Siebecks Grillseminar Wo sind die Würste?

In diesem Sommer wagt sich Wolfram Siebeck an den Rost. Im ersten Teil seines Grillseminars kämpft er mit der Bauanleitung eines High-Tech-Grills.

Wolfram Siebeck hat es geschafft, in seinem Garten den Grill aufzubauen

Wolfram Siebeck hat es geschafft, in seinem Garten den Grill aufzubauen

"Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt, es ist niemals gutzumachen", lautet die berühmte Warnung Kafkas. Daran dachte ich nicht, als es an der Pforte klopfte, es war ja auch nicht Nacht. Ich trat an die Brüstung und rief nach unten: "Wer da?" Ein Mann erschien und rief: "Ich bringen Griel!"

O Gott! Da war er, der Grill. Ich hatte mich wirklich nicht danach gedrängt. Viele Leser wissen, und die Kollegen von der Redaktion natürlich auch, dass ich immer wieder gegen das Grillen, dieses Kennzeichen der Primitivküche, polemisiert habe. Wo zum Garen von Lebensmitteln ein blecherner Fußabstreifer genügt, habe ich argumentiert, dort ist kein Platz für verfeinertes Kochen. Dem haben die Kollegen heftig widersprochen. Es gebe inzwischen moderne Grillgeräte, mit denen die raffiniertesten Gerichte hergestellt werden könnten. So einen würden sie mir schicken.

Anzeige
Siebeck
Alle Restaurantkritiken und Kolumnen von Wolfram Siebeck im Überblick

Alle Restaurantkritiken und Kolumnen von Wolfram Siebeck im Überblick

Da war er also. "Stellen Sie ihn vor die Tür!", rief ich nach unten und wollte wieder an den Frühstückstisch. Aber es stellte sich heraus, dass der Grill in einem Jumbo-Lkw stand, der für die Auffahrt zur Burg nicht geeignet war. Er parkte unten im Dorf bei der Kirche.

Eine Dreiviertelstunde später, Tee und Toast waren kalt geworden, hatte ich mithilfe von Madame und ihrem Kleinkombi den schweren Karton und einen Arm voll Päckchen unter das Dach der Remise gewuchtet. Das Öffnen und Auspacken ging fast so einfach wie damals, als ich bei Ikea ein Schreibpult gekauft hatte, das ich selber zusammenbauen musste. Von der Montage blieben eine Narbe sowie ein Kilo Schrauben und Stöpsel zurück.

Deshalb sichtete ich den Inhalt der Kiste mit der gleichen Vorsicht, mit der ein Sprengstoffexperte des BKA verdächtige Koffer untersucht. Der Anweisung entnahm ich, dass in den acht Extrapaketen 43 Kleinteile steckten, die zur Endmontage gebraucht werden. Als ich alle Teile des "Ascona 570MX" der Firma Outdoorchef auf dem Boden ausgebreitet hatte, kam Madame vom Einkaufen zurück und zeigte mir eine Reihe von Bratwürsten, worauf ich auf die Ansammlung von buntem Stahl, Holz, Blech und Kleineisen deutete. Sie griff sich an den Kopf und verschwand im Haus.

Im Gegensatz zu Holzkohle-Grillgeräten, welche Geruchswolken produzieren, deren Wirkung mit Islands Vulkanasche vergleichbar ist, besitzt ein Gasgrill so etwas wie einen Partikelfilter. Er braucht allerdings auch eine kiloschwere Gasflasche, um seinen Zweck zu erfüllen. Als ich sie besorgt und mithilfe von zwei jemenitischen Bombenbastlern alle Teile zusammengebaut und angeschlossen hatte, war eine Woche verstrichen. Die Würste hatten wir inzwischen in der Küche auf dem Induktionsherd gebraten und mangels Grillparty mit den Hunden der Nachbarschaft geteilt.

Der fertige Grill wiegt so viel wie ein Motorrad, hat überhaupt eine beeindruckende Ähnlichkeit mit einem Bike, kann fast so viel wie ein Auto, ist aber wetterabhängig und wird von allen Männern bewundert.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Aha...

    Siebeck kauft einen Gasgrill, merkt aber erst nach dem Zusammenbauen, dass man dafür auch Gas braucht. Schon blöd, diese Grills.

  2. Wie lautete denn da die Ausschreibung? Etwa: "Bock als Gärtner gesucht"?
    Um es höflich mit Schopenhauer auszudrücken: "Für das praktische Leben ist das Genie so brauchbar wie ein Sternenteleskop im Theater."
    Bert Brecht hatte schon recht: "Ich rate, lieber mehr zu können als man macht, als mehr zu machen als man kann."

  3. ...wie er mit seinem induktionsherd eine forelle über einem rosmarinfeuer grillt, ein stück schwein räuchert oder den duft frisch gegrillten fleisches zum esstisch wehen lässt.

    ...abgesehen davon ist es ein erlebnis eine wurst zu grillen. sie auf dem induktionsherd zuzubereiten, ist ungefähr so aufregend wie einen liter milch zu kochen.

  4. @kaeferiihk...: W.S. hat den Grill nicht gekauft (bitte nochmal nachlesen).

    @heldentasse: Jede Zubereitungsart braucht ihre spezielle Hardware. Der Grill ist die primitivste. Ein von mir schon öfter erwähnter, guter Freund, sardischer Gastronom, betrachtete mich einmal - während unserer Kennenlernphase - mit mildem Entsetzen, als ich meinen Fisch gegrillt bestellte. Er weigerte sich. Wohlgemerkt, seine Restaurantgäste bekommen den Fisch kommentarlos auch vom Grill. Später gestand ich ihm, dass ich kein großes Vertrauen in seine Zubereitungskünste etwa im Backofen hatte und hoffte, dass er das Kleingärtnergrillen wenigstens beherrscht. Daraufhin gab es Vino Rubio, Grappa von Pappa (von seinem Vater gemacht), ein Carpaccio vom Pferdefilet und Spaghetti mit reichlich Bottarga. Ein Essen, das ich wegen seiner Einfachheit und großen Köstlichkeit ebenso wenig vergessen werde, wie wegen des Kochunterrichts en passant. Ich habe seither nur einmal - zwangsweise in Portugal - wieder Fisch vom Grill gegessen. Oder Fleisch. Eigentlich gar nichts. Mein eigener Grill wird nur für unbelehrbare Gäste angeworfen.

    Dass das Grillen im Garten vor und mit den Gästen einen gewissen gesellschaftlichen Reiz hat, will ich nicht abstreiten. Aber auch das Kochen am Herd kann man sich interessant gestalten. Und wenn man René Artois aus seiner Zitatensammlung vorlesen lassen sollte. Man kann ja geistreiche Getränke dazu zu sich nehmen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ist eine wunderbar subtile Satire auf Herrn Siebecks Schreibstil. Sehr gut gelungen, Sie haben meinen Respekt!

    ... ist, wie wir von W.S. wissen, einer der wichtigsten Gründe, sich an deselben zu stellen.
    Und was das Grillen diversrer animalsischer Eiweißsorten auf dem herkömmlichen Holzkohlengrill, also drei bis zehn Zentimeter über weißglühenden Holzkohlen mit dem Effekt, daß sich das "Grillgut" in seiner Konsistenz den hutzespendern schneller annähert, als man "verbrannt" sagen kann, dann haben Sie zweifelsohne mehr als recht.
    Aber ... – und das ist ein großes "aber" – haben Sie schon einmal den Kohlerost eines richtig großen Weber Kohle-Kugelgrill links und rechts eng eingegrenzt mit je 25-30 durchgeglühten Briketts bestückt, in die Mitte eine Tropfschale gelegt, auf dem Grillrost in der Mitte (NICHT über den Kohlen!) eine Anzahl Teile von kräuter- und kunstreich marinierten Bresse-Hühnern, dicken(!) Lammfilets, Entrecôtes etc. plaziert, den Deckel geschlossen und bei 200 bis 250 °C (ist dank variabler Luftzufuhr fein zu regulieren) etwa eine Stunde "gegrillt", um sie abschließend gaaaanz kurz über der Glut mit einer Knusperkruste zu versehen? In der erwähnten Tropfschale ordne ich zum Beispiel Scheiben von Tomaten und Courgettes dachziegelförmig an, die ich behutsam gesalzen und gepfeffert habe. Die heruntertropfenden Bratensäfte würzen dieses gleichzeitig mit dem Fleisch fertig werdende Gemüsepfännchen aufs angenehmste.
    Seh'n Se's, da ha‘m Se's – kein Qualm, keine hektische Brandwache, keine verkokelten Tierteile, sondern purer, saftiger Genuß. Und da sich das Fleisch gleichsam von selbst zubereitet, hat auch der Zubereiter Zeit für geistige Gespräche und Getränke, gewürzt vielleicht mit einem Nietzsche-Zitat: „Durch schlechte Köchinnen, durch vollkommenen Mangel an Vernunft in der Küche, ist die Entwicklung der Menschheit am längsten aufgehalten worden.“

    ... ist eine wunderbar subtile Satire auf Herrn Siebecks Schreibstil. Sehr gut gelungen, Sie haben meinen Respekt!

    ... ist, wie wir von W.S. wissen, einer der wichtigsten Gründe, sich an deselben zu stellen.
    Und was das Grillen diversrer animalsischer Eiweißsorten auf dem herkömmlichen Holzkohlengrill, also drei bis zehn Zentimeter über weißglühenden Holzkohlen mit dem Effekt, daß sich das "Grillgut" in seiner Konsistenz den hutzespendern schneller annähert, als man "verbrannt" sagen kann, dann haben Sie zweifelsohne mehr als recht.
    Aber ... – und das ist ein großes "aber" – haben Sie schon einmal den Kohlerost eines richtig großen Weber Kohle-Kugelgrill links und rechts eng eingegrenzt mit je 25-30 durchgeglühten Briketts bestückt, in die Mitte eine Tropfschale gelegt, auf dem Grillrost in der Mitte (NICHT über den Kohlen!) eine Anzahl Teile von kräuter- und kunstreich marinierten Bresse-Hühnern, dicken(!) Lammfilets, Entrecôtes etc. plaziert, den Deckel geschlossen und bei 200 bis 250 °C (ist dank variabler Luftzufuhr fein zu regulieren) etwa eine Stunde "gegrillt", um sie abschließend gaaaanz kurz über der Glut mit einer Knusperkruste zu versehen? In der erwähnten Tropfschale ordne ich zum Beispiel Scheiben von Tomaten und Courgettes dachziegelförmig an, die ich behutsam gesalzen und gepfeffert habe. Die heruntertropfenden Bratensäfte würzen dieses gleichzeitig mit dem Fleisch fertig werdende Gemüsepfännchen aufs angenehmste.
    Seh'n Se's, da ha‘m Se's – kein Qualm, keine hektische Brandwache, keine verkokelten Tierteile, sondern purer, saftiger Genuß. Und da sich das Fleisch gleichsam von selbst zubereitet, hat auch der Zubereiter Zeit für geistige Gespräche und Getränke, gewürzt vielleicht mit einem Nietzsche-Zitat: „Durch schlechte Köchinnen, durch vollkommenen Mangel an Vernunft in der Küche, ist die Entwicklung der Menschheit am längsten aufgehalten worden.“

  5. ... ist eine wunderbar subtile Satire auf Herrn Siebecks Schreibstil. Sehr gut gelungen, Sie haben meinen Respekt!

  6. Ich finde es grossartig. Und freue mich auf die Erfahrungen. Nur wer seine Vorurteile begräbt, gelangt zu neuen Ufern. Als Neu-Schweizer musste auch ich das "grillieren" lernen. Viel gutes Fleisch möge mir verzeihen. Meinen Hund hat es gefreut. Spätestens wenn WS Fisch grillt, freut sich Frau Hoffmann. Genug. Hic Rhodos, hic salta.
    Viel Spass.

