Forschung im Museum Sammeln, sortieren, enträtselnSeite 2/2
Daran sind die Kuratoren der Museen meist nicht ganz unschuldig. Viele scheuen die Zusammenarbeit mit Universitäten und Akademien, und der wissenschaftliche Austausch, wie sonst in akademischen Kreisen üblich, ist häufig unterentwickelt. Selbst die Basisaufgaben werden oft in den Hintergrund gedrängt: Vielen Museen fehlen aktuelle, gründlich erarbeitete Kataloge ihrer Sammlungen. Und das bedeutet: Sie wissen nicht, wer sie sind. Sie können Ausstellungen nicht so umsichtig, so klug kombinierend und hintergründig planen, wie es möglich wäre und sein sollte. Entsprechend sehen dann auch viele Kataloge aus, die zwar oft dick und sehr bunt sind, deren Gehalt aber zwischen den vielen Seiten kaum mehr zu finden ist.
Nun spricht nichts dagegen, dass viele Museen ihr Geld in Werbung und Pressearbeit investieren, dass sie auch der Besucherforschung mehr Aufmerksamkeit schenken als früher und überhaupt das Publikum stärker im Blick haben. Schließlich ist ja gerade das die Herausforderung für jeden Museumsforscher: Er arbeitet nicht im luftleeren Raum der Diskurse, sondern muss sich am Konkreten reiben, an den Objekten der Sammlung. Und muss zusehen, wie er die oft verwickelten Befunde und Theorien so aufbereitet, dass sie in einer Ausstellung vorführbar und allgemeinverständlich werden.
Gerade darum aber muss die Forschung an den Museen viel mehr gewürdigt und von politischer Seite viel besser ausgestattet werden als bisher. Oft ist ja in jüngster Zeit davon die Rede, dass an allem gespart werden dürfe, nur an der Bildung nicht. Dort jedoch, wo sich Wissenschaft und Alltag am intensivsten begegnen könnten, wo hoch abstrakte Forscherarbeit auf ein wissbegieriges Publikum trifft und sich bewähren muss, dort werden oftmals die Gelder gekürzt, Kuratorenstellen nicht wieder besetzt oder gleich ganz gestrichen.
Wer Bildung als höchstes Gesellschaftsgut preist, der ist im Museum richtig. Hier geht es nicht um nackte Wissensverabreichung, auch nicht um Belehrung von oben herab. Hier geht es darum, eine zweite Welt aufzuschließen, in der die ästhetische Erfahrung mindestens so wichtig ist wie die kognitive. Wohl nirgends finden Herzens- und Hirnbildung so intensiv zusammen wie im Museum. Damit das aber gelingt, müssen aus dem Tag der Forschung viele Forschertage und -jahre werden.
Heute sind die meisten Museumsdirektoren allein damit beschäftigt, Sponsoren zu beknien und Verwaltungsvorschriften abzuarbeiten. Wenn überhaupt, kommen sie nur am Wochenende oder im Urlaub noch dazu, sich ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Ähnlich ergeht es oft ihren Mitarbeitern, die mit der Abwicklung des Ausstellungsbetriebs mehr Zeit verbringen als in den Archiven und Bibliotheken. Sollte man ihnen nicht zugestehen, was für viele Wissenschaftskollegen an den Universitäten selbstverständlich ist: dass sie hin und wieder ein Forschungsfreisemester einlegen dürfen? Sollten nicht auch die Stiftungen und Akademien die Museen viel stärker als bisher als Orte der forschenden Weltannäherung begreifen und fördern?
Viele Avantgardekünstler des 20. Jahrhunderts forderten noch lautstark, diese Orte wegzureißen. Brennt die Museen nieder, war ihr Schlachtruf. Im 21. Jahrhundert brennt im Museum vor allem die Neugier. Was einst als verstaubt und altertümlich galt, scheint die Zukunft zu gewinnen. Ohne Forschung allerdings wird das Museum vertrocknen oder allenfalls noch als Schatten seiner selbst fortbestehen: fern der Realwelt, im Internet.
- Datum 02.07.2010 - 14:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.07.2010 Nr. 27
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