Roland Koch zur Bildungspolitik "Die Sorge ist übertrieben"

Der scheidende Ministerpräsident Roland Koch über die Rolle der Bildung in der Politik

DIE ZEIT: Sie wollten Hessen einst zum Bildungsland Nummer eins machen. Am Ende Ihrer Amtszeit gelten Sie bundesweit als der Buhmann der Bildungspolitik. Haben Ihnen elf Jahre als Ministerpräsident das Interesse an der Bildung verleidet?

Roland Koch: Ganz im Gegenteil. Ich bin weiterhin ein engagierter Befürworter der Bildung. Sie ist das kostbarste Gut, das wir in unserer Gesellschaft pflegen müssen.

Anzeige

ZEIT: In Hessen wird der Etat der Universitäten zusammengestrichen. Sie haben dazu aufgerufen, national bei der Bildung zu sparen. Sieht so eine bildungsfreundliche Politik aus?

Koch: Wir in Hessen nehmen die Schuldenbremse ernst. Dennoch wurden unter meiner Regierung die Ausgaben für Schulen und Hochschulen von knapp zwei Milliarden Euro 1999 auf heute drei Milliarden gesteigert. Die hessischen Hochschulen sind wieder konkurrenzfähig. Wir haben Schluss gemacht mit dem Ausfall von 100.000 Unterrichtsstunden.

ZEIT: Das scheinen Ihre Wähler nicht bemerkt zu haben.

Koch: Erst einmal zeigen die Umfragen, dass die Bürger in Hessen im Vergleich zu anderen Ländern etwas weniger unzufrieden mit der Bildungspolitik sind.

ZEIT: Sie sind bescheiden geworden.

Koch: Das muss man heute leider sein in der Bildungspolitik, fürchte ich. Denn es herrscht in allen Bundesländern eine Skepsis gegenüber der Schulpolitik, die es so vorher niemals gab – und zwar egal, welche Partei gerade in der Verantwortung steht. Viele Eltern hinterfragen jedes Detail in der Schule mit einem Grundmisstrauen und einer Akribie, die schlicht unzufrieden machen müssen.

ZEIT: Sind die Eltern also schuld am schlechten Image unserer Schulen?

Koch: Das habe ich nicht gesagt. Ich meine allerdings, dass die Sorge darum, was unsere Schulen leisten, übertrieben ist. Zudem ist das Misstrauen ungerecht gegenüber unseren Lehrerinnen und Lehrern. Elternabende sind heute gefürchtete Stressveranstaltungen, weil Lehrerinnen und Lehrer mit Anforderungen konfrontiert werden, die sie nicht erfüllen können – und oft nicht erfüllen müssen. 

ZEIT: Wo sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung?

Koch: Große Teile der Mittelschicht fürchten sich vor dem sozialen Abstieg. Sie leben in großer Sorge, dass es ihren Kindern schlechter gehen könnte als ihnen selbst. Früher hieß es, meine Kinder sollen es einmal besser haben. Heute regiert die Angst, den sozialen Status der Familie nicht halten zu können.

ZEIT: Das ist doch ein allgemeines gesellschaftliches Problem...

Koch: ...das sich aber unmittelbar auf die Skepsis gegenüber den Schulen und der Bildungspolitik auswirkt. Die übergroße Besorgtheit, was mit dem eigenen Kind passiert, ist zum zentralen Maßstab geworden, mit dem das Schulsystem kaum noch fertigwird.

ZEIT: Wollen Sie die Defizite unseres Schulsystems leugnen? Gerade vergangene Woche hat der neue Ländervergleich sie wieder einmal deutlich gemacht.

Koch: Untersuchungen wie die Pisa-Studie haben uns zu vielen Erkenntnissen verholfen. Gleichzeitig haben sie unsere Wahrnehmung aber stark negativ verzerrt. Unsere Schulen sind ganz sicher nicht so schlecht, wie viele in der Gesellschaft den Eindruck haben und ihn vermittelt bekommen.

Leser-Kommentare
    • joG
    • 02.07.2010 um 15:27 Uhr
    • CM
    • 02.07.2010 um 16:34 Uhr

    Komisch, warum redet er im Interview über Politik statt über seine Rolle als ... ja, als was eigentlich? Kann er sich nun nicht seinem Hauptberuf als Cheflobbyist der Fraport AG widmen?

