Kriegsführung: Das automatisierte Töten
Eine neue militärische Ära bricht an: Roboter ersetzen Soldaten. Dürfen wir die Entscheidung über Leben und Tod an Maschinen delegieren?
© Massoud Hossaini/AFP/Getty Images

Diese US-Drohne fliegt bewaffnet, aber unbemannt
Bagdad, 2004: Ein Kommando des Explosive Ordnance Disposal (EOD) der U. S. Army soll eine Bombe entschärfen. Die Soldaten in Schutzkleidung überspielen ihre Anspannung mit Humor. Witze fliegen hin und her. Sergeant Matt Thompson nähert sich als Erster dem Sprengsatz. Genau in diesem Moment drücken die versteckten Bombenleger die Fernzündung. Die Detonation zerreißt den Sergeant.
So beginnt der Film Hurt Locker, im März mit sechs Oscars ausgezeichnet. Derselbe Krieg, ähnliche Szene – diesmal in der wirklichen Welt: Wieder rückt ein EOD-Kommando aus. Scooby Doo nennen die Kameraden denjenigen, der sich an die Mine pirscht. Er rollt. Scooby Doo ist ein PackBot, ein Raupenfahrzeug mit putzig aufragendem Kamerakopf. Als er seinen Greifer an die Bombe legt, geht sie hoch. Scooby Doo ist Schrott. Die Soldaten laden ihn in eine Kiste und schicken ihn heim nach Boston, zu seinem Hersteller. Der Kommandant tippt eine E-Mail: »Wenn ein Roboter stirbt, muss ich keinen Brief an seine Mutter schreiben.«
Der Unterschied zwischen Film und Wirklichkeit: ein Menschenleben. Das ist das beste Argument für die Umwälzung, die sich gerade in der Militärtechnik vollzieht. Als die US-Streitkräfte 2003 den Irak besetzten, hatten sie keinen einzigen Roboter dabei. Heute rollen, fliegen und schwimmen mehr als 20.000 Blechkameraden unter ihrem Kommando. Aber sie entschärfen nicht nur Bomben, sie feuern auch welche ab.
- Bundeswehr
Die deutsche Bundeswehr zierte sich lange beim Thema Kriegsroboter: Leere Kassen und die unvorhergesehene Last der Auslandseinsätze ließen wenig Raum für technische Spielereien. Doch die deutschen Generäle bemühen sich sichtlich, den Abstand zum Verbündeten USA klein zu halten.
In einem rätselhaften Crash endete der erste deutsche Einsatz einer Aufklärungsdrohne vom israelischen Typ Heron im März in Kundus. Nach der Landung kollidierte sie mit einem geparkten Transportflugzeug.- Drohnen
Derzeit führt das Aufklärungsgeschwader 51 der Luftwaffe bei Schleswig Euro-Hawk-Drohnen ein. Und für mehrere europäische Luftstreitkräfte entwickelt EADS die Drohne Talarion. Spätere Bewaffnung nicht ausgeschlossen – längst kursiert auf Rüstungsmessen die Prognose, der Tornado werde wohl der Luftwaffe letzter bemannter Kampfjet sein.
- Afghanistan
In Afghanistan greift die Bundeswehr im Rahmen des Nato-Einsatzes auch schon auf Kampfdrohnen zurück. Sie kann von den Amerikanern entsprechende Luftunterstützung anfordern. Im Sommer letzten Jahres soll zum ersten Mal ein deutscher Offizier befohlen haben, dass eine Predator-Drohne mit Raketen ein Ziel angreift.
Am Boden erprobt das Heer Erkundungs- und Lastroboter. Ende Mai fand auf dem unterfränkischen Truppenübungsplatz Hammelburg zum dritten Mal die Leistungsschau M-Elrob statt, »mit dem Fokus auf kurzfristig realisierbare Robotersysteme«.- Roboter
Von schießenden Robotern wollte man aber bei der Bundeswehr nichts wissen – bis vor Kurzem jedenfalls. Bei der Tagung »Unmanned Vehicles« der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik in Bad Godesberg sprachen Offiziere und Ministerialbeamte im vergangenen Jahr plötzlich unmissverständlich davon, unbemannte Systeme mit »Wirkmitteln« auszustatten, und von der »Einrüstung letaler Systeme«.
- Politik
Mit ihrem Enthusiasmus muss das Militär aber noch die Politik anstecken. »Bewaffnete autonome Systeme lösen kein Problem, das wir haben«, sagt Hans-Peter Bartels, der für die SPD im Verteidigungsausschuss des Bundestags sitzt, »das amerikanische Vorbild zeigt, dass sie höchstens die Illusion einer Problemlösung erzeugen.«
Scooby Doo und Co sind, militärisch gesehen, die logische Antwort auf den asymmetrischen Krieg der Bombenleger und Selbstmordattentäter. Im ersten Jahr des gegenwärtigen Irakkriegs hatten es die Invasoren mit 5607 Sprengfallen zu tun. Seither stieg die Zahl auf rund 30.000 pro Jahr. Viel zu tun für die EOD-Teams, wenig Zeit für Feinarbeit. Oft lassen sie ihre Roboter einfach an der Bombe rütteln, bis sie explodiert. Ein PackBot kostet 50.000 Dollar. Genauso viel, wie der irakische Widerstand als Kopfgeld ausgesetzt hat – für jeden toten EOD-Soldaten.
