Forschung im MuseumSammeln, sortieren, enträtseln

Ein gutes Museum braucht nicht nur gute Kunstwerke. Mindestens ebenso wichtig sind neugierige Wissenschaftler. Doch oft gerät ausgerechnet die Forschung in den Hintergrund. von 

Wozu braucht es noch Museen? Ist nicht das Internet längst das viel größere, viel bessere, viel demokratischere Archiv der Bilder und Dinge? Spätestens wenn Google alle Bibliotheken dieser Welt in sich aufgesogen hat, werden auch die Museen von oben bis unten abgescannt und ins Reich des Digitalen verlegt werden. Schon heute lassen sich viele Gemälde des Prado in Madrid am heimischen Bildschirm besser, detaillierter und in weit größerer Ruhe betrachten als im Museum.

Seltsam nur, dass bei aller Begeisterung fürs Digitale die Zahl der kultur- und naturhistorischen, volks- und heimatkundlichen Sammlungen stetig wächst und sich allein in Deutschland binnen weniger Jahrzehnte verdoppelt hat, auf mittlerweile über 6500. Seltsam, dass auch die Besucherzahlen stetig gestiegen sind, sodass heute weit mehr Menschen in die Museen als in die Fußballstadien gehen. Seltsam, dass ausgerechnet das Museum eines der populärsten Bildungs- und Genussmittel der Gegenwart ist.

Anzeige

Vielleicht liegt es eben daran: an der einzigartigen Mischung aus Bilden und Genießen. Wohl nirgends sonst kommen sich Wissen und Vergnügen so nahe wie im Museum. Und weil sich die Realwelt immer mehr im Virtuellen verflüchtigt, weil sich vieles nicht mehr greifen lässt und nur abstrakt existiert, als flüchtiger Elektroimpuls, wächst offenbar die Sehnsucht nach Orten des Bleibens, nach Orten, an denen die Dinge noch als Dinge zu besichtigen sind, ganz handfest, real und authentisch. Und an dem sie aufgeladen sind mit Bedeutung.

Je gehetzter, je zufälliger vielen Menschen ihre Existenz erscheint, desto populärer wird das Museum, in dem sich das Zufällige in Sinn verwandelt. Jedenfalls stellt sich das Museum den Beliebigkeiten der Postmoderne entgegen, es trifft eine Auswahl, es ordnet und systematisiert, es zeigt, in welcher Beziehung Gestern und Heute, das Nahe und das Ferne stehen. Es ist eben viel mehr als nur ein Riesenspeicher wie das Internet, viel mehr auch als ein Tempel der Schaulust. Es ist ein Ort der Erkenntnis.

Darum soll es gehen am "Tag der Forschung", den die wichtigsten deutschen Kunstmuseen an diesem Sonntag mit Vorträgen, Führungen und Ausstellungen feiern wollen. Zumindest für ein paar Stunden stehen nicht wie sonst die Exponate im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die aus einer Ansammlung von Objekten überhaupt erst ein Museum machen. Nur die wenigsten Besucher ahnen, wie groß der wissenschaftliche Aufwand ist, der im Hintergrund getrieben wird, in den Bibliotheken und Arbeitszimmern, in den Labors und Restaurierungswerkstätten. Viele sehen die Ausstellungen und meinen, die Hauptaufgabe eines Museumskurators bestehe darin, in seinem Depot die schönsten Stücke auszuwählen und sie dann anregend zu präsentieren. Dabei ist das Sammeln, Sortieren und Konservieren mindestens ebenso wichtig. Und ohne die Forschung wäre das Museum nichts als ein finsteres Lager der Willkürlichkeiten.

Erst die Neugier des Wissenschaftlers, seine Fragen, seine Zweifel setzen die angesammelten Dinge unter Spannung, erst sie spüren jene Zusammenhänge auf, entdecken jene Geschichten, stiften jenen Sinn, den viele Besucher im Museum suchen. Gewiss, viele Objekte stehen auch für sich. Ein Rembrandt oder ein Totempfahl sind in ihrer ästhetischen Eigenmacht nicht angewiesen auf Erklärungen oder Einordnungen. Und doch unterscheidet sich ein Museum von einer privaten Liebhabersammlung eben dadurch, dass sich hier niemand mit der Freude am Schönen und Interessanten zufriedengibt. Das Museum will nicht allein staunen, es will auch wissen: Sein Fundament ist die Forschung.

Seit einiger Zeit allerdings zeigt dieses Fundament etliche Risse, hier und da bröckelt es sogar gefährlich. Und so ist der "Tag der Forschung" wohl auch eine Art Selbstermutigung. Erstaunlich viele Museen haben in den letzten Jahren ihre wissenschaftliche Tiefenarbeit nur gelegentlich noch ernst genommen. Viel wichtiger ist es geworden, immer mehr und immer schneller immer größere Ausstellungen zu präsentieren. War es lange üblich, eine Dürer- oder Beckmann-Retrospektive über vier, fünf Jahre vorzubereiten und sämtliche Quellen noch einmal zu befragen, so können die Kuratoren heute oft froh sein, wenn sie die Hälfte der Zeit zugestanden bekommen. Auch ist der Mut zu komplexen Phänomenen und gewagten Thesen deutlich gesunken. Worauf es heute ankommt, sind Besucherzahlen – ein gutes Museum ist ein gut besuchtes Museum. Ob es auch gut forscht, scheint zweitrangig zu sein.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service