»Ja, auch ich bin Revolutionär«
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»Wir stehen täglich vor der Frage: Was passiert, was müssen wir sichern?«

ZEIT: Was fehlt Ihnen noch für die Sammlung?

Eckert: Wenig. Zu »Opposition und Widerstand in der DDR« haben wir alles Notwendige schon.

ZEIT: Da ist zum Beispiel der Parka des damaligen Bürgerrechtlers und späteren letzten DDR-Außenministers Markus Meckel ausgestellt. Glauben Sie, dass auch spätere Generationen so einem Stück noch eine Aura zuschreiben?

Eckert: Das wird schwierig. Nehmen Sie als Beispiel das Kugelkreuz, ein etwa zwei Zentimeter kleines Abzeichen, darauf ein Globus mit einem Kreuz. Wer es als Jugendlicher trug, bekam Ärger mit Lehrern; nach der Schule hat man es sich wieder ans Revers gesteckt. Für uns Mitglieder der Jungen Gemeinde war das ein Bekenntniszeichen, weckt es starke Erinnerungen. Schon heute ist das Kugelkreuz für viele Besucher der Ausstellung erklärungsbedürftig. Ein echtes Problem bekommen wir in zwanzig, dreißig Jahren, wenn kaum noch jemand solche Dinge aus der eigenen Biografie kennt. 

ZEIT: Von der Flutkatastrophe des Jahres 2002 besitzt Ihr Mutterhaus in Bonn ein beeindruckendes Objekt: einen zertrümmerten Steinway-Flügel aus der Semperoper, original verschlammt. Wieso wird so etwas nicht in Leipzig gezeigt?

Eckert: Das hat praktische Gründe. Der Raum, in dem wir die Zeit nach 1989 thematisieren, misst etwa 70 Quadratmeter, da hätte der Flügel keinen Platz. Dafür zeigen wir Originalsandsäcke der Oderflut aus dem Jahr 1997.

ZEIT: Uns fällt auf, dass die Zeit nach dem Mauerfall in Ihrer Dauerausstellung sehr wenig Raum einnimmt. Wie kommt das?

Eckert: Immerhin haben wir die Fläche vor zwei Jahren verdoppelt. Es geht da um Arbeitslosigkeit, Arbeitskämpfe am Beispiel Eko-Stahl in Eisenhüttenstadt, um die Solidarität zwischen den Deutschen während der Oderflut, um Rechtsextremismus, die Euro-Einführung, Auslandseinsätze der Bundeswehr, den Umgang mit der DDR-Geschichte oder die Fußball-WM in Deutschland.

ZEIT: Man fragt sich, welches Exponat exemplarisch für die ostdeutsche Geschichte nach 1989 steht.

Eckert:(überlegt lange) Ich denke, es gibt dieses eine Objekt nicht. Noch nicht. Am ehesten käme der neue Reichstag mit seiner Kuppel infrage, von dem wir ein Modell zeigen. Als Sinnbild der neuen gesamtdeutschen Demokratie.

ZEIT: Ist es Ihnen nicht möglich, einen Gegenstand symbolisch aufzuladen, so wie es den Bonnern mit Helmut Kohls Strickjacke als Symbol für die Politik der Wiedervereinigung gelungen ist? 

Eckert: Das gelingt selten, und dann nur mit Findigkeit und Glück. Schauen Sie, die DDR ist heute das, was jeder Briefmarkensammler kennt: ein abgeschlossenes Gebiet; dagegen ist es viel schwieriger, in einem laufenden historischen Prozess zu sammeln. Wir stehen täglich vor der Frage: Was passiert, was müssen wir sichern? Und müssen schnell sein. Als beispielsweise Leipziger Ingenieure im Irak entführt worden waren, gab es Mahnwachen und hingen Solidaritätsplakate an der Nikolaikirche. Ich bin mit Hausmeistern und einer Leiter dorthin geeilt und habe einige der Plakate für unsere Sammlung abgenommen. Meine Bonner Kollegen haben sich mal ein abgelegtes Handy der Kanzlerin gesichert – bekanntlich regiert Angela Merkel gerne per SMS.

ZEIT: Bei diesem Exponat müssen Sie den Jüngeren nicht viel erklären. Erreichen Sie die überhaupt?

Eckert: Viele Schüler verbringen ganze Projekttage hier. Vor zehn Jahren, als wir anfingen, war das noch anders, aber das war nicht die Schuld der Schüler: Teile der sächsischen Lehrerschaft mieden unser Haus – weil sie vielleicht nicht konfrontiert werden wollten mit der Frage: Wie haben Sie sich in der DDR verhalten? Ich bin selten auf so viel aggressive Ablehnung gestoßen. Inzwischen merken auch wir hier, dass sich die Lehrerschaft etwas erneuert hat.

Das Gespräch führten Stefan Schirmer und Jana Hensel

 
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