Uiguren Uhren, die uigurisch ticken

Ein Jahr nach den blutigen Unruhen herrscht in Chinas Westprovinz Ruhe, kein Frieden von 

Urumqi

Vor einer Moschee in Urumqi, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Xinjiang  |  © PETER PARKS/AFP/Getty Image

Schön und friedlich ist das Bild nur auf den ersten Blick: Die riesige Mao-Statue und drum herum die zu uigurischen Weisen tanzenden Mädchen in ihren neonglitzernden Trachten. Friede, Freundschaft, Völkerverständigung soll diese Inszenierung signalisieren. Ein Jahr nach den blutigen Zusammenstößen zwischen den einheimischen Uiguren und zugewanderten Han-Chinesen in der Autonomen Region Xinjiang legt die Zentralregierung Wert auf Harmonie. Nach uigurischen Angaben kamen allein hier in Kashgar etwa hundert Menschen ums Leben.

Die Spannungen sind immer noch spürbar, gerade jetzt, zum Jahrestag des Konflikts. Auf dem Platz des Volkes rund um die Mao-Statue kommt keine Feierstimmung auf. Als das Spektakel – es gehört zum Rahmenprogramm einer Industriemesse – vorbei ist, verlaufen sich die Zuschauer schnell. Die Uiguren gehen schlafen, der Staat, der von den Han als größte Volksgruppe dominiert wird, bleibt wachsam. Ab Mitternacht läuft eine achtköpfige mit Maschinenpistolen bewaffnete Truppe über den gespenstisch leeren Platz.

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Kashgar liegt im äußersten Westen Chinas, fast direkt neben Kirgisistan mit seinen blutigen ethnischen Konflikten. Die Uiguren, die hier die Mehrheit stellen, zählen wie die kirgisischen Konfliktparteien zu den Turkvölkern. Die Stadtregierung aber wird von Han-Chinesen kontrolliert; sie geht in diesen Tagen auf Nummer sicher. Eine Hundertschaft von Soldaten mit Schilden und Schlagstöcken lagert nicht wie sonst in einer Seitenstraße, sondern demonstrativ mitten auf dem Platz. Die muslimischen Uigurinnen in ihren bunten Röcken und ihre dunkelhäutigen Männer mit dem türkischen Aussehen laufen mit stoischem Gleichmut um die Truppe herum. Ihr Glaube ist nicht illegal, öffentliche Gebete aber sind es. Ihre Pässe sollen sie zu Chinesen machen, doch sogar ihre Zeitrechnung betont die Eigenständigkeit. Trotzig leben sie im um zwei Stunden verzögerten Rhythmus der zentralasiatischen Zeitzone, obwohl die chinesische Führung auf Pekingzeit besteht.

In Urumqi, der Provinzhauptstadt, schleichen regelmäßig vergitterte Mannschaftswagen mit Soldaten in Tarnuniform und Stahlhelm durch den Verkehr der 2,7-Millionen-Stadt. Und immer wieder Geschwader von Polizeimotorrädern, deren schwarz gekleidete Fahrer ihre Maschinenpistolen auf den Rücken geschnallt haben. Mit ihren schnellen Fahrzeugen können sie Verdächtige auch in den engen Gassen der Altstadt verfolgen, in der fast nichts mehr an China erinnert.

Es gibt Öl und Gas. Für Peking ist die Provinz noch wichtiger als Tibet

Der Han-Staat ist nervös. Vor einer Woche erst verhaftete die Staatssicherheit eine angebliche Terrorzelle in Westxinjiang, die »viele« terroristische Attacken ausgeführt haben soll, darunter einen Anschlag in Kashgar zum Beginn der Olympischen Spiele im Sommer 2008. Die Verhafteten sollen Mitglieder der Islamischen Bewegung von Ostturkestan sein, einer Gruppe, die 2002 von den Vereinten Nationen auf die Liste der terroristischen Vereinigungen gesetzt wurde, unter anderem, weil sie Verbindungen zu al-Qaida unterhält. »Niemand kann nachprüfen, ob die Verhafteten wirklich die Täter sind oder nur kurz vor dem Jahrestag präsentiert werden, um die wahren Täter zu erschrecken«, sagt ein junger Uigure, der als Anwalt arbeitet und derzeit seinen Namen lieber nicht nennt.

In den Tagen nach dem Aufstand trieben Polizisten nach Augenzeugenberichten die Bewohner ganzer Gassen aus ihren Häusern. Sie trennten junge Männer von ihren Familien und deportierten sie in Lastwagen. »Ihre Familien und wir Nachbarn konnten nichts tun«, sagt eine Augenzeugin, »wir hatten alle Angst, auch weggebracht zu werden.« Bis in den August hinein hielten die Razzien an, oft kam die Polizei in den frühen Morgenstunden. Ein Vater erzählt: »Sie brachen die Tür auf. Sie sagten, dass mein Sohn Nuriddin mit Freunden an den Protesten beteiligt gewesen sei und die Freunde seinen Namen genannt hätten. Sie drehten seinen Arm auf den Rücken und brachten ihn weg.« Seitdem hat man von dem 20-jährigen Nuriddin nichts mehr gehört.

Warum Peking diese ferne Provinz mit solch harter Hand regiert, ist offensichtlich: Xinjiang ist die strategisch wichtigste Provinz Chinas, weit wichtiger noch als Tibet. Sie hat Grenzen mit Russland, der Mongolei, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Pakistan, Afghanistan und Indien. Und in Xinjiang liegen die größten Öl- und Gasvorkommen des Landes. »Weil das so ist, gibt es keine realistische Chance zur Entspannung, solange die Uiguren nicht das tun, was die Chinesen wollen«, sagt der Anwalt.

Leserkommentare
  1. Wenn sich die Muslime der Welt nicht in ihren eigenen Streitigkeiten erschöpfen würden, könnten sie von Usbekistand aus im Verein mit anderen zentralasiatischen Republiken und der Türkei eine Menge Druck gegen China aufbauen. Denn diese huldigt den in der Türkei lebenden Uiguren als ihren fernen Cousins. Aber jedem ist doch das Hemd näher als der Rock. Was war, als ein Exil für die Uiguren aus Guantanamo gesucht wurde? Wer hat da "hier" geschrien? Dabei weiß inzwischen jeder, daß die Amerikaner sich gegen gutes Geld Leute haben andrehen lassen, deren einzige Tätigkeit für El Kaida wahrscheinlich darin bestand, daß sie gebetet haben, als die Razzia stattfand.

  2. Und was sollte das bringen?
    Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, das sich China dafür auch nur einen feuchten Kericht interessiert. Viele der muslimischen Staaten haben so gut wie keine Macht. Weder politisch noch militärisch und technologisch leben einige noch im Mittelalter. Ausnahmen bestätigen die Regel.

    Wie soll so ein Staat unter Druck gesetzt werden, der regional technologisch mittlerweise fast auf West-Niveau ist, und der in kürzester Zeit eine Millionenschaft von Soldaten aufstellen kann, und über Kernwaffen verfügt?

    Glaube da träumen einige gewaltig..

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