Wir haben Politikverdrossenheit, die Isländer haben Vulkane, Pleite-Banken – und Jon Gnarr. Im Dezember gründete der zu Recht weltweit unbekannte Witzbold und Ex-Punker die "Beste Partei", kurz BP, jetzt ist er Bürgermeister von Reykjavík, der größten (und einzigen) Großstadt Islands, die ein Drittel der Bevölkerung von 320000 beherbergt.

Heimischen TV-Ruhm erlangte der 43-jährige Neu-Bürgermeister als isländische Version des "Ekels" Alfred Tetzlaff – als übel gelaunter Linker, dem seine militant-feministische Mutter die Kindheit versaut hatte. Jetzt hat ihm sogar die New York Times ein langes Porträt gewidmet. Jon Gnarr ist somit der Mike Bloomberg von Reykjavík – oder noch eine Nummer größer: der Klaus Wowereit der Eisland-Kapitale.

Nach der Wahl, die den "Besten" 35 Prozent verschafft hatte, brach wie in Hessen und NRW die herrschaftslose Zeit aus. Die BP hielt nur sechs der 15 Stadtrat-Sitze und brauchte einen Koalitionär. Die Hürde war höher als die zwischen Rot und Ganzrot, weil Gnarr nur Partner wollte, die alle fünf Staffeln der US-Kultserie The Wire gesehen hatten. Nur widerwillig hat er jetzt die Sozialdemokraten akzeptiert. Denn deren Führung, nörgelt er, habe Unterlinge zum DVD-Studium abkommandiert, um sich dann coachen zu lassen.

Ein Witz? Nein, eine "Protestwahl", doziert der Politologe Gunnar Kristinsson. Islands brave protestantische Germanen erschienen uns stets als aufrechtes, der herben Natur trotzendes Volk (schwärzeste Nacht von Oktober bis Mai). Tatsächlich ging’s zu wie in Karsais Kabul, wie die Isländer im April einem Untersuchungsbericht über den Banken-Crash von 2008 entnehmen durften: Filz, Korruption, Selbstbereicherung.

Bei uns würde in solchem Fall der blanke Zynismus regieren, in Reykjavík herrschen jetzt Leute wie Ottarr Proppe, ein Punk-Rocker, dessen roter Bart so wild wuchert wie das Gesichtshaar von "Erik dem Roten", der um 1000 angeblich Amerika entdeckte. Nationale Ambitionen haben die "Besten" auch schon. Ein "drogenfreies Parlament bis 2020" will Gnarr – und das gesamte "faule System aufbrechen".

Das wollten die Tyrannen des 20. Jahrhunderts auch; davon träumen die Extremisten, ob Christen oder Islamisten, noch heute. Solche Leute sind grundsätzlich humorlos; seit Platon hassen alle Totalitären die Musik. Gnarr aber spielte für die Sugarcubes, die erste Björk-Band.

Heute haben die "Besten" die einzig witzige (und sympathische) Protest-Partei im Westen erfunden. Weder Le Pen noch Haider. Dafür verzeihen wir ihnen den Vulkan, dessen Namen keiner aussprechen kann, vielleicht tun dies auch jene Engländer und Holländer, die ihr Erspartes in Island versenkt haben.

Chomeini war kein Komiker. Angst muss man deshalb vor der "Besten Partei" nicht haben. Können solche YouTube-Artisten auch den Haushalt ausgleichen (Reykjavík hatte vier Bürgermeister in vier Jahren)? Die Antwort liefert Jon Hannibalsson, der frühere Finanzminister: "Wir haben viele Clowns als Politiker gehabt. Diese Jungs sind nicht schlimmer." Vielleicht sogar besser. Eine Rockband beisammenzuhalten ist schwerer, als einen Stadtrat zu führen.