Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Was ist eigentlich der umstrittenste Artikel gewesen, den ich in letzter Zeit geschrieben habe? Ich habe den Islam verteidigt. In dem Artikel stand sinngemäß, dass man in einem freien Land auch das Recht besitzen sollte, Muslim zu sein. Man darf ja auch Leistungssport betreiben, obwohl es ungesund und gefährlich ist. Prostitution ist ebenfalls erlaubt. Ist Prostitution wirklich so viel besser als der Islam?

Außerdem kann man nicht alles verbieten. Wenn sie heute den Islam verbieten, dann verbieten sie morgen womöglich den Alkohol, und das will ich nicht.

Echt, viel mehr habe ich nicht gesagt, es war nicht gerade der tiefgründigste Text meines Lebens. Solch eine Fatwa an bösartigen Zuschriften hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht bekommen. Wenn es dir bei uns nicht gefällt, dann geh doch nach Mekka! Sogar Henryk M. Broder schrieb eine flammende Entgegnung – kein Witz, das ist wirklich passiert.

Ein paar Wochen danach ging ich in die Humboldt-Uni zu einem Vortrag des FAZ- Feuilletonchefs. Ich dachte, als Verteidiger des Islams habe ich ein Thema gefunden, bei dem ich das Monopol besitze und die kulturelle Hegemonie, ich werde Skandalautor. Ein Mann meines Alters kann ja wohl kaum mit sexuellen Themen zum Skandalautor avancieren, so was will man nur von knusprigen jungen Frauen lesen. Aber die FAZ ist inzwischen leider auf dem gleichen Trip. Der FAZ- Feuilletonchef sagte in seinem Vortrag, dass in allen Religionen nun einmal Ideen vorkämen, die dem Geiste des Grundgesetzes widersprächen. Wenn eine Frau erkläre, dass sie sich dem Mann unterordnen wolle, denn dies sei Gottes Wille, dann solle sie das halt machen. Im Saal saßen zahlreiche junge Frauen mit Kopftuch, die sehr gut Deutsch sprachen, offenbar Studentinnen.

Am nächsten Tag telefonierte ich mit einer alten Freundin. Sie ist links und Feministin. Oh ja, einige meiner besten Freundinnen sind Feministinnen! Ich erzählte über die zahlreichen jungen Frauen mit den Kopftüchern.

Sie fragte, ob ich denn wirklich nicht Bescheid wisse. Das Kopftuch sei bei Mädchen inzwischen das beliebteste Provokationsinstrument, auch bei Mädchen ohne Migrationshintergrund. Das Kopftuch entfalte bei den Eltern und den Lehrern eine viel radikalere Wirkung als, sagen wir mal, ein Tattoo mit dem Porträt von Dieter Bohlen oder ein Irokesenhaarschnitt. Man müsse sich nur einmal einen durchschnittlichen Post-68er-Haushalt vorstellen, Vollbild Manufactum, und morgens sitzt die 16-jährige Tochter auf einmal mit Kopftuch am Frühstückstisch und verlangt, zwangsweise mit ihrem Cousin verheiratet zu werden. Da fällt doch die Mutter auf die Knie und fleht ihre Tochter an, sich stattdessen lieber ein Intimpiercing machen zu lassen.

»Islam«, sagte die Freundin, »ist der neue Punk. An den Unis werden es immer mehr.«