Russischer Kunstprozess Kirchenfeind Nummer eins

Dem russischen Kurator Andrej Jerofejew drohen drei Jahre Straflager, weil er moderne Kunst ausstellte

Kaum hundert Schritte von der Metro-Station Majakowskaja entfernt steht ein Wohnhaus, in dem einst die Nomenklatura in weitläufigen Quartieren residierte – zur Belohnung für ihren einwandfreien Staatsdienst, etwa als Sowjetdiplomaten an der kapitalistischen Westfront. Im fünften Stock macht eine alte Dame die Tür auf und bittet mich herein. Wir treten ins Vorzimmer, wo antike Möbel für Gemütlichkeit sorgen. Einige stammen aus Frankreich, wo Galina Jerofejewa, 89, mit ihrem Mann mehrere Jahre verbrachte. Er war dort zunächst sowjetischer Botschafter und bekleidete später einen hohen Posten bei der Unesco. Noch heute kann man sich gut vorstellen, dass Frau Botschafterin im Paris der fünfziger Jahre viele Männerblicke auf sich zog.

Galina stellt ihren Gehstock neben das Sideboard und setzt sich auf den Stuhl unter ein Ölgemälde. Ich bin gekommen, um eine CD mit Reproduktionen von Bildern moderner russischer Künstler abzuholen, die mir ihr Sohn Andrej gebrannt hat. Eigentlich war ich mit ihm verabredet, aber weil er noch nicht da ist, erzählt mir die Mutter, wie er als Schulkind während der Sommerferien für zwei Monate die Eltern in Paris besuchen durfte. Fast jeden Tag sei er ins Museum für moderne Kunst gelaufen – »wie zum Gottesdienst«, sagt Frau Jerofejewa.

Anzeige

Diese Jugendliebe könnte dem Ausstellungsmacher Andrej Jerofejew nun zum Verhängnis werden, wenn ein Moskauer Gericht ihm und seinem Mitangeklagten Jurij Samodurow das Urteil verkündet. Drei Jahre Straflager sind ihnen angedroht. Am 12. Juli endet nach einem Jahr ein Prozess, in dem die aktuelle russische Kunst auf der Anklagebank saß und sich gegen die rabiate russische Orthodoxie wehren musste. Keine leichte Aufgabe in Zeiten, da auch absurde Anklagen akzeptiert und kritische Intellektuelle verfolgt werden.

Was vorm Moskauer Taganka-Bezirksgericht zur Verhandlung stand, war eine winzige Ausstellung im Sacharow-Zentrum für Menschenrechte, die im Jahr 2006 zwei Dutzend Werke moderner russischer Künstler präsentiert hatte, alle versteckt hinter einer Wand mit Gucklöchern. Man sah beispielsweise den Gekreuzigten mit einem Lenin-Orden anstelle des Kopfes, man sah Jesus als Werbefigur für McDonalds und Micky Maus als Erlösergestalt auf dem Weg nach Golgatha. Der Kurator Jerofejew hatte unter dem Titel Verbotene Kunst zensierte Werke zusammengetragen, die zum Teil aus den siebziger Jahren stammen. Prompt reagierten die selbst ernannten Tugendwächter. Anführer der nationalistischen Gruppen Volkskonzil und Volksverteidigung beschwerten sich zuerst bei einem Duma-Abgeordneten darüber, dass sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlten. Rechtsextreme forderten umgehende Maßnahmen gegen die »Blasphemie«. Daraufhin schrieb der beflissene Mann aus der Duma an die Staatsanwaltschaft, die alsbald Anklage gegen den Kurator Jerofejew und den Direktor des Sacharow-Zentrums Samodurow erhob. Der Vorwurf: Beide sollen religiösen Hass geschürt haben. Schlimmstenfalls sieht der Paragraph 282 des russischen Strafgesetzbuches dafür fünf Jahre Haftstrafe vor.

Sie habe Angst, sagt Jerofejews Mutter, als ich sie nach ihrer Prognose für das Urteil frage. »Diesen Scheinheiligen, die den Strafprozess angezettelt haben, glaube ich kein Wort. Gestern waren sie noch brave Komsomolzen, aber heute stehen sie mit Kerzen und Ikonen bereit zur Verteidigung unserer Volksmoral. Alles Wendehälse!«

Im Gegensatz zu Mutter Galina sieht ihr Sohn dem Urteil »recht gelassen« entgegen. Er fühle sich abgehärtet. »Wir als Volk sind in den 1970er bis 1990er Jahren durch eine Periode dramatischer Unsicherheit gegangen, deswegen bleiben wir auf Überraschungen gefasst. Ich persönlich habe im Moment keine Angst, weil ich ja keine bösen Absichten hatte.«

Die Unsicherheit ist jedoch in der Ära Putin nicht verflogen. Sie blieb fester Bestandteil auch jener jüngsten politischen Phase, die vor zwei Jahren von Medwedjew mit den Worten eingeläutet wurde: »Freiheit ist besser als Unfreiheit«. So schön dieser Slogan damals klang, so wirkungslos ist er bis heute geblieben.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service