Im Jahr 2001 – und zwar schon vor dem elften September – hatte der Kongress die schrittweise Umstellung der Streitkräfte auf unbemannte Technik beschlossen. Ein Drittel der US-Truppe sollte durch Roboter ersetzt werden, bis 2010 in der Luft durch unbemannte Flugzeuge (»Drohne«), bis 2015 auch am Boden. Die erste Zielmarke ist längst erreicht. Und im vergangenen Jahr wurden in den USA schon mehr Drohnenoperateure ausgebildet als Kampf- und Bomberpiloten zusammengezählt. Zum bevorzugten Mittel der Terroristenjagd in Pakistans Bergen erklärte Präsident Barack Obama die Drohnen vom Typ Predator und Reaper – fliegende Kampfroboter, bestückt mit lasergelenkten Luft-Boden-Raketen.
Diese Roboter erweitern nicht einfach das Arsenal, sie ändern die Spielregeln. Den Vietnamkrieg haben die USA nicht wegen der Millionen zivilen Opfer abgebrochen, sondern aufgrund 60.000 toter Soldaten aus den eigenen Reihen. Im Irak steht der body count der US-Streitkräfte noch unter 4500. Dennoch fürchtet man in Washington nichts mehr als Bilder von Leichensäcken. Lassen sich mit (teil)automatisierten Armeen Kriege führen, die sonst politisch nie durchsetzbar wären?
Die Technologie erzeugt eine Paradoxie: Zwar schützen die Roboter heute das Leben der EOD-Teams im Irak. Aber ohne die Blechkameraden wären diese Soldaten vielleicht gar nicht dort.







Ich stelle folgende Frage:
Dürfen wir die Entscheidung über Leben und Tod einem anderen Wesen überlassen als dem Wesen selbst?
Da nimmt sich die bewaffnete Drohne doch als eine Potenzierung des sowieso schon schrecklichen Waffenmaterials nur als eine weitere Perversion aus.
Mögen alle Wesen glücklich sein.
Ob menschliche "Kampfmaschinen" oder Maschinen aus Blech und Elektronik: Der Effekt ist im Ergebnis der Gleiche.
Auch menschliche Kampfmaschinen reagieren im Ernstfall ohne ethische und moralische Überlegungen, obwohl sie im Prinzip dazu fähig wären. Die entsprechenden Befehle und das entsprechenden Training und die daraus folgende Konditionierung, die zu unwillkürlichen Reaktionen ohne langes Überlegen erzieht, verwischen hier den qualitativen Unterschied.
Fehlreaktionen der Roboter könnten sogar seltener sein als diejenigen von menschlichen Kampfmaschinen. Roboter können ja schließlich so programmiert werden, dass typisches menschliches Fehlverhalten durch verlieren von Nerven und unnötigen Emotionen verhindert werden kann.
Wer an die gerade in der US-Army sehr hohen Verluste an “friedly fire” denkt, dürfte den Einsatz von Kampfrobotern eher als weniger gefährlich für die eigenen Reihen sehen.
Genausowenig wie Waffen. Es ist momentan immer noch der Mensch, den den Abzug drückt oder auf dem Joystick der Drohne den Feuer-Knopf, auf Befehl seines Vorgesetzten, im bequemen Steuerungskontainer auf einer Basis im "Homeland". Abends wird dann bequem mit dem SUV nach Hause gefahren und ein Bier geöffnet. Der Feind wurde ja nie richtig gesehen. (Gab mal irgendwo einen ausführlichen Bericht dazu, wie das wirklich abläuft, hab ich glaub ich auf einer Ami-Seite irgendwo gelesen)...
Maschinen sind noch weit davon entfernt, zu ENTSCHEIDEN, ob getötet wird oder nicht. Das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben. Die Entwicklung der KI kommt vielleicht mit dem ersten Quantencomputer in Schwung, aber nur, nachdem alles Wissen der Menschheit zuvor von MENSCHEN einprogrammiert wurde (übertrieben gesagt)...
Daher ist die Überschrift, mit dem Hinweis auf das Entscheiden über Leben und Tod durch Maschinen sehr übertrieben.
imax
Die größte Gefahr der Kampfroboter geht doch vom enormen Rationalisierungspotenzial bei deren Herstellung und Einsatz aus.
Denn Rationalisierungspotenzial bedeutet auch, dass auch jeder Gegner (egal, von welcher Seite aus betrachtet) stetig weniger Ressourcen aufwenden muss, um mit so einem Kampfroboter angreifen zu können. Um so leichter und preisgünstiger solche Geräte hergestellt und betrieben werden können, um so schwerer wird auch die HERKUNFT DER AKTIVITÄT eines solchen Roboters, also die IDENTIFIKATION des tatsächlich (POLITISCHEN) ANGREIFERS, festzustellen sein.
D.h., dass der Einsatz von Kampfrobotern eben auch hervorragend genutzt werden kann, um unter falscher Flagge Hass zu säen und damit politisch Einfluss zu nehmen - sei es nun selber aktiv eine fremde "nicht genehme Regierung" aus dem Amt zum putschen oder dies einer Gruppierung in die Schuhe zu schieben, damit diese dann von der Öffentlichkeit verfolgt und "zu Recht" niedergemetzelt wird.
Es wäre naiv anzunehmen, dass solche Technologien nur im Besitz definierter Länder und Regierungen verfügbar seien wird. Mit zunehmender Rationalisierung der Geräteherstellung, deren Instandhaltung und deren Einsatz wird die Robo-Militarisierung von Paramilitärs und mafiösen Gruppen Einzug halten, weil gerade die von der Rationalisierung und Anonymisierung am stärksten profitieren.
Man darf gespannt sein, wie wir und die Regierungen der Welt darauf reagieren werden - der Geist scheint aus der Flasche zu sein ..
Y.S.
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