Javier Marías Willkommen im ClubSeite 2/2

Einmal wird Jaime Zeuge einer entsetzlichen Szene. Der spanische Botschaftsattaché De la Garza ist in Tupras Augen zu einer Bedrohung geworden. In der Behindertentoilette einer Londoner Disco malträtiert Tupra ihn auf fürchterliche Weise, er schlägt De la Garzas Kopf in die Kloschüssel, erstickt ihn halb im Spülwasser und tut so, als wollte er ihm mit einem Landsknechtsschwert den Schädel abtrennen. Erst kurz vor dem Genick stoppt Tupra das heruntersausende Schwert. Er versetzt De la Garza in Todesangst. Jaime steht daneben und greift nicht ein, obwohl er den Vorgang moralisch verwerflich findet. Javier Marías dehnt eine Szene wie diese über viele Seiten. Der Icherzähler Jaime geht darin allen seinen Gefühlsreaktionen und seinen gedanklichen Assoziationen bis in die letzten Verästelungen nach: dem Widerwillen, dem Trotz, der Feigheit, der Ohnmacht, der Anpassungsbereitschaft und der Rationalisierung. Er muss feststellen, dass der moralische Boden, auf dem er zu stehen glaubte, nicht existiert. Dass er, Jaime, nicht der ist, der eingreift, um einem verabscheuungswürdigen Vorgang ein Ende zu bereiten. Dass er schuldig geworden ist, aber diese Schuld ihn nicht niederstreckt wie ein Blitzschlag: »Vielleicht empfindet man nie völlig ehrlichen Abscheu gegen sich selbst, und eben das ermöglicht uns, alles zu tun, sobald wir uns an die Gedanken gewöhnen, die in uns aufkommen.«

Später nimmt ihn Tupra mit zu sich nach Hause. Er führt ihm Videos vor von einflussreichen Politikern, Geschäftsleuten und Showstars, die diese entweder als Opfer oder als Täter in viehischen Folterszenen zeigen. Die Videos sind ein Druckmittel, mit dem Tupra über die entsprechenden Leute Macht ausübt. Es soll für Jaime eine Lektion in Realismus sein. Dem ist es fast unmöglich, diese Videos anzuschauen – und für den Leser fast unerträglich, die entsprechenden Seiten des Romans zu lesen. Sie werfen die Frage nach der Gewalt auf, von der wir theoretisch wissen, dass es sie gibt, der wir aber unter glücklichen Normalitätsbedingungen nicht begegnen. Wir alle wissen, wozu der Mensch fähig ist – aus Zeitungen und aus Büchern. Selbst unmittelbarer Zeuge oder gar Beteiligter solcher Gewalt zu werden, können wir uns aber nicht vorstellen. Wir denken, dass wir dann nicht mehr weiterleben könnten. Dein Gesicht morgen erzählt davon, wie die Gewalt in das eigene Bewusstsein und das eigene Leben eindringt und wie man sie dann verdrängt, verwandelt, verarbeitet und weiterlebt. Aber auch davon, wie man von der Gewalt wie von einem Virus infiziert wird.

Das Gift der Gewalt sickert in Jaime ein, es verwandelt ihn. Er wird selbst Gewalt anwenden, um den neuen Liebhaber seiner Frau, einen Sadisten, einzuschüchtern, damit dieser Luisa aufgibt. Jaime ist nicht mehr der, der er war, er ist zu einem anderen geworden – wie Prinz Hal in Shakespeares Heinrich IV. nach seiner Krönung. Als sich sein alter Saufkumpan Falstaff ihm freudig nähert, weist er ihn ab: »Ich kenne dich nicht, Alter.« Und: »Ich habe meinem alten Ich Lebwohl gesagt.« Es ist eines der wiederkehrenden Shakespeare-Zitate, die wie Leitmotive auch diesen Marías-Roman durchziehen.

Der Roman erzählt aber auch von der Faszination esoterischen Wissens. Schon immer war die Gattung Roman fasziniert von Geheimbünden. Um 1800 blühte der Logenroman. Er erzählte von einem Geheimwissen über die Welt, das dem Normalbürger verborgen war. An diese Tradition knüpft Javier Marías an. Der Geheimdienst ist an die Stelle der Geheimloge getreten. Beide verfügen über die Arkana, die geheimen Herrschaftsmittel. Dass Jaime sich Tupras Einheit zur Verfügung stellt, hat auch damit zu tun, dass er hofft, in dieser Arbeit etwas über die Natur des Menschen zu erfahren, das dem Normalbürger verschlossen bleibt. Wheeler (der dem Hispanisten und MI6-Mitarbeiter Sir Peter Russell nachempfunden ist, dem realen Freund und akademischen Lehrer Javier Marías’) sagt einmal zu Jaime in Erinnerung an seine Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs: »Ich weiß nicht, was für eine Art von Feindschaft im Krieg herrscht. Man hasst völlig unbekannte Menschen und alte Freunde, man hasst umfassend, ein ganzes Land oder auch mehrere.« Wheeler kennt die Literatur, und er kennt die Nachtseiten des Menschen. Von diesem Erfahrungsschatz in beide Richtungen ist Jaime fasziniert.

Vielleicht ist das Herausfordernde oder Zwiespältige dieses Romans sein Zug ins Sektiererische: Man muss diesem Buch selber folgen wie einer Geheimlehre. Man muss daran glauben, dass es im MI6 eine solche Abteilung gibt und dass sie über ein tieferes und umfassenderes Wissen über den Menschen als Bestie verfügt. Man muss das Ordenshafte, das die Perspektive dieses Romans steuert, akzeptieren. Es ist ein Buch nicht für die vielen, sondern für die wenigen, die dann verschwörerisch raunen: »Sapienti sat!« – für den Eingeweihten genug.

 
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