Im Juli fahren die Züge nicht, weil die Lokführer streiken. Im August herrscht noch immer Chaos auf den Bahnhöfen, weil dann die Fahrdienstleiter die Arbeit niederlegen. Im September sind die Gleisarbeiter dran, im Oktober der Wartungsdienst. Immer fallen die Züge aus. Danach beginnt das gleiche Spiel auf den Flughäfen, im Frühjahr in den Krankenhäusern. Deutschland steht still. Die Republik ist lahmgelegt. Nichts geht mehr. Sieht so die Zukunft aus?

Diesen Eindruck erwecken dieser Tage die aufgeregten Kommentare in den Medien. Anlass ist das jüngste Urteil des Bundesarbeitsgerichts, wonach es in deutschen Betrieben künftig nicht mehr einen, sondern mehrere Tarifverträge geben darf . Was nach einer juristischen Formalie klingt, versetzt die Wirtschaft in helle Aufregung. Arbeitgeber, Gewerkschafter und Verbandsführer warnen vor einer "Zersplitterung" der Tariflandschaft und einer "Spaltung der Belegschaften". Die einen sehen die Solidarität unter den Arbeitnehmern in Gefahr, die anderen den Wirtschaftsstandort. Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt fürchtet Verhältnisse wie in Großbritannien in den siebziger Jahren – ein Streikchaos, das dort zur Deindustrialisierung beigetragen habe.

Es geht um die grundsätzliche Frage, welche Rechte Arbeitnehmer haben

Da wundert nicht, dass bereits kurz nach dem Richterbeschluss Unternehmen wie Gewerkschaften neue Regeln fordern. Ein Gesetz müsse her, fordern sie, das die Tarifeinheit festschreibe. Dabei spricht einiges dafür, dass das Urteil gar nicht viel verändern wird. Dass nicht jede Woche eine andere Berufsgruppe das öffentliche Leben lahmlegt. Dass das große Chaos ausbleibt. Neue Gesetze könnten im Gegenteil sogar schädlich sein. Dabei geht es nicht um juristische Fachsimpelei, sondern um die grundsätzliche Frage, welche Rechte Arbeitnehmer haben.

Bisher galt für die Beschäftigten in einem Betrieb in der Regel nur ein Tarifvertrag. Selbst dann, wenn sie verschiedenen Gewerkschaften angehören und der Arbeitgeber sich an mehrere Tarifwerke gebunden hat. Im Konfliktfall sollte einfach der speziellere Vertrag, der genauer auf Branche, Betrieb und Personal zugeschnitten war, den allgemeineren Tarifvertrag verdrängen. Nur einer hätte Gültigkeit, der andere fiele unter den Tisch. So hatten Arbeitsrichter sich das in den fünfziger Jahren ausgedacht – ein Gesetz dazu gab es nie. Das Prinzip der Tarifeinheit ist eine Erfindung der Richter.

Nun haben sie ihre selbst geschaffene Norm wieder einkassiert. Dass sie nötig sei, um für Rechtssicherheit und Klarheit zu sorgen, wie früher behauptet, glauben sie nicht mehr. Inzwischen sehen die Richter in dem Grundsatz sogar einen Verstoß gegen das grundgesetzlich geschützte Recht, in einer frei gewählten Vereinigung für die eigenen Interessen zu kämpfen ("Koalitionsfreiheit").

Wirklich überraschend ist diese Wende nicht. Der Grundsatz der Tarifeinheit wird nicht nur in juristischen Fachkreisen seit mehr als zehn Jahren heftig kritisiert – er ist auch in der Praxis immer weniger relevant. "Das Bundesarbeitsgericht", meint deshalb der Münchner Arbeitsrechtsprofessor Volker Rieble, "hat nur ein Prinzip beerdigt, das schon lange tot war."

Und wer sich in der deutschen Wirtschaft umschaut, merkt schnell, dass die Tarifeinheit tatsächlich ein ziemlich theoretisches Gebilde ist. Ob bei der Bahn, der Lufthansa oder in den Krankenhäusern, überall gelten gleich mehrere Tarifverträge. Ausgehandelt wurden sie von Gewerkschaften, die nur einzelne Berufsgruppen vertreten. Mal sind es die Lokführer, mal die Piloten oder die Ärzte.

Beispiel Deutsche Bahn: Der Staatskonzern reagiert gelassen auf den Richterspruch. Denn das, was Unternehmensvertreter nun allerorts befürchten, hat die Bahn schon hinter sich – die Abspaltung einer Gruppe von Beschäftigten. Im Sommer 2007 einigten sich die beiden Bahn-Gewerkschaften Transnet und GDBA mit der Bahn auf moderate Lohnerhöhungen für alle 134.000 Beschäftigten. Nur einer stellte sich quer: Manfred Schell, Chefrebell der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Er wollte mehr herausholen für das Fahrpersonal und forderte für sie einen eigenen Tarifvertrag mit bis zu 31 Prozent mehr Lohn.

In den folgenden Monaten legten die Lokführer immer wieder den Schienenverkehr lahm. Die GDL sei "eine kleine Gruppe, die das Land terrorisiert", wütete Bahn-Chef Hartmut Mehdorn. In vielen Umfragen gab es aber Sympathien für die Streikenden. Am Ende bekamen sie ihren eigenen Vertrag – und elf Prozent mehr Geld.