150 Jahre Gustav Mahler Der große Andere

Früher wurde das Zerrissene in Mahlers Sinfonik gerühmt. Heute kehren die Musiker das Intakte der Riesenformen hervor.

Gustav Mahler im Lehnstuhl: Als der Komponist 1907 Hofoperndirektor in Wien wurde, machte Moritz Nähr eine berühmte Fotoserie

Gustav Mahler im Lehnstuhl: Als der Komponist 1907 Hofoperndirektor in Wien wurde, machte Moritz Nähr eine berühmte Fotoserie

Das Schiff schiebt sich in den Morgendunst über der Lagune. »Pianissimo mit Empfindung« schreibt der Komponist in Takt 24 vor, die Geigen steuern auf ihren vorerst höchsten Ton zu. Fünf Takte weiter hat der Dampfer mit rauchendem Schlot die Bildmitte erreicht, beim Fortissimo ist er ganz nah, und dann kommt Gustav von Aschenbach vor die Kamera. Vom Deckstuhl aus über die Lagune blickend und schon seinen Tod in Venedig ahnend, grundiert vom Adagietto aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie. Lucino Viscontis Film kam 1971 ins Kino und war das sichtbarste Zeichen des fulminantesten Comebacks der Musikgeschichte: dem des Komponisten Gustav Mahler. Noch zehn, elf Jahre zuvor war Mahler, den Visconti hier, frei nach Thomas Mann, als homosexuellen Aschenbach zeigte, besonders in Deutschland ein Außenseiter gewesen, von dem die meisten höchstens wussten, dass er um 1900 berühmt gewesen war und groß besetzte Sinfonien geschrieben hatte.

Heute ist Mahler geradezu erschlagend präsent. Seine Werke sind Saalfüller ersten Ranges. Der Stapel an Schallplatten und CDs wächst und wächst, es sind über 2000 Aufnahmen. Es gibt wahrscheinlich mehr Bücher über Mahler als über dessen Liebling Mozart. Die Zahl der Einzelstudien lag 1987 bei 2500, seither haben die Wissenschaftler das Zählen aufgegeben. Das könne »von keinem Einzelnen mehr überschaut werden«, konstatiert Bernd Sponheuer, Mitherausgeber der neuesten gewichtigen Publikation, des Mahler-Handbuchs , in dem 80 Seiten allein der Rezeption gelten, einschließlich »Mahler im Film«. Nachdem es unter Musikologen jahrzehntelang zum guten Ton gehörte, Visconti schlecht zu finden, wird er nun »historisch ernst genommen«.

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Gustav Mahler

1860 Gustav Mahler wird am 7. Juli im böhmischen Kalischt geboren

1875 beginnt er in Wien Klavier und Komposition zu studieren

1880 Kapellmeister in verschiedenen Städten.

1897 Chef der Wiener Oper

1902 Mahler heiratet Alma Schindler

1907 Eine Tochter stirbt an Diphtherie, bei ihm selbst wird eine Herzkrankheit diagnostiziert. Er geht nach New York

1911 Mahler stirbt am 18. Mai an den Folgen seiner Herzerkrankung in Wien

Was ist los mit uns und diesem Musiker? Für die Generation, die heute einen großen Teil des Klassikpublikums ausmacht, geboren mit dem beginnenden Mahler-Boom um 1960, hatte er noch den Reiz des großen Anderen. Wir entdeckten ihn im Kino, oder weil es bei Zweitausendeins diese günstige Kassette mit Leonard Bernsteins Gesamteinspielung gab, der ersten überhaupt, mit Granitmuster als Dekor und einem flammenden Lennie, der ein Bruder von Gustav zu sein schien. Was für ein Leben, was für eine Musik! Wie aus dem Nichts war er aufgetaucht, hatte nur 50 Jahre gelebt, war zum dirigierenden Weltstar aufgestiegen, hatte die schönste Frau von Wien erobert und in (fast) zehn Sinfonien einen Kosmos geschaffen. Er hatte Abgründe in Leben und Liebe durchlitten und sah mit seinem Adlerkopf unzweifelhaft genial aus. Und dass seine erste Sinfonie Der Titan hieß, war Anlass genug, ihn selbst für titanisch zu halten. Einsame Jünglinge auf der Suche nach sich selbst liebten ihn als Verbündeten, als heldenhaften Individualisten und waren eifersüchtig auf andere Fans.

Von den Diskursen, die Mahlers Renaissance begleitet hatten, wussten wir nichts oder wenig. Als der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus 1972 in der ZEIT über die »rätselhafte Popularität« des Komponisten nachdachte, schrieb er, »auf vertrackte Weise« werde von Mahler »ein Stück musikalische Gegenwart vorweggenommen«, andererseits müsse sich der Hörer nicht »allzu abrupt« von »musikalischen Gewohnheiten des 19. Jahrhunderts trennen«. Die »Personalisierung« der Musik in Viscontis Film verurteilte er scharf als »Rückfall in veraltete Auffassungsformen«. Es handele sich um »absolute Musik«, Pierre Boulez, der Komponist, bedeutende Mahler-Dirigent und einstige Chefinquisitor der Serialisten erinnert sich heute, Avantgardisten wie er hätten Mahler »unter die Ladenhüter einer überholten Romantik eingereiht«, »verfettet und degeneriert«, reif für den »Schlaganfall durch expressiven Überdruck«.

Leser-Kommentare
  1. Wen Mahler diesen Artikel lesen würde, würde er sich vor Lachen aus dem Sarg kringeln.."intelletuell-verbrunzt" scheint in Mode zu kommen: Wenn schon nichts zu sagen ist, dass dies.

  2. Der Artikel ist eine ernst zu nehmende Reflexion von Veränderungen des Mahler-Bilds, wie wir sie tatsächlich anhand der Mahler-Diskografie wahrnehmen können. Es zeugt von der Bemühung um ein Verständnis kulturgeschichtlicher Zusammenhänge, dass der Autor dies auch mit diversen gesellschaftlichen Wandlungen zusammendenkt. Was daran "intellektuell-verbrunzt" sein soll, erschließt sich mir leider nicht. Es geht hier doch um unser Verhalten gegenüber kulturellen Leistungen der Vergangenheit - und tatsächlich lohnt es sich, über so etwas nachzudenken.

    • rastar
    • 15.07.2010 um 12:31 Uhr

    Manche Skeptiker haben wohl keine wirkliche Vorstellung davon, wie ein 'intellektuell-verbrunzter' Artikel über Mahler denn tatsächlich aussehen würde. Dieser hier ist jedenfalls in diesem Punkt wohltuend zurückhaltend und im Übrigen gradlinig in der Gedankenführung und allgemeinverständlich und alles in allem dem Gegenstand halbwegs angemessen. Und das ist keine Selbstvertändlichkeit in einer Zeit, in der es im Feuilleton-Bereich üblich ist, fast ausschließlich mit Schlagworten und Klischees zu operieren.

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