Es verging eine Woche, bis Asisa Julbaschewa beschloss, für den Frieden zu kämpfen, und lauter Frauen zusammenrief. Auch Aischa Mucharat, eine Usbekin, kam. Drei Tage lang war ein Mob vor allem durch die usbekischen Viertel der kirgisischen Stadt Osch gezogen , wo Aischa Mucharat mit ihrer Familie lebt. Nun fürchtete sie um ihr Leben. Die Häuser an der Hauptstraße fielen im Feuer zusammen, die Telefonleitungen verschmorten. Aber ihr Haus war in den verwinkelten Gassen schwer zu finden, die Plünderer zogen vorbei.

Währenddessen hockte Asisa in ihrem Haus im benachbarten Viertel und rief ihre Bekannten in der Hauptstadt Bischkek an. Sie schrie ins Telefon: "Hier ist alles außer Kontrolle!" Aber die Hilfe ließ auf sich warten. Asisa ist wie Aischa Usbekin, aber sie ist mit einem Kirgisen verheiratet, ihre drei Kinder sind laut Pass kirgisisch. Ihr passierte nichts. Aber Asisa weiß, dass es wieder losgehen könnte.

Vor zwei Wochen hat die 50-Jährige dem Verteidigungsminister eine Friedenspetition in die gut 600 Kilometer entfernte Hauptstadt Bischkek gebracht. Der Minister erzählte ihr, dass er vor Steinwürfen in seinen Hubschrauber flüchten musste, als er den Mob aus dem Alaj-Gebiet auf dem Weg nach Osch aufhalten wollte. "Da dachte ich mir: Wenn sich schon unser Verteidigungsminister nicht schützen kann!", sagt Asisa und lacht bitter. Also muss sie selbst ihre Familie, die Nachbarn, die Zukunft schützen. Asisa will sich dem Hass entgegenstellen, der hier tobte. Und dafür setzt sie auf Frauen wie Aischa.

"Die Männer sind nicht bereit zur Versöhnung", sagt Asisa. "Ihre Frauen sind geflohen. Nun hocken sie von morgens bis abends zusammen, reden von Rache, und keiner möchte zurückstehen. Mit den Männern um Frieden zu kämpfen hat keinen Sinn. Die folgen nur den Launen des Mobs." Also lädt Asisa Kirgisinnen und Usbekinnen zum Frauenrat ein.

Treffpunkt Leninstraße 323, erster Stock, in einem kahlen, lindgrünen Schulungszimmer. Die 20 Frauen begrüßen sich mit Wangenkuss und stellen einander die Standardfragen in Osch dieser Tage: "Steht das Haus noch? Ist keiner in der Familie verletzt?"

Asisa hat früher zahllose Seminare kirgisischer Nichtregierungsorganisationen besucht. Ihr Land galt einst als Insel der Demokratie in Zentralasien. Sein erster Präsident Askar Akajew nahm die Demokratie ernst, eine Zivilgesellschaft entstand, die der Freiheitsgeist des kirgisischen Nomadenvolks noch verstärkte. Asisa ist niemand, dem reden reicht.

Sie nimmt den Filzstift und schreibt auf die Wandtafel, was ihr die Frauen berichten. Sie klagen über die Polizei, die selbst dann nicht abnimmt, wenn sie die Notrufnummer wählen. Über die Uniformierten auf der Straße, die keine Abzeichen der Armee oder Polizei tragen und so ihre Identität verschleiern. "Das müssten die ändern!", sagen die Frauen. "Ich will kein ›Da muss man‹ mehr hören!", ruft Asisa. "Wir müssen es tun!" Etwas konsterniert schauen die Frauen sie an. Dann beschließen sie, in den Stadtvierteln Friedensgruppen als Vermittler zu bilden und die Flüchtlinge, fast nur Frauen und Kinder, zurückzuholen . Damit die Frauen ihre Männer unter Kontrolle halten. Aischa sitzt schweigsam in der Ecke, hört zu und nickt.

Nach dem dreitägigen Morden, dem Hunderte von Menschen in Kirgisistan zum Opfer fielen, ist die Zahl der Versöhnungsgesten groß. Oft aber sind es nur Bilder fürs Fernsehen im Sinne der Obrigkeit. Da teilen die Ältestenräte der Kirgisen und Usbeken im Staatsauftrag friedlich ihr Fladenbrot – allerdings nur dort, wo es ohnehin keine Ausschreitungen gab.