MS FramAbwarten und Whisky trinken

Wie schwer ist ein Anker? War Orwell plemplem? Wer sich mit den Briten beschäftigen will, kann eine Bildungsreise mit der "MS Fram" rund um deren Inseln machen. von Elsemarie Maletzke

Am Anfang einer Kreuzfahrt ist alles betrachtenswert; der Fluss, die Ufer und die anderen Schiffe. Seit der Ausfahrt aus dem Hamburger Hafen folgt der Fram ein französisches Kriegsschiff, die Jeanne d’Arc, kittgrau, leicht angerostet, aber keine unelegante Erscheinung. Ein langer Quirl ragt aus dem Mittelschiff, an dem sich etwas dreht, vermutlich Jeanne d’Arcs Radar. Die winddicht verpackten Gestalten im Heck der Fram richten ihre Ferngläser auf die Kriegerin. Eine Dame aus Cuxhaven weiß: »Die war auf dem Hamburger Hafengeburtstag. Das ist ihre letzte Fahrt. Danach wird sie verschrottet.« Ist es nicht immer ein bisschen schade, wenn ein Schiff abgewrackt wird? »Na, bei einer Fregatte bin ich nicht so traurig«, sagt die Dame aus Cuxhaven.

Die Fram hingegen ist ein sympathischer norwegischer Zivilist in Schwarz-Weiß-Rot, 114 Meter lang mit Platz für 318 Passagiere. Sie stammt aus einer Linie tüchtiger skandinavischer Postschiffe, ist expeditionstauglich, sogar eisgängig. In zehn Tagen wird sie einmal um Großbritannien herumfahren und Orte wie Portsmouth, Dublin und Aberdeen anlaufen. Für alle Fälle führt sie unter Deck eine kleine Flotte von flachen Booten mit. Unwegsame Küsten können also per Landungsboot erreicht werden.

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Vom Wasser aus gesehen ist das Ufer ein Rätselort; so wie für Landbewohner ein Schiff Fragen aufwirft. Selbst das Vermischte, das während des Abendessens backbord vorbeizieht, fordert den Spürsinn heraus: Sind wir denn immer noch auf der Elbe? Was gibt es da zu verladen? Wird es den Kühen nebenan nicht zu laut? Vom immer ferneren Ufer durchzucken Leuchtturmsignale die Nacht. Die Fram biegt in den Ärmelkanal ein.

Ihre Namenspatronin ist der Dreimaster, mit dem Fridtjof Nansen 1893 in Richtung Nordpol segelte und Roald Amundsen 1910 zum Südpol. In der Arkade vor dem Bordrestaurant steht das Schiffsmodell unter Glas, dazu Pulverbeutel und knöcherne Speerspitzen, weißes Emaillegeschirr und eine von Nansen signierte Streichholzschachtel. An den Wänden sind schwarz-weiße Fotos groß aufgezogen: glatt rasierte Männer mit Bowlerhüten und Halsschleifen, später bärtig in Pelz und Wolle zwischen Masten, Schlittenhunden und schneebedeckten Zelten. Den naturweiß melierten Pullover Modell Fridtjof gibt es auch in der Bordboutique. Die chinesische Rezeptionistin trägt ihn in Größe 36, trotz des am zweiten Tag immer noch sonnigen Wetters. In ihrem Wirkungsbereich brennt auf einem Bildschirm ein virtuelles Kaminfeuer.

Die meisten Passagiere streben rasch und ohne Blicke für den musealen Teil durch die Arkade zum Restaurant, teilen sich in zwei Reihen vor den Desinfektionsspendern, dann weiter händereibend zum Frühstück. Vor einer ansteckenden Magenverstimmung fürchtet sich die Geschäftsleitung der Fram mehr als damals Nansen vor der Pest an Bord. Im Fahrstuhl füllt sein Porträt eine ganze Wand, kurz geschorenes, zurückweichendes Haar, voller, feuchter Mund unter dem Bartgezausel und stechender Blick. Hände gewaschen?!

Schiff

Die »MS Fram« unternimmt Kreuzfahrten in der Nord- und Ostsee und im Mittelmeer. Eine Reise rund um Großbritannien, in der andere Häfen als 2010 angelaufen werden, findet vom 22. September bis 2. Oktober 2011 statt. Ab 2255 Euro pro Person

Weitere Routen

Im Kielwasser der Wikinger«, 26. Mai bis 13. Juni 2011; »Inseln Spitzbergens und Norwegische Fjorde«, 7. September bis 19. September 2011

Veranstalter

Hurtigruten, Tel. 040/376930, www.hurtigruten.de

»Mütze auf und an Deck!«, kommandiert eine alte Dame ihren Mann. Ehe Südengland in Sicht kommt, liegt ein Seetag vor den Passagieren, den sie, zuerst in Decken gemummelt, dann immer aufgeknöpfter im Liegestuhl verbringen. Frau A. aus München liegt nicht; sie steht an der Reling, eine kleine Dame von 88 mit einer schrägen Ponyfrisur. Zwischen 300 Anoraks macht sich ihre geblümte Steppjacke angenehm bemerkbar. In den vergangenen Jahrzehnten ist Frau A. gern mit Überlandbussen durch Indien, Russland und den Jemen gereist. Nun hat eine Freundin sie zu dieser Kreuzfahrt überredet. Sie langweilt sich ein wenig. »Dieses Schlafen und Lesen den ganzen Tag, das kann ich nicht. Dazu bin ich noch zu lebendig«, sagt Frau A. Sie wird sich den Landausflügen anschließen, nach Winchester, zum Blarney Castle, zu den Steinkreisen auf Lewis. »Jedem Landausflug!«

Bis dahin kann sie sich die Zeit mit Vorträgen vertreiben, über Wale, Seevögel, die Wikinger und die englische Gotik. Oder mit Bernard McGee, dem schottischen Whiskyexperten, Single Malts verkosten: Aroma einatmen, öliges Stöffchen an den Glasrand schwenken, schlürfen, Vorgang würdigen! McGee trägt Kilt und umgeschnallte Felltasche, etwa hundert ältere Herrschaften tragen einen kleinen Rausch davon und haben am Ende gelernt, wie man sich auf Gälisch zuprostet: Sláinte!

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