    Müssen wir nun erwarten, daß es bald wie in der "Muppet-Show" auf dem Balkon zwei ältere Herren gibt, die das Geschehen auf der Bühne mit Hohn begleiten? Und wer wäre dann der zweite ältere Herr? Mein Vorschlag: Silvio Berlusconi, weil gleich und gleich sich gern gesellt.

    Und dann ausgerechnet Bildung... ausgerechnet Roland Kochs Paradedisziplin, das Thema, bei dem er noch am meisten den Hessen geschadet hat - und dabei war das Ruinieren der hessischen Landesfinanzen in seiner Amtszeit auch schon ein Meisterstück.

    Über wessen Amtszeit redet er denn da eigentlich? Die Nachfragen der ZEIT sind gut, seine verschrobene Sicht auf eine erfolgreiche Bildungspolitik, die so in Hessen nicht existiert, kommt schön zur Geltung. Das Interview zeigt vor allem, daß Koch'sche Rabulistik zum Problem wird, wenn Koch glaubt, was er sagt, und das Problem lautet Realitätsverlust.

    Müssen wir uns um den Größten CDU-Führer aller Zeiten nun etwa Sorgen machen, weil er morgen anfängt, mit seinem Frühstücksei über Politik zu reden oder sich imaginäre Freunde zuzulegen?

  1. Denn die ist und bleibt, dass trotz vieler Zahlendreherei und Beschoenigung Deutschland unter dem Strich weniger Geld fuer Bildung ausgibt als andere Laender.

    http://www.visualeconomic...
    (oben auf "View Education" klicken)

    Und das im Vergleich sowohl mit aermeren Laendern dieser Erde als auch mit seinen wirtschaftlich vergleichbaren europaeischen Nachbarn und den USA. Und auch die derzeitige Wirtschaftskrise kann demnach nicht als Begruendung herangezogen werden, denn bei allen Problemen wuerde ich behaupten, dass z.B. Nicaragua (Bildungsetat 15% des BIP) weniger finanzielle Probleme hat als Deutschland (9,5%).

    Es ist also schlicht ein Faktum, dass Deutschland zu wenig Geld in Bildung investiert, auch noch nach allen Augenwischereien a la "Exzellenz-Initiative". Es muss mehr Geld her, von Bundes- und von Laenderseite!

  2. Ich teile als Vater von drei schulpflichtigen Kindern die Einschätzung Kochs nicht, das die Zukunftsangst Ursache der Schulskepsis der Eltern ist.
    Die Zukunftsängste sind lediglich Anlass die gängige Propaganda der verschiedenen Lager zu überdenken und zu erkennen, wie wenig Substanz diese enthalten im Hinblick auf die wirklichen Erfordernisse.
    Die Verringerung des Unterrichtsausfalls war da allerdings ein richtiger Schritt, die Verkürzung der Schulzeit auf die Schnelle ein kapitaler Fehler, zumindest in NRW.
    Das Hauptproblem aber ist eng damit verbunden, dass gesellschaftlicher Aufstieg mit der Art des Schulabschlusses verbunden wurde und immer noch wird. Nur weil das früher mal genutzt wurde, um nicht standesgemäße Konkurrenz abzuweisen.
    Nichts hat unsere Schullandschaft mehr in die Schieflage gebracht und Chancen vernichtet.
    Paradoxerweise verursacht der Hyp auf das Abitur, egal ob im Gymnasium oder Gesamtschule, eine Wiederaufstehung dieser Undurchlässigkeit.
    Denn wenn man schon die Kinder mit riesigem Aufwand durchpäppelt eine für sie ungeeignete Schulkarriere zu absolvieren, dann verlangen Eltern nachvollziehbar, das es sich gelohnt haben muss.
    Egal ob der Sprössling was kann, unglücklich ist oder frustriert, eifersüchtig und manchmal sogar hysterisch wird auf das Zertifikat verwiesen, um unliebsame Konkurrenz schon im Vorfeld auszunocken.

    Mehr Bildung hat der höhere Anteil an Abiturienten jedenfalls nicht zu Folge, eher mehr Durchschnittlichkeit.

    H.

  3. gut funktionieren, gäbe es nicht die immer größeren Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft und die aus dem politischen Geschacher enstandene Illusion dies alles über "Bildung" ausgleichen zu wollen. Der Akadmikervergleich mit anderen Ländern ist tatsächlich Schwachsinn. Ich würde eher einen Vergleich der Jugendarbeitslosigkeit heranziehen. Da steht Deutschland merkwürdigerweise blendend da. Ich gebe meinen Vorkommentator Recht, der meinte, dass mehr Abiturienten bestimmt nicht mehr Bildung bedeuten. Eher wird dadurch ein Run auf Privatschulen ausgelöst.
    Statt Bildungspopulismus wäre von der Poliitk mehr Ehrlichkeit in Umgang mit den Problemen unserer Gesellschaft gefragt.

