Kurz vor der Eröffnung des Kindergartens im Mai 2009 kam der Willkommensgruß. Er zerschmetterte die Frontscheibe und blieb inmitten der Scherben auf dem Esszimmerboden liegen, da, wo jetzt die niedrigen Tische mit den Zwergenstühlen stehen. Grau und kiloschwer kündete der Pflasterstein davon, was manche in der bürgerlichen Hamburger Wrangelstraße vom Zuzug des Kindergartens SterniPark hielten. Wenige Tage später hat die leitende Pädagogin im Briefkasten einen Zeitungsbeitrag gefunden, in dem es unter eindrucksvollen Flammenfotos um eine abgebrannte Kindertagesstätte ging. Es war kein Kommentar dabei, doch verstanden hat sie auch so.

Jene Eltern aus dem Stadtteil Eimsbüttel, die ihre Kleinkinder in die neue Kita brachten, mussten an selbst gebastelten Schautafeln vorbei, auf denen Anwohner Zeitungsartikel zusammengestellt hatten, in denen dem Kindergartenträger SterniPark Geschäftemacherei vorgeworfen wird. Solche Veröffentlichungen wurden durch die Pressekammer des Landgerichts inzwischen verboten, zunächst aber entfalteten sie durchaus ihre Wirkung. An den Bäumen prangte das Foto des amtierenden CDU-Sozialsenators Dietrich Wersich mitsamt der Schlagzeile "Ich kann den Ärger der Anwohner verstehen".

Dass der kinderlose Senator sich so mit den Anwohnern solidarisierte, ist erstaunlich. Tut der Verein SterniPark nicht genau das, was die Stadt Hamburg – und besonders die Sozialbehörde – von Kindergartenträgern erwartet? Er eröffnet und betreibt Kindergärten, inzwischen sind es elf, in denen hamburgweit knapp 1500 Kinder betreut werden.

Mit dem sogenannten Kinderförderungsgesetz strebt die Bundesregierung bekanntlich den weiteren "erheblichen Ausbau von Betreuungsangeboten für Kinder unter drei Jahren" an – und zwar bis 2013. Allein für Hamburg bedeutet das: Der Stadtstaat muss in den nächsten drei Jahren irgendwie 5000 Krippenplätze schaffen. Aber wo?

Die Hansestadt verdichtet sich, junge Familien ziehen zu, gern auch ins sogenannte Generalsviertel, in dem die nach einem preußischen Generalfeldmarschall benannte Wrangelstraße liegt. Deshalb wimmelt es hier von Babys und Kleinkindern. Und wer durch die grünen Alleen mit den gepflegten Gründerzeithäusern wandert, der könnte glatt vergessen, dass nur noch in 18 Prozent der Hamburger Haushalte überhaupt Minderjährige leben, dass Deutschland eine sich selbst auslöschende Nation ist, in der die Ein-Hund-Familie den Normalfall darstellt und die zukunftslosen Alten die Politik bestimmen. Wer hier entlangschlendert, muss unentwegt Buggykarawanen ausweichen oder sieht übernächtigte Eltern geduldig auf bockige Zweijährige warten, die heulend aufs Straßenpflaster trommeln. Auf den Spielplätzen stehen die Schaukeln und Wippen auch bei Nieselwetter nicht still. Deshalb hat SterniPark in der Wrangelstraße gleich zwei der hübschen alten Stadtvillen gekauft und darin – von Anwohnerprotesten begleitet – Kitas eröffnet. Dass einige Nachbarn daraufhin vor das Verwaltungsgericht gezogen und andere von Haus zu Haus gewandert sind, um Unterschriften gegen die Kindergärten zu sammeln, als handle es sich um Mülldeponien, hat den Trägerverein nicht weiter beeindruckt.

Immerhin haben Anlieger durchsetzen können, dass die Kinder nachmittags die Gärten ihrer Kitas nicht betreten dürfen und die tatsächliche Zahl der genehmigten Kindergartenplätze stark hinter der geplanten zurückbleiben musste. Letzteres könnte auf lange Sicht dazu führen, dass sich für SterniPark das Unternehmen Wrangelstraße nicht rechnet, weil Bankkredite für den Häuserkauf bedient werden müssen. Marta Wojciechowska jedenfalls, die Leiterin der zwei umstrittenen Kindergärten, könnte ihre Kitas gleich dreimal füllen, stattdessen, sagt sie, dürfe sie nur jeweils 25 Kinder aufnehmen, obwohl doch pro Kita für über 40 Platz wäre. Kein Tag vergehe, an dem nicht junge Frauen bei ihr anklopften auf der verzweifelten Suche nach einem Betreuungsplatz für ihr Kind. "Die Anwohner behaupten zwar, in unserem Viertel sei der Bedarf an Kindergärten längst gedeckt", sagt Marta Wojciechowska. "aber das ist falsch und eine Gemeinheit gegenüber den Eltern."

Wer auf die Spielplätze im Generalsviertel geht und die Frauengrüppchen dort anspricht, der kriegt sie zu hören, die Geschichten von der Wanderschaft von Kita zu Kita, von den zahlreichen Absagen und den endlosen Wartelisten. Bascha W. aus der Kottwitzstraße zum Beispiel hatte sich – wie ihre Freundinnen auch – bei diversen Kindergärten in die Schlange der Bewerber eingereiht und stand auf aussichtslosen Positionen zwischen Platz 50 und Platz 70, als ihr eine Nachbarin steckte, in der Wrangelstraße eröffne SterniPark zwei neue Kitas. In einer davon hat sie ihren Dreijährigen unterbringen können, und sie ist hochzufrieden: "Gute Angebote, gutes Essen. Der ganze Laden ist professionell." Jeden Tag bringt sie den Kleinen zu Fuß um die Ecke in die Wrangelstraße. Anfeindungen durch Anlieger hat sie dabei nie zu spüren bekommen.

Auch den Gruß der Kita-Leiterin Marta Wojciechowska erwidern die Leute aus der Wrangelstraße immer außerordentlich liebenswürdig. Umso größer war der Schock, als sie Anfang 2010 einmal auf einer der Bürgerversammlungen im Bezirksamt gewesen ist, in denen es um ihre Kitas ging. Da hat Frau Wojciechowska einige ihrer Widersacher – deren Verdruss sich sonst vornehmlich in scharfen Briefen ans Bezirksamt oder erbitterten Schriftsätzen ans Gericht entlädt – leibhaftig in Aktion erlebt: Einer habe Fotos verteilt, auf denen er die Kinder zu nicht genehmigter Stunde im Garten spielend geknipst hatte, erinnert sich die Pädagogin. Ein anderer, der nicht einmal neben einer Kita wohne, habe sich über den "mangelnden Schallschutz innerhalb des Hauses" beschwert. Und die 30-Jährige ist erschrocken, "welcher Hass in den Mienen mancher Menschen steht, wenn sie vor dem Mikro öffentlich über uns reden". Gut aussehende, privilegierte, gebildete, liberal wirkende Hanseaten, die in beschaulichen Stadtvillen wohnen und die plötzlich – da persönliche Interessen angetastet sein könnten – mit "hektischen Flecken am Hals und Schaum in den Mundwinkeln" gegen Kindergärten zu Felde ziehen.