Bürgerkonferenz Medizin, wie wir sie wollen
In Lübeck beraten erstmals die Bürger selbst über Prioritäten im Gesundheitswesen
Jörg Carlsson ist Deutschschwede, und das macht ihn zu einem idealen Zeugen. Blass, mit kurz geschorenen Haaren und ernster Miene wartet er in der Vorhalle des Lübecker Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung. Gleich soll er Rede und Antwort stehen über Schwedens Gesundheitssystem.
An diesem sonnigen Junitag haben sich 19 Lübecker und einige akademische Beisitzer versammelt. Ihre kleine Runde ist für ganz Deutschland interessant. Denn hier sollen die Bürger tun, was ihnen sonst verwehrt bleibt: sich einmischen in die Gesundheitspolitik, schwierige ethische Fragen diskutieren. Welche Behandlung halten sie für essenziell, welche für weniger wichtig? In Schweden wird so schon seit Langem nach Ethik und Kosteneffizienz abgewogen, » Priorisierung « heißt das. Medizinische Ressourcen sollen gerechter verteilt werden – eine gute Vorbereitung für zukünftige finanzielle Engpässe. »Und das«, sagte der Rentner Hans-Joachim Saß vor Beginn, »sieht doch jeder ein.«
Nun wird Jörg Carlsson in den Saal gebeten. Er nimmt an einem isoliert stehenden Tisch Platz, ein wenig wie vor einem Untersuchungsausschuss. Carlsson stellt sich vor: 1963 geboren, Kardiologe in der ostschwedischen Küstenstadt Kalmar. Und vorab noch: »Wenn es um einen Vergleich der Gesundheitssysteme geht, bin ich Partei. Das schwedische System gefällt mir besser.«
Die Lübecker Bürgerkonferenz ist ein einzigartiges Experiment, um das Gesundheitswesen von unten in die Gänge zu bringen. In dessen Gestrüpp finden zwar viele Interessenvertreter Gehör – Ärztefunktionäre, Gesundheitspolitiker, Vertreter der Pharmaindustrie und oft auch Patientenverbände mit ihren Partikularinteressen – eine Stimme jedoch fehlt regelmäßig: die der Bürger. Sie sitzen ohne Stimmrecht am Katzentisch der großen Organisationen, falls überhaupt. Das will der einladene Lübecker Sozialmediziner Heiner Raspe dringend ändern: »Ich will einen Platz für Bürger in diesen Gremien reklamieren.«
Raspe ärgert sich schon lange über die institutionelle Ignoranz, die im deutschen Gesundheitsapparat herrscht. »Von Kassenseite wird immer behauptet‚ ›die Bürger verstehen das nicht‹. Und Politiker sagen: ›Priorisierung ist kein Wahlkampfthema, das ist zu kompliziert, die Bürger werden verunsichert.‹« Seit 20 Jahren kämpft Raspe schon für ein Umdenken, vergeblich. In eine Denkschrift zur Priorisierung hat er zwei Jahre Arbeit gesteckt, sich an der zweiten Enquetekommission des Bundestags zu »Ethik und Recht der modernen Medizin« beteiligt. Aber diese Anstrengungen versandeten. In Lübeck will Raspe jetzt praktisch den Beweis führen, das Bürger kompetent mitreden können. »Eine Art trotzige Reaktion« sei das.
»Was verstehen Sie unter Priorisierung?«, möchte ein Teilnehmer im Saal als Erstes von Carlsson wissen. »Zunächst einmal ist Priorisierung das, was wir als Ärzte ohnehin jeden Tag machen«, antwortet dieser. Dabei würde eine Rangordnung medizinischer Maßnahmen aufgestellt, ausgehend von deren Wichtigkeit. Ist Priorisierung ein Wahlkampfthema? Nein, darüber spreche in Schweden keiner mehr, über die Notwendigkeit sei man sich einig. Ursache für diese hohe Akzeptanz sei das sehr hohe Gerechtigkeitsempfinden.
Die Bürger im Raum wissen nichts von weitreichenden akademischen Überlegungen, etwa von jenen des Harvard-Medizinethikers Norman Daniels, einem der Vordenker für eine gerechtere Medizin. Manchen geht das sperrige Wort »Priorisierung« noch schwer über die Lippen – aber ihre Fragen sind vernünftig und präzise: Wie wird das schwedische Gesundheitssystem finanziert? Aus Steuern. Ist Priorisierung dasselbe wie Rationierung? Nein. Auf welchen Ebenen findet sie statt? Bei der Gesundheitsbehörde und in den Regionen. Wie wird Innovation sichergestellt? Die Prioritäten werden ständig überarbeitet.
