit zurück in die Burg, ein deftiges Mahl und zum Abendprogramm noch ein paar Weisen eines fahrenden Sängers. So sieht es aus, das Wunsch- und Traumbild vom Leben auf der Burg. Glaubt man dagegen dem Brief des späten Ritters Ulrich von Hutten (1488 bis 1523) an seinen Freund Willibald Pirckheimer, schlug man sich dort weniger mit teuflischen Schurken als dem bestialischen Gestank der Tiere, mit quengelnden Bauern und dem Lärm blökender Schafe herum. Hutten: »Überall stinkt es nach Schießpulver; und dann die Hunde und ihr Dreck, auch das – ich muss es schon sagen – ein lieblicher Duft!«

Wie war es also wirklich, das Burgleben? Darauf versuchen nun zwei große Ausstellungen eine Antwort zu geben. Die eine, im Deutschen Historischen Museum Berlin unter dem Titel Burg und Herrschaft, widmet sich dem politischen Status der Burg und ihren adligen Bewohnern. Die andere, im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, geht dem Mythos Burg nach, wobei Mythos hier zweierlei meint: die Idealisierungen späterer Epochen und die teils krassen Irrtümer der historischen Forschung.

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In Berlin wie in Nürnberg versucht man, ein lichtes Bild vom Burgleben zu zeichnen. Die gängigen Klischees werden dabei ebenso relativiert wie die Schilderungen Ulrich von Huttens. So seien Burgen keineswegs nur stinkende, zugige Orte gewesen. Badehäuser, Zentralheizung und Kachelöfen, Essbesteck und Musikinstrumente hat die Archäologie des Mittelalters in jüngerer Zeit ans Licht gebracht. Hinter den dicken Mauern ließ es sich also durchaus kultiviert leben – weitaus erträglicher jedenfalls als in den Dörfern, wo das Wasser keineswegs sauberer, die Stube nicht wärmer war und man sich marodierenden Gestalten zudem schutzlos ausgeliefert sah.

»Dar umbe hât man bürge, daz man die armen würge«

Auch die Mär vom kampfstarken, doch schreibschwachen Ritter will man entkräften. Etwa mit einem Brief aus dem Jahr 1474 des Kurfürsten Albrecht Achilles an seine Geliebte: In flüssigem, keineswegs jugendfreiem Neuhochdeutsch malt er aus, was er mit ihr – und den anderen Burgdamen! – zu tun gedenkt, wenn er von seiner Aventüre zurückgekehrt sein wird. Beherzt fordert er sie dazu auf, nicht das Essen zu vergessen, »das dir der arß fayst und starck werd«. Angesichts solcher Worte erstaunt die Prüderie, mit der Richard Wagner das fassungslose Publikum auf der Wartburg reagieren lässt, wenn Tannhäuser im Sängerwettstreit dem von tugendvoller Liebe singenden Walther von der Vogelweide entgegnet: »Im Genuss nur kenn ich Liebe!«

Minnesang und Ritterstolz gehören indes keineswegs zur Standardausstattung der Burg. Deren Bedeutung – und das ist die wichtigste Erkenntnis dieser Doppelausstellung – erschöpft sich auch nicht in der Schutz- und Trutzfunktion für die schillernden Kämpfer. Dies gilt sowohl für die Hauptphase des Rittertums zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert als auch für die Zeit davor und danach. Denn Burgen hat man schon gebaut, bevor es Ritter gab, und sie wurden auch dann noch bewohnt, als diese ihr Eisenkleid längst gegen ein Samtwams eingetauscht hatten.

Die vielen in Burgsälen geschlossenen Verträge und die Lehnsurkunden, die das Deutsche Historische Museum präsentiert, zeigen, dass Burgen vor allem von politisch-symbolischer Bedeutung waren. Sie dienten als »Nagel, der die Herrschaft über ein Gebiet sicherte«, wie es Kurator Rainer Atzbach formuliert. Diese politische Funktion war weit bedeutender als die militärische und hat sich bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806 erhalten.

Solange das Feudalwesen bestand, so lange wurden Land und Bauern von den Burgen aus kontrolliert – wenn auch die großen politischen Entscheidungen vom Ende des Mittelalters an in den fürstlichen Residenzen getroffen wurden. Der Burgherr trieb die Abgaben der Bauern ein, die dem Adel den Lebensunterhalt sicherten. »Dar umbe hât man bürge, daz man die armen würge«, schrieb der Dichter Freidank um das Jahr 1230. Hinter den Zinnen wurde also weniger gekämpft als gerechnet und unerbittlich verhandelt.

Leserkommentare
  1. oder, in den Worten eines modernen Dichters:

    "in diesem Mittelalter leben wir immer noch." - Enzensberger.

  2. Ein hervorragender Bericht und eine echte Bereicherung.
    Weiter so!

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