Die Schlacht bei Grunwald war der militärische Gründungsakt der Union Polens und Litauens. Nach dem Tod des litauischen Fürsten Witold 1430 wurde der König von Polen gleichzeitig Großherzog von Litauen. Von 1569 bis 1795 blieb die res publica ein Bundesstaat mit einer Währungsunion, in ihrer Außenpolitik indes waren die beiden Länder durchaus autonom. So nahmen die Litauer, als König Johann Sobieski 1683 gegen die Türken zog, am Entsatz von Wien nicht teil.

Der polnisch-litauische Staat, die Rzeczpospolita, hatte eklatante Schwächen. Die Zentralverwaltung war unterentwickelt, es herrschte eine wirtschaftliche Monokultur. Dazu kam der ständische Egoismus der Adelsnation, die Bürger und Bauern unterdrückte und die freien Kosaken – und damit die Ukraine – nicht zum dritten Teilstaat der res publica aufsteigen ließ. Auf der anderen Seite bewahrte sich die politische Klasse des Landes einen Sinn für Freiheit und Gleichberechtigung, wie er in der Wahlmonarchie zum Ausdruck kam und in Europas erster moderner Verfassung von 1791. Nach der endgültigen Teilung und dem Verlust der Eigenstaatlichkeit trug die Erinnerung an die Rzeczpospolita zu einem widerständigen Nationalbewusstsein bei, sowohl in Polen als auch in Litauen.

Immer wieder beschworen und besangen die Barden des 19. Jahrhunderts die vergangenen Siege. Der besonders im russischen und österreichischen Teil des Landes gepflegte Kult um die Schlacht von Grunwald richtete sich direkt gegen die Bismarcksche und wilhelminische Polenpolitik. Die Kreuzritter, der im Jahr 1900 erschienene Roman des Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz, wurde zur nationalen Bibel. Und die Grunwald-Denkmäler, 1910 in Krakau und New York errichtet, dokumentierten den Anspruch auf Selbstbestimmung und Souveränität.

Für die preußisch-deutschen Nationalisten blieb die »Schmach von Tannenberg« hingegen ein Stachel im Fleisch, der mit dem Mythos von der Marienburg als deutschem Vorposten gegen die Barbarei kompensiert werden sollte. Später stilisierte man den Sieg über die russischen Armeen in Ostpreußen im September 1914 zur zweiten Tannenberg-Schlacht, zur Revanche für Grunwald.

Auch die Nazis wollten die Erinnerung tilgen. Sie zerstörten nach der Besetzung Polens 1939 das Krakauer Denkmal Jagiełłos und überführten die Kopien der 1410 eroberten Standarten feierlich in die Marienburg; die Originale waren bereits 1797 von den Habsburgern entwendet worden und sind seitdem verschollen – wie heute auch die Kopien.

Just in jenen Tagen der deutschen Schreckensherrschaft diente der Grunwald-Mythos den Polen zur »Ertüchtigung der Herzen«. Soldaten der Untergrundarmee wählten als Nom de Guerre oft Namen aus Sienkiewicz’ Roman.

Auch die Kommunisten zitierten gern die Grunwald-Symbolik, weil man daraus irgendwie auch eine »polnisch-sowjetische Waffenbrüderschaft« ableiten konnte. Da wurden die drei Smolensker Pulks, die trotz der Flucht der Litauer standgehalten hatten, plötzlich zu Vorboten der Roten Armee.