  7. ... ist, wie wir von W.S. wissen, einer der wichtigsten Gründe, sich an deselben zu stellen.
    Und was das Grillen diversrer animalsischer Eiweißsorten auf dem herkömmlichen Holzkohlengrill, also drei bis zehn Zentimeter über weißglühenden Holzkohlen mit dem Effekt, daß sich das "Grillgut" in seiner Konsistenz den hutzespendern schneller annähert, als man "verbrannt" sagen kann, dann haben Sie zweifelsohne mehr als recht.
    Aber ... – und das ist ein großes "aber" – haben Sie schon einmal den Kohlerost eines richtig großen Weber Kohle-Kugelgrill links und rechts eng eingegrenzt mit je 25-30 durchgeglühten Briketts bestückt, in die Mitte eine Tropfschale gelegt, auf dem Grillrost in der Mitte (NICHT über den Kohlen!) eine Anzahl Teile von kräuter- und kunstreich marinierten Bresse-Hühnern, dicken(!) Lammfilets, Entrecôtes etc. plaziert, den Deckel geschlossen und bei 200 bis 250 °C (ist dank variabler Luftzufuhr fein zu regulieren) etwa eine Stunde "gegrillt", um sie abschließend gaaaanz kurz über der Glut mit einer Knusperkruste zu versehen? In der erwähnten Tropfschale ordne ich zum Beispiel Scheiben von Tomaten und Courgettes dachziegelförmig an, die ich behutsam gesalzen und gepfeffert habe. Die heruntertropfenden Bratensäfte würzen dieses gleichzeitig mit dem Fleisch fertig werdende Gemüsepfännchen aufs angenehmste.
    Seh'n Se's, da ha‘m Se's – kein Qualm, keine hektische Brandwache, keine verkokelten Tierteile, sondern purer, saftiger Genuß. Und da sich das Fleisch gleichsam von selbst zubereitet, hat auch der Zubereiter Zeit für geistige Gespräche und Getränke, gewürzt vielleicht mit einem Nietzsche-Zitat: „Durch schlechte Köchinnen, durch vollkommenen Mangel an Vernunft in der Küche, ist die Entwicklung der Menschheit am längsten aufgehalten worden.“

  8. … ist für das Braten von Bratwürsten allenfalls dritte Wahl. Diese brauchen einen ihrer Länge gut angepaßten, rechteckigen Rost, der zweckmäßigerweise nicht aus stricknadeldünnen Stäben, sondern aus etwa zentimeterbreiten Flacheisen besteht, und vor dem Auflegen der Würste satt mit einer Speckschwarte abgerieben wird. Der etwa 20 cm draunter angeordnete identisch abgemessene, flache Glutkasten wird möglichst nicht mit Holzkohle (wird zu heiß), sondern mit gut getrocknetem Holz beschickt, das möglichst gleichmäßig über die Fläche brennen bzw. glühen muss, um gleichmäßiges Bräunen der Würste zu gewährleisten. Buche hält die Hitze sehr lang, Nadelholz verbrennt in Null Komma Nichts unter Absonderung von Harzqualm. Zum Wenden von Bratwürsten bedarf es möglichst langer, schmaler Implemente, die es erlauben, jede Wurst in ihrer ganzen Länge auf einmal zu drehen, ohne sie zu knicken oder zu verdrehen. Wenden mit der Gabel geht gar nicht. Wer vergißt, eine Wurst vor dem Plazieren auf dem Rost durch kaltes Wasser zu ziehen, muß sich nicht wundern, wenn sie sofort festpappt ...
    Wichtiges Kollateral-Untensil ist eine wohlgefüllte Bierflasche: Ihr Inhalt hält den Bratwurstbrater bei Laune und löscht, gezielt mit dem auf die Öffnung der umgedrehten Flasche gehaltenen Finger dosiert zerstäubt, allfällige, von herabtropfendem Fett entfachte Flammen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... Bratwürste gehören auf einen passenden Grill, z. B. von Thüros. Gaskugelgrill und Bratwurst geht nicht zusammen.

    ... Bratwürste gehören auf einen passenden Grill, z. B. von Thüros. Gaskugelgrill und Bratwurst geht nicht zusammen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service