Wie schmeckt die Stadt? So lautet eine Kernfrage des französischen Künstlers Olivier Darné, und darum züchtet der 38-Jährige aus dem Pariser Vorort Saint Denis Bienen. Nicht auf einer lieblichen Wildblumenwiese, sondern da, wo der Berufsverkehr die Luft verpestet, schwärmen seine fleißigen Arbeiterinnen aus.

Darnés Bienenstöcke stehen auf Hochhäusern und Einkaufszentren in Paris, Marseille und Genf. Was darin produziert werde, sei so vielfältig wie die Stadt selbst, behauptet der Künstler. Miel béton, Betonhonig, nennt er sein Produkt. Und betont gleichzeitig, das Stadtextrakt sei bei Feinschmeckern sehr beliebt.

Darné mag ein eigenwilliger Künstler sein. Ein Exot ist er nicht. Stadtimkerei liegt im Trend, auch in Deutschland. So züchtet ein Imker Bienen auf dem Dach des Technischen Rathauses in Bochum. Auch im Frankfurter Bankenviertel stehen Bienenstöcke. Und in Berlin produzieren mehr als 500 Nebenerwerbs- und Hobby-Imker Honig.

Die Stadtbienen entpuppen sich als besonders fleißig. Fast 700 Kilogramm Honig haben Darnés 45 Pariser Völker im vergangenen Jahr produziert – ein Vielfaches der Ausbeute, die Landimker erzielen. Zudem scheinen die Stadtbienen besonders robust zu sein. Seit zwölf Jahren betreibt Darné seine Kunst auf den Dächern von Paris. Bislang sei keines seiner Völker den gefürchteten Krankheiten wie etwa dem Varroa-Milben-Befall oder dem Colony Collapse Disorder zum Opfer gefallen. »Meine Bienen werden einfach nicht krank«, behauptet er.

Sind Stadtbienen widerstandsfähiger als ihre Artgenossen vom Lande? Angesichts rätselhafter Massensterben von Honigbienen in den vergangenen Jahren wäre das ein bemerkenswerter Befund. »Wir hören immer wieder davon, aber gesicherte Daten fehlen uns noch«, sagt Werner von der Ohe, Leiter des Instituts für Bienenkunde beim niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Celle.

Forscher vom Centre National de la Recherche Scientifique in Paris wollen sich nun der Frage widmen, ob und warum Darnés Bienen sich so ungewöhnlich guter Gesundheit erfreuen. Yves Loublier ist einer von ihnen. Er untersucht den Honig unter dem Mikroskop, schaut sich die darin enthaltenen Pollen an. Sie verraten ihm, welche Pflanzen die Bienen auf der Suche nach Nektar angeflogen haben.

Vergleichsproben gewinnt er aus dem Honig von Bienenvölkern, die am Rande eines Rapsfeldes ihren Stock haben, sowie von solchen aus Pariser Vororten. Der Unterschied ist auf den ersten Blick sichtbar. »Die Stadthonigproben sind verflixt komplex, sie zu analysieren erfordert manchmal Tage«, sagt Loublier. Tausende verschiedener Pollen finde er darin. Etliche könne er gar nicht bestimmen, weil sie in keinem Atlas mitteleuropäischer Blütenpflanzen zu finden seien.