Aus Sicht der Kommandeure scheinen Roboter die besseren Soldaten zu sein. Sie sind auf dem Schlachtfeld furchtlos, kennen weder Schmerz noch Müdigkeit. Sie bekommen keine Albträume, kehren nicht traumatisiert aus dem Krieg heim, und sollten sie dem Feind in die Hände fallen, taugen sie nicht als Geiseln. »Das 5000 Jahre alte Monopol des Menschen darauf, im Krieg zu kämpfen, bricht jetzt zusammen«, sagt der Politologe Peter Singer. Der Direktor an der Brookings Institution in Washington berät sowohl das Pentagon als auch die CIA, ist Experte für den automatisierten Krieg. Wie kein Zweiter erlangte er Einblick in die militärische Umwälzung, die sich gerade vollzieht. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch Wired for War (»Für den Krieg verdrahtet«) über »die Robotikrevolution und Konflikte im 21. Jahrhundert«. Singer beschreibt darin, wie weit Kriegsroboter bereits Realität sind.

Die Namen der Kampfmaschinen klingen wie aus Hollywood-Fantasien à la Terminator oder Transformers: Predator, Reaper, Swords, Crusher, Dragon Runner. Bisher sind es noch konventionelle Geräte, surrende Miniraupen, Flugroboter mit knatterndem Turboprop, schwer stapfende künstliche Lastesel und Elektrotauchboote.

Die USA sind ihren Verbündeten und Gegnern weit voraus auf dem Gebiet der autonomen Kampfmaschinen, aber die anderen ziehen mit. Rüstungswettläufe seien absehbar, sagt die Technikphilosophin Jutta Weber und plädiert für eine rasche Rüstungskontrolle (siehe Interview Seite 34). »Der Geist lässt sich nicht mehr zurück in die Flasche sperren«, warnen auch die Herausgeber des renommierten Scientific American in der aktuellen Ausgabe des Magazins, »aber die Entwicklung der Technologie einzufrieren könnte den Schaden begrenzen.«

Mindestens 44 Staaten setzen bereits Militärroboter ein. Die israelische Armee planiert Palästinensersiedlungen im Gaza-Streifen mit 60 Tonnen schweren Roboterbulldozern. Südkorea ist dabei, an der Grenze zum verfeindeten Norden Hunderte von bewaffneten Wachrobotern zu stationieren. Die britische Polizei will für Olympia 2012 das gesamte Land mit umgebauten Militärdrohnen observieren. Nur die Japaner, sonst so roboterversessen wie keine andere Nation, zögern beim Bau von Kampfautomaten. Die deutsche Bundeswehr zierte sich jahrelang, mittlerweile sieht das anders aus (siehe Kasten Seite 34). Und der europäische Rüstungskonzern EADS fordert von Deutschland, Frankreich und Spanien ein Bekenntnis zur Drohne Talarion.

Jahrtausende ist die Entwicklung schon alt, die sich hier fortsetzt: Kontrahenten rücken immer weiter auseinander. Einst schlug man mit Fäusten, Knüppeln und Schwertern aufeinander ein. Mit Waffen zum Werfen oder Schießen wuchs die Distanz. Die Kämpfenden bekamen einander immer seltener zu Gesicht. Rüstungsexperte Peter Singer besuchte Drohnenpiloten, die Tausende Kilometer vom Kriegsschauplatz entfernt auf einem Stützpunkt nahe Las Vegas sitzen – Krieger in Sesseln vor Bildschirmen und Joysticks. Nach Dienstende steigen sie ins Auto und fahren zu ihren Familien zum Abendessen. Der Kampf als Ballerspiel. Kein Wunder, dass die Hemmschwelle sinkt. »Wie jeder weiß, der schon mal Grand Theft Auto gespielt hat«, sagte ein junger Drohnenflieger zu Singer, »tun wir in Videospielen Dinge, die wir von Angesicht zu Angesicht nie tun würden.«

Immerhin sind es noch Menschen, die da steuern. Gern betonen die US-Militärs, dass bei Roboterschüssen ein Mensch zuoberst in der Befehlskette steht. Zumindest die »Grundentscheidungen« träfen Menschen. Colonel Eric Mathewson, Direktor der Unmanned Aircraft Systems Task Force der US-Luftwaffe drückte es gegenüber dem Magazin Popular Mechanics so aus: »Die Regeln für die derzeitigen Kampfeinsätze unbemannter Flugzeuge sehen vor, dass in jedem Fall jemand seine Zustimmung geben muss.« Aber was heißt das genau? Genehmigen sie jeden einzelnen Schuss? Oder gibt der Operateur nur abstrakt den Auftrag und das Zielgebiet vor? Der Wortlaut der Einsatzregeln aber ist geheim, und auch er spiegelt nicht unbedingt die Wirklichkeit in den Kriegsgebieten. Es kursieren Berichte über amerikanische Drohnen, die selbstständig Tötungsmissionen geflogen sein sollen – freilich ohne offizielle Bestätigung. »Es gibt nicht viele Fälle von freiem Feuer«, sagt Colonel Mathewson, »Fälle, in denen das System also völlig automatisiert arbeitet.« Dass das sehr vage klingt, ist wohl Absicht.

Man muss kein Spion sein, um zu erkennen, dass der Einsatz von Robotern, die völlig autonom entscheiden, wann sie feuern, eine Frage des Wann sind, nicht des Ob. Die Grenzüberschreitung ist nur ein Software-Update entfernt. »Glauben Sie nicht, dass das nicht kommt«, sagt Peter Singer, »ich weiß von mindestens vier Pentagon-Projekten dazu.« Wenn die US-Armee ihre Automatisierungspläne weiter verwirklichen will, kommt sie gar nicht umhin, ihren Robotern immer mehr Selbstständigkeit einzuräumen. »Ferngelenkte Systeme brauchen viel unterstützendes Personal«, sagt Noel Sharkey von der Sheffield University, »offensichtlich kann kein einzelner Soldat mehrere Roboter steuern.« Der britische Roboterforscher folgert: »Autonome Kampfmaschinen dürften in naher Zukunft unvermeidbar sein.«