Iranisches Atomprogramm Die Bombe ist nah

Will er Iran noch stoppen, muss der Westen auf kontrollierten Konflikt schalten

Dies ist kein guter Zeitpunkt, um über das iranische Atomprogramm zu reden. Eigentlich war jetzt Afghanistan dran, oder die Weltfinanzordnung. Die globale Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource, die Tagesordnung übervoll, und irgendwie hat man sich an die End- und Folgenlosigkeit der Bombendebatte gewöhnt. Wie lange sollten wir uns schon darum kümmern und vergessen es immer wieder, ohne Konsequenzen? Aber dann bricht die Realität doch durch. Der Chef des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Leon Panetta, hat nun erklärt, in zwei Jahren könne Iran eine funktionsfähige Atomwaffe haben.

Das genaue Datum ist hier nicht das Wichtigste. Geheimdiensteinschätzungen sind fehlbar; so viel allerdings lässt sich sagen, dass die Amerikaner seit dem Fiasko ihrer Irak-Analysen jedenfalls nicht mehr zum Alarmismus neigen. Entscheidend ist der Schock der Dringlichkeit, der Kontrast zwischen solchen knappen Fristen und der scheinbar unerschütterlichen Routine der Iran-Diplomatie. Mit tankerhafter Langsamkeit haben die Großmächte im UN-Sicherheitsrat eine neue Sanktionsresolution gegen Teheran herbeimanövriert. Um konkrete Resultate ging es dabei gar nicht, sondern um eine Demonstration diplomatischer Einigkeit: um den (vorläufigen, scheinbaren?) Konsens von Russland und China mit dem Westen. Sehr stolz ist man auf die Vereitelung einer iranischen Finte, die mithilfe Brasiliens und der Türkei den Sanktionsbeschluss abwenden sollte. In dies alles wurden, bis hinauf zu Präsident Obamas zähem persönlichem Einsatz, Monate harter Arbeit und gewaltige Mengen politischer Energie investiert.

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Für nichts? Iran in der Nuklearfrage zu isolieren, dabei über den Westen hinaus Verbündete zu suchen – das alles bleibt richtig; auf schmalerer Basis ist heute keine weltpolitische Legitimität mehr zu gewinnen. Aber richtig ist auch, dass diese ganze Diplomatie sich zu einer Scheinwelt entwickeln kann, zu einem selbstgenügsamen Paralleluniversum, in dem man einen »substanziellen Fortschritt« nach dem anderen erreicht und von einer »breiten Übereinstimmung« zur nächsten gelangt und am Ende vor einer fertigen iranischen Atombombe steht. Es gibt eine Wirklichkeit jenseits der Konferenzräume, und das Tempo draußen ist höher als drinnen.

Das ist die eine Illusion, von der man sich verabschieden muss: die Prozessgläubigkeit. Die andere betrifft die Absichten des Teheraner Regimes. CIA-Direktor Panetta hat offengelassen, ob die Iraner die Waffe, an deren Ermöglichung sie arbeiten, tatsächlich bauen wollen. Klar ist jedoch, dass sie nicht mit gutem Willen verhandeln, sondern unaufrichtig und manipulativ. Zwei Berichte der Internationalen Atomenergiebehörde aus diesem Jahr belegen, dass Teheran seinen Verpflichtungen zur Offenlegung von Nuklearaktivitäten nicht voll nachkommt. Den Bau einer weiteren Urananreicherungsanlage in der Nähe der Stadt Qom gab das Regime erst zu, als westliche Geheimdienste dem Projekt schon auf die Spur gekommen waren. Dies ist kein Partner, der auf eine »ausgestreckte Hand« warten würde. Iran unter seiner heutigen Regierung ist ein Gegner des Westens; es wäre töricht und gefährlich, sich darüber zu täuschen.

Was folgt daraus? Noch steht die Welt nicht vor der furchtbaren Alternative: entweder ein nuklear bewaffneter Iran oder ein Krieg zur Verhinderung der iranischen Bombe. Die Aussicht, das Teheraner Regime von seinem Nuklearkurs abzubringen, ist nicht groß. Will der Westen sie nutzen, muss er das politische Tempo dramatisch erhöhen und die diplomatische Normalität durchbrechen; er muss auf kontrollierten Konflikt schalten. Vielleicht vermag eine Mischung von europäischen Extransaktionen, bedrohlichen amerikanischen Flottenbewegungen und israelischen Kriegsgerüchten doch noch ein Einschüchterungsszenario zu schaffen, das Präsident Ahmadineschad und Revolutionsführer Chamenei beeindruckt.

Die eigentliche Hoffnung jedoch kann nur die politische Veränderung in Iran selbst sein. Die Reformbewegung dort ist unterdrückt, aber nicht vernichtet. Es ist nicht viel, was sich von außen für sie tun lässt. Doch die Welt, auch Barack Obama mit seiner Entspannungspolitik, hat den Eindruck zugelassen, die Opposition sei vergessen. An die Rechte der iranischen Bürger zu erinnern liegt indes in unserem ureigensten Interesse. Denn mit den Reformideen ist auch die Chance einer außenpolitischen Alternative verbunden, einer nationalen Identität, die sich nicht aus dem Konflikt mit dem Westen speist. Nur ein freierer Iran wird ein friedlicherer Iran sein.

Leser-Kommentare
  1. Eine ehrliche schonungslose Analyse. Das gibt noch saftige Kommentare...

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    es geht also los.
    Stufe 1: Propaganda, um das Volk in Kriegsstimmung zu bringen
    Stufe 2: Einen Anlass abwarten
    Stufe 2b: alternativ einen Anlass inszinieren
    Stufe 3: Alliierte (Puppen und Satelliten) mobilisieren
    Stufe 4: Krieg
    Stufe 5: "Wiederaufbauhilfe" in Form von Krediten
    Stufe 6: mit dem Geld bauen ausländische (=US UK) Firmen Strassen, Pipelines, Schienen etc
    Stufe 7: das Imperium ist erweitert
    Stufe 8: Rohstofflieferungen gesichert
    Stufe 9: ANKASSIEREN BIS IN ALLE EWIGKEIT

    es geht also los.
    Stufe 1: Propaganda, um das Volk in Kriegsstimmung zu bringen
    Stufe 2: Einen Anlass abwarten
    Stufe 2b: alternativ einen Anlass inszinieren
    Stufe 3: Alliierte (Puppen und Satelliten) mobilisieren
    Stufe 4: Krieg
    Stufe 5: "Wiederaufbauhilfe" in Form von Krediten
    Stufe 6: mit dem Geld bauen ausländische (=US UK) Firmen Strassen, Pipelines, Schienen etc
    Stufe 7: das Imperium ist erweitert
    Stufe 8: Rohstofflieferungen gesichert
    Stufe 9: ANKASSIEREN BIS IN ALLE EWIGKEIT

    • joG
    • 04.07.2010 um 18:27 Uhr

    ...nie gut.

  2. "Dies ist kein guter Zeitpunkt, um über das iranische Atomprogramm zu reden". Warum reflektiert der Autor dies und redet doch?

    Offenbar ballen sich im Südosten des blauhell leuchtenden Sommermärchen-Himmels gerade dunkle Gewitterwolken zusammen. Oh!!

    Ich verstehe den Artikel als ernste Unwetterwarnung.

  3. Nordkorea hat auch die Bombe, der Chef ist mindestens genauso unberechenbar, besser gesagt unzurechnungsfähig. Dort gibt es keine reale Opposition, dort gibt es noch nichteinmal Versuche irgendwelche Unabhängigen Kontrolleure durch die Anlagen zu schicken.

    Vor allem gibt es da kein Öl, keine Bodenschätze, noch nichteinmal potentielle Routen für Pipelines.

    Was es da gibt sind jede Menge US-Basen in Reichweite und kaum mal jemand, der mit diesem Stalinistischen Ars[Selbstzensur]och sympathisiert.

    Wenn morgen Nordkorea zum Ärmelkanal zwischen Südkorea und China wird, wird es deswegen keine Terroranschläge in New York oder Washington geben. Da wird der Chinesische Bigboss pflichtschuldig eine Protestnote zu Obama schicken, der diese dann vorhersehbar ungelesen wegschmeißt.

    Erde halt an, ich will aussteigen!

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    • joG
    • 05.07.2010 um 9:14 Uhr

    Das können Sie ja. Aber warum? Es wird doch interessant.

    • joG
    • 05.07.2010 um 9:14 Uhr

    Das können Sie ja. Aber warum? Es wird doch interessant.

  4. Es würde mich mal interessieren weshalb wir uns immer anmaßen die universalen Menschenrechte zu vertreten. Der Iran hat eine anti-westliche Haltung? Das haben die meisten arabischen Länder. Vielleicht hat das mit der Aufzwingung des westlichen Demokratiemodells zu tun?!

    Ansonsten stimme ich meinem Vorredner tarquinius zu: Woher nehmen sich die anderen Atomstaaten das Recht eine Atombombe zu besitzen? Und dazu gehören ganz gewiß nicht nur lupenreine Demokratien.

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    • joG
    • 05.07.2010 um 9:12 Uhr

    ...herausnehmen? Gute Frage.

    Vielleicht ist es der selbe Grund weshalb wir uns herausnehmen so viel mehr zu konsumieren als jene, die verhungern? Vielleicht ist es daher, weil die Analysen und Simulationen zeigen, dass Proliferation in der Gegend die Lage bis hin zu einem atomaren Weltkrieg destabilisieren könnten? Wer weiß?

    Ist eine Theokratie für Sie ein "östliches" Demokratiemodell?

    • joG
    • 05.07.2010 um 9:12 Uhr

    ...herausnehmen? Gute Frage.

    Vielleicht ist es der selbe Grund weshalb wir uns herausnehmen so viel mehr zu konsumieren als jene, die verhungern? Vielleicht ist es daher, weil die Analysen und Simulationen zeigen, dass Proliferation in der Gegend die Lage bis hin zu einem atomaren Weltkrieg destabilisieren könnten? Wer weiß?

    Ist eine Theokratie für Sie ein "östliches" Demokratiemodell?

  5. ...Der Krieg ist nah.

    Denn der iran ist schon
    längst umzingelt. Die
    Zeit schreibt da nix
    drüber, aber es ist
    schon soweit...

    TRAURIG

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