  4. rate Herrn Koch aber dringend, einmal gründlich über den Unterschied von Beruf(ung) und Job nachzudenken. Job geht etwas schneller, nicht wahr? Darf er noch ein bißchen schneller sein, der Wett-Bewerb?

    (Im Gegenzug müssen sie bestimmte Lernergebnisse garantieren, die in regelmäßigen Abständen durch staatliche Tests überprüft werden. Das bringt natürlich ganz neue Herausforderungen mit sich, etwa für die Schulleiter, deren Job sich mehr als jeder andere in der Schule verändern wird.)

  5. ZEIT: Ausgaben begrenzen und zugleich Schulen und Hochschulen verbessern – das mutet wie eine Kochsche Zauberformel an.

    Koch: Überhaupt nicht. Wir haben die Frage der Effizienz unserer Schulen und Hochschulen ja niemals ernsthaft geführt, weil alle Angst vor dem Vorwurf hatten, man wolle eine Ökonomisierung der Bildung.

    Anm.: Was ist gemeint? Angst vor dem Vorwurf - oder Angst vor der Ökonomisierung (gemeint ist vermutlich eine verfassungsrechtlich nicht vorgesehene Privatisierung) der Bildung.

    Das halte ich für falsch. Was für die Wirtschaft oder die Verwaltung richtig ist, muss auch für Lehrer, Erzieher, Professoren oder Rektoren gelten: nämlich dass die Leistung für gleiches Geld immer wieder besser werden muss.
    ZEIT: Wie soll das gehen?
    Koch: Wir haben eine lange Tradition, wenn es darum geht, über die Klassengrößen oder die Stundenzahl zu streiten. Dabei wissen wir seit Pisa, dass die Schülerzahl pro Lehrer kaum Einfluss auf die Lernleistungen hat.

    Anm.: Ach – nein?

    Doch weil alle Eltern und Lehrer vom Gegenteil überzeugt sind und darin öffentlich bestärkt werden, versprechen Politiker – auch der CDU – bei jeder Wahl, die Klassenstärken zu senken.
    ZEIT: Worüber sollte man denn streiten?
    Koch: Ich vermisse bei den Beteiligten zum Beispiel die Kreativität, neue Lernmethoden oder andere Unterrichtsstrukturen zu entwickeln.

    Anm.: Bei – welcher Klassenstärke, sagte Koch noch mal?

    (Fortsetzung folgt)

  6. Eine moderne Schule muss das starre Muster, dass ein Lehrer 45 Minuten lang immer eine bestimmte Zahl von Schülern unterrichtet, aufbrechen. Stattdessen müssen wir unterschiedliche Unterrichtsformen finden: mal die Schüler in großen Gruppen unterrichten, mal Schüler in kleinen Gruppen individuell fördern, dann wieder über den Einsatz moderner Medien das eigenständige Lernen unterstützen.

    Anm.: Aha. Wie hat man sich das vorzustellen? Tür geht auf, Unterrichtsunterbrechung. Eine Gruppe Schüler: Was mach Ihr denn hier? Ach Mathe. – Läßt sich nieder. Eine andere Gruppe verschwindet aus Klasse/Kurs. Fortsetzung des Unterrichts – oder wie ?

    Auch die neuen Ganztagsschulen bieten große Chancen, wenn sie sich mit dem Stadtteil oder der Region vernetzen und engagierte Bürgerinnen und Bürger in die Schule integrieren.

    Auch die neuen Ganztagsschulen bieten große Chancen, wenn sie sich mit dem Stadtteil oder der Region vernetzen und engagierte Bürgerinnen und Bürger in die Schule integrieren.

    Anm.: Aha. Vernetzen. - Oder so ähnlich, wie?

    Noch was:
    Sagte jemand oben, der Interviewer habe seinen Job gut gemacht? Mir war so.
    Ich kann mir allerdings nur dann vorstellen, daß der Satz wahr ist, wenn Koch selbst ihm den verschafft hat - damit meine ich hier nur das Interview; ob Kochs Arm auch soweit reicht, ihn bei der zeit unterzubringen, vermag ich nicht zu beurteilen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service