»Grunwald« blieb das Stichwort bei nationalen Muskelspielen. Noch in den achtziger Jahren versuchten die Betonköpfe der Kommunistischen Partei, schon in Panik durch den Solidarność-Erfolg, mit der »Patriotischen Vereinigung Grunwald« eine antideutsche Stimmung im Lande zu schüren – angesichts der deutschen Paketaktion für Polen in den Tagen des Kriegsrechts 1981/82 ein besonders lächerliches und hoffnungsloses Unterfangen.

Auch für den ewigen polnisch-litauischen Historikerstreit war die Schlacht ein gefundenes Fressen. Denn in der litauischen Lesart entschieden sie nicht die Polen, sondern die Litauer, die eine tatarische Taktik anwandten und ihre Flucht nur mimten, um die Kreuzritter in die Sümpfe zu locken. Nebbich, antworteten Polens späte Grunwald-Krieger, und selbst wenn, dann verpfuschten sie den Plan, denn mehr Litauer ergriffen die Flucht, als sie Verfolger von der Hauptschlacht ablenkten. Den Streit schlichtete der schwedische Historiker Sven Ekdahl, nachdem er vor wenigen Jahren in einem Göttinger Archiv einen Brief aus dem Schicksalsjahr fand. Darin warnt der (anonyme) Schreiber die Ordensbrüder, man möge künftig bei einer Flucht der Litauer diesen nicht folgen, weil das nur eine Finte sei.

Diese exklusiven Debatten interessieren die Neuritter wenig, die jedes Jahr in den Auen von Grunwald die Schlacht nachstellen. Auch die Brüder Kaczyński kümmerten sich 2005 nicht um die Details, als sie vor Jan Matejkos berühmtem Schlachtengemälde im Warschauer Nationalmuseum ihren (damals siegreichen) Präsidentschaftswahlkampf eröffneten.

Zum 600. Jahrestag gibt es keine antideutschen Töne mehr

Ansonsten aber ist es still geworden über dem Schlachtfeld. Dass der Deutsche Orden nicht nur ein verhängnisvoller Erbfeind war, sondern sich auch produktiv für die Entwicklung des Königreichs Polen ausgewirkt hat, kommt inzwischen als Gemeinplatz daher. Und ganz sicher wird an diesem Jahrestag auch keine antideutsche Politik mehr gemacht. Der in der Flugzeugkatastrophe von Smolensk ums Leben gekommene Präsident Lech Kaczyński wollte zwar den Sieg zusammen mit dem litauischen Präsidenten als ein Event in seinem geplanten Wahlkampf feiern. Doch die Zeit für solche Inszenierungen ist vorbei. Stattdessen werden die Erinnerungsfestivitäten wohl jenen Tonfall aufnehmen, den Angela Merkel voriges Jahr in Kalkriese gewählt hat: »Wir« haben zwar die Hermannsschlacht gewonnen, aber ob die Germanen dadurch friedfertiger geworden und näher an Europa gerückt sind?

Der vergangenheitspolitische Ertrag des Jahrestags wird dementsprechend versöhnlich ausfallen. Schon macht in Polen die Idee die Runde, dass aus gegebenem Anlass der Ministerpräsident und die Bundeskanzlerin eine Schirmherrschaft über den Wiederaufbau von Schloss Steinort in Masuren übernehmen. Hier könnte, so lautet die Erwartung, eine Forschungsstätte für Wissenschaftler entstehen, die sich mit der Geschichte dieses Teils Europas beschäftigen.

Einer Geschichte, für die zum Beispiel Ignatius Krasicki steht. Dieser polnische Bischof, ein Freund Friedrichs des Großen, ein Aufklärer und bekannter Schriftsteller, der 1773 die Hedwigs-Kathedrale in Berlin weihte, verweilte gern in Steinort bei seinen Freunden, den Lehndorffs – ganz unabhängig davon, auf welcher Seite ein Lehndorff oder Dohna 1410 bei Grunwald wohl gestanden haben mochte...