Und schließlich die größte aller deutschen Medizinsorgen: Gibt es Wartelisten? Ja, aber die seien kein großes Problem, sagt Carlsson. »In Schweden ist der Service vielleicht nicht ganz so gut, dafür sind die medizinischen Ergebnisse regelmäßig besser als in Deutschland.«
Der konstruktive, disziplinierte Gesprächsverlauf ist nicht das Ergebnis einer aufwendigen Talentsuche. Das Institut hat die Teilnehmer unter Hunderten Aspiranten aus einer Zufallsstichprobe von 3000 Lübeckern ausgewogen zusammengesucht: Jeweils ein Drittel hat die Hauptschule, die Realschule, das Gymnasium besucht. Der jüngste ist 19 Jahre alt, der älteste 72. Kompetent interviewen diese Laien den Experten. Das liegt an der guten Vorbereitung durch Raspe und seine Mitarbeiter mit einer Mischung aus Moderationstraining und Medizinethik-Crashkurs. Fallbeispiele brachten den Teilnehmern die Dilemmata nahe, die sich aus der Priorisierung ergeben können: Wem soll man eher die Hüftprothese geben? Der alten Dame, die schon Jahrzehnte in die Krankenkasse eingezahlt hat? Oder der jungen Alleinerziehenden?
So sensibilisiert, fragten die 19, stellvertretend für 82 Millionen, an vier Tagen fünf Experten aus: eine Politikwissenschaftlerin, einen Allgemein- und einen Sozialmediziner, einen Transplantationsarzt und schließlich Jörg Carlsson.
Nach einer Stunde wird dieser entlassen. Die Bürger notieren auf gelben Zetteln ihre Resümees und heften diese an eine Stellwand. Gleich auf vieren steht »Transparenz«, auf einem weiteren »Bürgereinmischung wichtig« – aber auch »Übertragung des Systems auf Deutschland nicht möglich – keine Transparenz«.
»Was immer wieder kam«, sagt Raspe, »ist die Forderung, anders als in Schweden, auch das Eigenverschulden in die Prioritätenliste mit einzuschließen.« Die starke Botschaft laute: Wir sind zur Priorisierung und zu Einschränkungen bereit – solange die Debatte öffentlich und transparent geführt wird und es nicht plötzlich heißt, »es gibt keine Brille oder keinen Zahnersatz mehr«.
Am 5. Juli wird das Ergebnis an viele Landesministerien, Krankenkassen, Fachgremien und Ärzteverbände verschickt – auch an Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, der Priorisierung im Gesundheitswesen bislang strikt ablehnt.
»Es kann aber passieren«, sagt Heiner Raspe, »dass unsere Botschaft völlig untergeht, wegen der Bundespräsidentenwahl« – in deren Vorfeld hatte der Kandidat Joachim Gauck mehr Bürgerbeteiligung gefordert.
- Datum 06.07.2010 - 15:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.07.2010 Nr. 27
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Die Lübecker Bürgerkonferenz ist bestimmt ein lohnendes Unternehmen, auch wenn sich mal wieder viele Randgruppen aus egoistischen finanziellen Gründen einmischen. - Aber vergessen wir nicht, dass gerade in diesen Wochen die Schließung der medizinischen Universität in Lück von Kiel aus betrieben wird und damit ein gut eingearbeitetes Zentrum von Lehre und Forschung - nach jahrelangem Aufbau und Erfolg - im norddeutschen Raum verloren gehen wird!
So wie ich den Artikel verstanden habe, sind es gerade keine Randgruppen, die dort diskutieren sondern ein möglichs genau getroffener Bevölkerungsdurchschnitt:
"Das Institut hat die Teilnehmer unter Hunderten Aspiranten aus einer Zufallsstichprobe von 3000 Lübeckern ausgewogen zusammengesucht..."
Um die Priorisierung werden wir auch in Deutschland langfristig nicht herumkommen, auch wenn ich mit Hinblick auf die derzeitige Regietung und ihre AAA (Ärzte, Apotheker, Architekten) Zielgruppe nicht glaube, dass sich schon in den nächsten 3 Jahren etwas tun wird.
Der Ruf nach Transparenz ist dabei wenig überraschend, geht es doch um ein angstbesetztes, sehr emotionales Thema. Hoffen wir, dass er gehöhrt wird.
So wie ich den Artikel verstanden habe, sind es gerade keine Randgruppen, die dort diskutieren sondern ein möglichs genau getroffener Bevölkerungsdurchschnitt:
"Das Institut hat die Teilnehmer unter Hunderten Aspiranten aus einer Zufallsstichprobe von 3000 Lübeckern ausgewogen zusammengesucht..."
Um die Priorisierung werden wir auch in Deutschland langfristig nicht herumkommen, auch wenn ich mit Hinblick auf die derzeitige Regietung und ihre AAA (Ärzte, Apotheker, Architekten) Zielgruppe nicht glaube, dass sich schon in den nächsten 3 Jahren etwas tun wird.
Der Ruf nach Transparenz ist dabei wenig überraschend, geht es doch um ein angstbesetztes, sehr emotionales Thema. Hoffen wir, dass er gehöhrt wird.
So wie ich den Artikel verstanden habe, sind es gerade keine Randgruppen, die dort diskutieren sondern ein möglichs genau getroffener Bevölkerungsdurchschnitt:
"Das Institut hat die Teilnehmer unter Hunderten Aspiranten aus einer Zufallsstichprobe von 3000 Lübeckern ausgewogen zusammengesucht..."
Um die Priorisierung werden wir auch in Deutschland langfristig nicht herumkommen, auch wenn ich mit Hinblick auf die derzeitige Regietung und ihre AAA (Ärzte, Apotheker, Architekten) Zielgruppe nicht glaube, dass sich schon in den nächsten 3 Jahren etwas tun wird.
Der Ruf nach Transparenz ist dabei wenig überraschend, geht es doch um ein angstbesetztes, sehr emotionales Thema. Hoffen wir, dass er gehöhrt wird.
Ist es das etwas andere Verfahren, die etwas andere Herangehensweise, mit, allerdings, manchmal den dann doch gleichen Folgen?
warum nicht auch bei Fragen wie dem Afghanistan-Krieg, der Todesstrafe, der Kinderförderungs-Unterstützung und ihrer Undifferenziertheit und dgl. mehr?
Auch hier wird ja einfach von oben "durchregiert" bzw. durchdokriniert, hat man manchmal den Eindruck.
Ich verstehe hier eigentlich nichts. Wer hat was zu welchem Zweck gemacht? Irgend wie erklärt der Artikel viel zu wenig, ignoriert sogar die journalistischen Grundlagen.
Versuche ich es mir selbst zu erschließen, sehe ich nur Fragen. Natürlich als erste die, warum das "Ergebnis" überhaupt nicht benannt wird. Es wurde ja am 5. Juli angeblich verschickt.
Dann nur Fragen, wer da überhaupt war und wie die Auswahl war. Auf der fachlichen Seite erhalte ich keine umfassende Information, auf der gewissermaßen bürgerlichen Seite stehe ich vor einem Rätsel, denn es werden die unterschiedlichsten Zahlen genannt. Oder geht es auf die Macher dieser Veranstaltung zurück? Denn wer eine stellvertretende Gruppe für die Gesamtbevölkerung dadurch erstellt, dass er ein Drittel mit je Hauptschul-, Realschul- und Gymnasium-Abschluss wählt, hat irgend wie die Statistik nicht verstanden. Und bei der "Vorbereitung" dieser Menschen wird mir dann ganz komisch.
Diskussionsrunden und Informationsveranstaltungen zu diesen Themen gibt es reichlich. Eher treffen sie auf ein gesellschaftliches Interesse oder auf eine politische Ignoranz. Auch da verstehe ich die Aussage des Artikels nicht.
Kann es sein, dass hier ein paar Befürworter eines ganz bestimmten Gesundheitssystems nur ihre Vorstellungen verbreiten wollen? Das scheint mir sehr wahrscheinlich.
Und dann hätte die Zeit sich einen schlechten Dienst erwiesen...
Beispielweise:
MMS (Miracle Mineral Supplement) Behandlung von Viren und Bakterien.
(Habe ich selber erfolgreich angewendet).
Strophanthin: Behandlung von Herz- und Gefäßerkrankungen.
(War bis in die 70' Jahre Schulmedizin)!
Neue Germanische Medizin: Behandlung von Krebs
Diese 3 genannten Dinge sind extrem kostengünstig. Big Pharma bleibt außen vor.
Es gibt noch viele andere medizinische Dinge die unser Gesundheitswesen revolutionieren könnten (nicht patentierbare Heilkräuteressenzen).
Da würde ich gerne mitreden.
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