Die Globalisierung dringt in die entlegensten Winkel der Erde vor – und erreicht dabei auch eine Gruppe von Menschen, über die man nicht täglich in den Wirtschaftsnachrichten liest. Von Asien bis Lateinamerika steigt die Gewalt von Ureinwohnern, von eingeborenen Völkern und Stämmen, als Reaktion auf den Kontakt mit der globalisierten Wirtschaft. Allein in Peru gab es mehr als 200 solcher Konflikte. Der blutigste liegt etwa ein Jahr zurück: In Bagua in Amazonien kämpfte die Polizei mit Eingeborenen, die gegen fremde Investoren protestierten. 34 Menschen starben.

Manche Stammesführer wünschen sich eine Lösung wie im Kinofilm Avatar. Dort nehmen die Eingeborenen die Eindringlinge aus Amerika fest und schicken sie zurück in die Heimat. Doch ein Jahr Forschung in Amazonien hat mich gelehrt: Die Hollywood-Lösung funktioniert hier nicht.

Das wahre Problem am Amazonas ist nicht die Präsenz ausländischer Firmen an sich, die durch Bergbau, Rodung, Ölbohrungen und die Produktion von Biotreibstoff von den Ressourcen dieser Region profitieren wollen. Stattdessen fürchten die Eingeborenen, dass die Kräfte der Globalisierung sie versklaven werden und dass sich die Biodiversität ihrer Wälder verringern wird. Dieser Kampf ist unfair. Den Ureinwohnern fehlen die Waffen – und hier rede ich nicht von Pfeilen und Gewehren, sondern zum Beispiel von Rechtskenntnissen.

Schuld an diesem ungleichen Kampf sind dabei auch jene Wohlmeinende in den reichen Ländern, die an Märchen glauben, wie Avatar und andere Filme sie verbreiten. Ein paar Beispiele:

Ureinwohner leben in einem kommunistischen Paradies. Gegen diesen Mythos wehren sich die Eingeborenen selbst: »Gemeinschaftliche Produktion sollte nicht länger gefördert werden«, schrieben etwa peruanische Stammesführer im vergangenen Jahr an ihre Regierung.

Eingeborene sind auf ihre eigene Weise reich. In armen Ländern sind die Ureinwohner die Allerärmsten: Sieben von zehn unter ihnen gelten als arm; jedes zweite ihrer Kinder ist unterernährt; ihre Lebenserwartung liegt 20 Jahre unter derjenigen der restlichen Bevölkerung.

Ureinwohner wollen abgeschottet leben. In Peru sind die meisten Eingeborenen in die Städte gezogen. Jene, die noch isoliert leben, wünschen ihren Kindern zu 55 Prozent eine Zukunft in einer Stadt.

Ureinwohner lehnen Privateigentum und Unternehmen ab. Wo auch immer wir geforscht haben, war die überwältigende Mehrzahl der Häuser, Äcker und Jagdreviere in privatem Besitz. In ganz Amazonien werden Geschäfte abgeschlossen – aber leider in einer Schattenwirtschaft ohne Rechtssicherheit. Die Gründung eines legalen Unternehmens ist zu aufwendig und zu teuer: Einen Betrieb anzumelden dauert bis zu 105 Tage.

Die Weltanschauung der Eingeborenen ist inkompatibel mit der Globalisierung. Nonsens – genauso gut könnte man behaupten, dass manche Nationen nicht Fußball spielen können. Kulturen verändern sich und übernehmen Elemente anderer Kulturen. Bei Friedensverhandlungen in Peru forderten die Eingeborenen zuerst Bildung und moderne Technik.

Das Ergebnis all dieser mythischen Verklärung ist, dass die Eingeborenen Perus ein leichtes Opfer für Ausbeuter bleiben. Der Zugang zu internationalen Märkten für ihre Produkte, etwa Mahagonibäume, bleibt ihnen verschlossen. Weil eingeborene Unternehmer keine Rechtsform wählen können, die ihre persönliche Haftung beschränkt, droht ihnen bei Geschäften der Vermögenstotalverlust. Ein insolventer Schuldner kann gezwungen werden, für seinen Gläubiger zu arbeiten – de facto ist er dann ein Sklave. In Peru leisten rund 33.000 Eingeborene Zwangsarbeit.

Es ist also Zeit für eine Debatte, wie Ureinwohner zu ihrem Recht kommen: zu Eigentum und legalen Unternehmen. Die Alternative wäre mehr Gewalt. Wir müssen den Eingeborenen die rechtlichen Mittel geben, um die Gefahren der Globalisierung abzuwehren und deren Vorzüge zu nutzen. Damit dies funktioniert, müssen wir zuallererst das Märchen der glücklichen, selbstgenügsamen, exotischen Ureinwohner dem Kino überlassen.