Hoteltest Vom Nippes befreit
Charmant, zuvorkommend und ganz und gar unprätentiös: Der Kitzhof im österreichischen Kitzbühel
© Kitzhof

Der moderne Kitzhof fügt sich harmonisch ins Bergpanorama
Seit einiger Zeit kann man beobachten, wie Hotelketten neben ihren bestehenden Häusern zusätzlich eine kleine sogenannte Boutiquekollektion auf den Markt bringen. Damit wollen sie sich und der Welt zeigen: Schaut her! Und vor allem: Kommt her! Wir können es nämlich noch besser. Diese Hotels sind oft in bester Lage und außergewöhnlich gestaltet. Bei Ritz Carlton werden sie Reserve genannt, bei Hilton heißen sie Waldorf Astoria, für Intercontinental firmieren sie als Indigo. Auch die Gruppe Motel One, die in der Low-Budget-Hotellerie sehr erfolgreich ist und Zimmer schon ab 59 Euro vermietet, hat sich ein Renommierprojekt zugelegt: das Hotel Kitzhof im Tiroler Wintersportort Kitzbühel. Genauer heißt es Mountain Design Resort.

Rustikal ohne Alpenkitsch: Die Suite im Kitzhof
Der Kitzhof liegt mitten in der Stadt. Früher hieß das Hotel Astron und war eines dieser uncharmanten, spießigen Alpenhotels aus den siebziger Jahren, in denen man als Gast stark selbstmordgefährdet war. 17 Millionen Euro investierten die jetzigen Betreiber, und wer das Haus mit seinem Anbau heute betritt, wird angenehm überrascht. Fort ist der Nippes, der rustikale Alpenkitsch. Man betritt eine Lobby, für die ein ortsansässiger Tischler eine schlichte Rezeption aus altem Holz gefertigt hat. An weißen und brombeerfarbenen Wänden hängen große Schwarz-Weiß-Fotos, die Kitzbühel in den Anfängen des Bergtourismus zeigen. Die Lobby geht gleich in eine Art Lounge über, mittendrin knistert das Feuer in einem offenen Kamin. Von hier reicht der Blick in den Garten, eine Art Bauerngarten mit Stauden wie Rittersporn und Pfingstrosen, dahinter leuchten die Dächer der Stadt und hoch oben das Kitzbüheler Horn.
Jetzt muss es raus: Der Kitzhof, vier Sterne, 163 Zimmer, ist eines der wenigen ehrlichen Hotels, die man in der vergangenen Zeit gesehen hat. Es gibt nicht vor, mehr zu sein, als es ist – und verblüfft trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb. Die Zimmer zum Beispiel spielen fast ironisch auf die Umgebung an: Lärchenholzboden, ein Kuhfell, rechteckig geschnitten und wie ein Gemälde aufgehängt, ein Schemel mit Sitzfläche aus Filz – Archetypen der Bergbauern, die der Gegenwart charmant angepasst wurden. Dazu ein Fernseher mit Flachbildschirm und drahtloser Internetzugang, gratis. Wenn man hier etwas kritisieren möchte, dann die etwas schwere Bettdecke, unter der man fast klaustrophobisch wird, oder die Klimaanlage, deren Knöpfe einen maßlos überfordern; die geöffnete Balkontür sorgt ohnehin für frischere Luft.
Natürlichkeit ist auch das Thema des Spa. Vor dem Fitnessbereich plätschert ein kleiner Wasserfall, vom Pool aus blickt man durch eine riesige Fensterfront hinaus ins Grün. In vielen Hotels ist der Pool so klein, dass die Gäste darin wie Bojen auf und ab wippen, hier jedoch lassen sich richtige Bahnen ziehen. Man hat das Gefühl, dass an den Gast gedacht wird, dass überall versucht wird, ihn mit kleinen Dingen zu erfreuen. Etwa mit Zeitungen und Zeitschriften. Ob man Jachtbesitzer oder Gartenfreund ist, ob man sich für Golf, für Hunde, für Literatur oder einfach nur für Hollywood interessiert, für jeden Geschmack ist etwas da, und das auch noch aktuell. Da liegt man, liest und schläft zwischendurch vielleicht mal ein. Nachdem irgendwer irgendwann die bodentiefen Fenster geöffnet hat, wird man von den Vögeln mit einer kleinen Alpensonate geweckt.
Entspannt und frisch, wie einem Jungbrunnen entstiegen, schlendert man später zum Restaurant. Vielleicht noch ein Aperitif? Der Barkeeper hat sich die Wünsche des Gastes vom Vorabend gemerkt und serviert den Martini mit Eis und ohne Zitrone. Auch der Kellner kann sich noch erinnern, dass man das Wasser gerne still und raumtemperiert trinkt. Nur vom Küchenchef würde man sich noch etwas mehr Einsatz wünschen. Er könnte zum Beispiel die asiatischen Gerichte von der Karte streichen, seine österreichischen sind ungleich besser und moderner. Etwa der Kalbstafelspitz, der hier nicht gekocht, sondern rosa angebraten und mit Topfenspätzle und Spargel serviert wird.
Nach dem Besuch im Kitzhof muss man sagen: Mit seinem neuen Vorzeigehotel spielt die Motel-One-Gruppe nun auch in der Oberliga mit.
Hotel Kitzhof , Mountain Design Resort, Schwarzseestraße 8–10, A-6370 Kitzbühel, Tel. 0043-5356/63211120, www.hotel-kitzhof.com , E-Mail: info@hotel-kitzhof.com , Doppelzimmer ab 190 Euro inkl. Frühstück
- Datum 12.08.2010 - 11:48 Uhr
- Serie Hoteltest
- Quelle DIE ZEIT, 01.07.2010 Nr. 27
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:











>eines dieser uncharmanten, spießigen
>Alpenhotels aus den siebziger Jahren,
>in denen man als Gast stark selbstmord-
>gefährdet war
Wer in den Alpen Urlaub macht, und sich für mehr als zum Schlafen und Essen im Hotel aufhält, der macht was falsch.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren