DIE ZEIT: Herr Eckert, geht es Ihnen nicht auf die Nerven, jedes Mal die Stimme Erich Honeckers zu hören, wenn Sie ins Büro gehen?

Rainer Eckert: Ja, unser Fahrstuhl im Forum wurde lange Zeit mit Stimmen deutscher Politiker beschallt, so auch mit Honeckers Spruch »Die Mauer wird noch in hundert Jahren stehen«. An manchen Tagen konnte ich das nicht mehr hören. Nun wird die Beschallung unserer jeweiligen Wechselausstellung angepasst. Gerade zeigen wir Humor und Politik in Deutschland, und im Fahrstuhl sind, in sächsischem Dialekt, politische Witze aus der DDR zu hören.

ZEIT: Keinen Spaß verstehen Sie, wenn mit Blick auf 1989 von »Wende« gesprochen wird. Wieso?

Eckert: Als Inhaber eines Segelscheins weiß ich: Die Wende ist ein Segelmanöver, dabei wird das Segel mit Mast und Gabelbaum umgelegt, schon geht es mit leicht verändertem Kurs in gleicher Richtung weiter. Genau so hat SED-Chef Egon Krenz sein Wort »Wende« auch gemeint. Aber erstens ist dieser Begriff wissenschaftlich kontraproduktiv, denn anders als für eine Revolution gibt es für eine »Wende« keine akzeptablen Kriterien. Zweitens verbindet man damit eben keine positiven revolutionären Erfahrungen, und das wäre wichtig – auch für das Geschichtsverständnis unserer Landsleute im Süden, Westen und Norden.

ZEIT: Selbst jene Ostdeutschen, die 1989 noch gut in Erinnerung haben, sprechen im Alltag ganz natürlich von »Wende«. Ist das denn so tragisch?

Eckert: Als Wissenschaftler halte ich es für meine Pflicht, gegen solche historischen Ungenauigkeiten anzukämpfen. Doch ich gebe zu: Der Begriff hat sich festgefressen, selbst bei meinen Freunden aus der Bürgerbewegung. Den meisten fällt es schwer, von sich als Revolutionär zu sprechen.

ZEIT: Sind Sie denn ein Revolutionär? 

Eckert: Ich will meinen Anteil nicht überbewerten, aber ich denke: Ja, auch ich bin ein Revolutionär. Wie schätzungsweise eine halbe bis eine Million andere Menschen, die 1989/90 im Osten auf die Straße gingen, um sich gegen die Herrschaftsverhältnisse aufzubäumen. Der Rest blieb hinter den Gardinen oder stand auf der Gegenseite.

ZEIT: Die Vorgänge vor 20 Jahren – von den ersten Montagsdemos bis zur Einheit – werden seit Monaten in den Medien, in unzähligen Büchern und Veranstaltungen ausgebreitet. Was hat uns dieses Dauergedenkjahr bislang gebracht?

Eckert: Vor allem hat sich endlich der Begriff »friedliche Revolution« für die Ereignisse 1989/90 in Wissenschaft, Politik und Publizistik weitgehend durchgesetzt – auch wenn mancher weiterhin argumentiert, eine Revolution sei zwingend mit Blutvergießen verbunden.

ZEIT: Wenn Sie recht haben, müsste die »Heldenstadt« Leipzig davon profitiert haben.

Eckert: Die Initiative 9. Oktober, in der ich Mitglied bin, arbeitet seit zehn Jahren daran, Leipzig als zentralen Ort der Revolution und den 9. Oktober 1989 als ihren zentralen Tag im Gedächtnis von Stadt und Nation zu verankern. Das ist nicht einfach, denn der Berliner Mauerfall ist viel tiefer im nationalen Gedächtnis eingegraben. Die Mauer hat 28 Jahre lang die Welt gespalten, ihr Abriss ist sinnfälliger. Und es gibt vom Mauerfall auch die viel besseren Fernsehbilder. In Leipzig hat Siegbert Schefke vom Kirchturm aus ein paar wacklige Bilder von den Montagsdemonstrationen gemacht; aus Berlin hingegen sah man, wie sich Ostdeutsche und Westberliner an der Bornholmer Brücke überglücklich begrüßten, Trabis hupten, weinende Menschen »Wahnsinn!« ausriefen. Zudem: Am 9. November waren Ost- und Westdeutsche beteiligt; der 9. Oktober war indes Sache der Leipziger und von etwa zehn- bis zwanzigtausend Menschen aus dem Rest der DDR.

ZEIT: Sie beklagen eine »Kannibalisierung der Erinnerung« an den Herbst 1989. Was genau meinen Sie damit?