Es ist Blindheit, wenn wir uns für unschuldig halten. Das Bild, das wir von uns haben, ist Täuschung. Wir können vieles erkennen, aber nicht uns selbst. Geraten wir in eine Situation, in der wir uns bewähren müssen, erfahren wir sehr schnell unsere Grenzen. Dann tun wir das, von dem wir dachten, dass wir es nie tun würden. Danach aber erinnern wir uns nicht mehr an das, was wir getan haben, weil wir es nicht ertragen würden, ein Bild von uns zu haben, das nicht schmeichelhaft ist. – Etwa so könnte man die Lehren oder Einsichten zusammenfassen, die Javier Marías’ Dein Gesicht morgen für den Leser bereit hält. Eigentlich sollen Romane ja keine Lehren haben. Aber es ist fast unmöglich, Dein Gesicht morgen zu lesen, ohne daraus nicht etwas zu saugen, das man Einsicht, schreckhafte Erkenntnis oder gar geheimes Wissen nennen könnte. Obwohl Marías ein hemmungsloser Manierist ist, der seinem extravaganten Stil keine Zügel anlegt und der voller Selbstgenuss in seine langen und wunderbar durchrhythmisierten Satzperioden taucht, entfaltet dieser Roman seine eigentümliche Dringlichkeit und Verstörungskraft doch mehr auf einer moralischen als auf einer ästhetischen Ebene: "Ist das Leben wirklich so? Ist so der Mensch? Bin ich so selbst?", fragt sich der Leser von Seite zu Seite und fühlt sich dabei gar nicht gemütlich.

Javier Marías’ Roman Dein Gesicht morgen ist eine Zumutung: Er ist zu lang, zu manieriert, zu esoterisch, zu geschmäcklerisch, zu unwahrscheinlich, zu elitär und zu größenwahnsinnig. Aber offenbar kann ein Roman all dies sein und zugleich: grandios. Seit 2004 erscheint dieses Mammutwerk auf Deutsch, verteilt auf drei Bände. (Nach Elke Wehrs Tod hat Luis Ruby die vorzügliche Übersetzungsarbeit ebenbürtig fortgesetzt und für den einheitlichen Wortklang gesorgt.) Zusammen hat das Buch, dessen dritter Teil, Gift und Schatten und Abschied, nun auf Deutsch vorliegt, 1600 Seiten.

Wir geben zu: Als der erste Band, Fieber und Lanze, 2004 erschien, haben wir ihn mit spitzen Fingern angefasst. Wir haben manches darin brillant gefunden, die grundsätzliche Idee dahinter aufregend, aber den Roman doch als Ganzes, als Kunstwerk für misslungen erklärt. Dieses Urteil müssen wir revidieren. Natürlich hat ein Roman, dessen Qualitäten dem Leser auf den ersten 500 Seiten nicht ins Auge springen, ein Problem. Ein wohlgeratenes Kunstwerk sieht anders aus. Aber wer hat gesagt, dass es die wohlgeratenen Kunstwerke sind, die uns aus dem dogmatischen Schlummer aufwecken und uns die Augen aufreißen? Dein Gesicht morgen ist kein vollkommener Roman, aber was ist Vollkommenheit gegen die Kühnheit, mit der Marías in die unheimlichsten Abgründe der menschlichen Natur leuchtet?

Die Themen, um die Dein Gesicht morgen immer wieder, geradezu manisch kreist, lauten: Vertrauen, Verrat, Gewalt, Selbsterkenntnis, Illusion, Reden und Schweigen.

Jaime Deza hat in Oxford studiert. Sein Professor Peter Wheeler, ein bedeutender Hispanist, gehört zu jenem berühmten Kreis von Oxbridge-Professoren, die als junge Akademiker von der legendären Abteilung MI6 des Secret Service angeworben wurden und im Kampf gegen Deutschland als Spione arbeiteten, ehe sie nach dem Sieg in ihr akademisches Leben zurückkehrten (oder Schriftsteller wurden wie Ian Fleming oder Graham Greene). Dieses historische Faktum hat schon in sich eine poetische Qualität, weil es zwei Welten zusammenführt, die sich normalerweise nicht berühren: Die Welt des Geistes und die Welt des Geheimdienstes, die Welt der Literatur und die Welt des Abenteuers, die fantastische Fiktion und die krude Wirklichkeit. Die aber doch auch viel Gemeinsames haben: In beiden Welten geht es darum, die Menschen zu durchschauen, sich von ihren Masken nicht täuschen zu lassen und ihre wahren Beweggründe zu erfassen. Die Spionage lebt von der Menschenkenntnis. Die großen Menschenkenner aber sind traditionell die Schriftsteller und ihre Interpreten, die Literaturwissenschaftler. Aus dieser Verwandtschaft saugt Dein Gesicht morgen seine Faszinationskraft. Mit dieser Analogie gerät aber auch die Literatur in die gefährliche Nähe der Macht, ihrer Skrupellosigkeit und ihrer Versuchungen.

Als Jaime Deza, weil es in seiner Ehe gewaltig kriselt, Madrid verlässt und erneut nach England zieht, vermittelt ihn sein väterlicher Freund Wheeler an den MI6, weil er überzeugt ist, dass Jaime über die seltene Gabe verfügt, Menschen deuten zu können, sie so zu beobachten, dass er ihre künftigen Taten voraussehen kann, dass er schon heute ihr Gesicht morgen kennt. Tupra ist der Chef einer kleinen Einheit, in der Leute mit dieser Begabung arbeiten, und er nimmt Jaime gerne auf.

Dein Gesicht morgen spielt in der Gegenwart. Der Kalte Krieg gehört der Vergangenheit an, und die Aufgaben des MI6 sind nicht mehr so ganz eindeutig in der neuen, unübersichtlichen Weltordnung. Jaime trifft mit Tupra verschiedene Menschen, und danach muss er eine psychologische Einschätzung abgeben. Für welche Zwecke seine Psychogramme genutzt werden, welche Folgen sie haben, erfährt er in der Regel nicht. Aber es gibt Ausnahmen.