Das Schulterblatt, eine Kopfsteinpflasterstraße, spannt sich in leichtem Bogen durch das Schanzenviertel. Das Haus mit der unsichtbaren Nummer 71, einst ein Varietétheater, kann sein Alter nicht verbergen, 122 Jahre, notdürftig überschminkt mit gelber Farbe, die von der Fassade krümelt: die Rote Flora. Sie ist nicht zu übersehen. Sie hat es zum Postkartenmotiv gebracht und ist samt Schanzenviertel stets pünktlich zum 1. Mai in den Schlagzeilen, wenn Krawall ist und die Mülltonnen brennen. Am Vordach flattert ein Stück Stoff, "Anarchie statt Deutschland". Darunter, wo einst der Eingang war, liegen Obdachlose auf den Stufen. Schlafsäcke gegen die nahende Nacht, Würstchen gegen den Hunger, Bier gegen den Rest. Ein paar Meter weiter würde man sie verscheuchen, hier nicht.

Die Flora ist besetzt, und ihr Besitzer hat Hausverbot. Eine Stahltür an der Seite führt hinein. Davor steht Jakob*. Er ist 19 und wartet auf seine Freunde. Sie treffen sich zur Volxküche, zweimal in der Woche gehen sie hier in der Flora essen. Sie sind Gäste. Jakob hat gerade sein Abitur bestanden, Einsernote, im Rucksack stecken Deutschlandfähnchen, er hat sie auf dem Weg von den Autos gepflückt. Zum WM-Spiel der deutschen Mannschaft werden sie vor dem Haus angezündet. "Das wird lustig", sagt Jakob. "Mal sehen, wie die Leute drüben gucken."

Drüben sind die Cafés, die Bars und Restaurants, für die das Schanzenviertel inzwischen auch bekannt ist. Die Biertische draußen sind selten leer, auch bei schlechtem Wetter ist Betrieb. Reiseführer preisen es als "szenigstes Viertel der Stadt" und empfehlen die Boutiquen, die weiter oben die Straße säumen. Die Flora mit ihrer "widerständigen Aura" und den "spitzenmäßigen Clubnächten" wird gelobt. Dabei wirkt sie, als habe sie jemand dort abgeworfen. Vor 21 Jahren.

Da fing es an. Der Hamburger Senat wollte das Haus an einen Musical-Produzenten verkaufen – die Linken zogen ins Gemäuer. Abrissbagger brannten, die Regierung des Stadtstaates gab nach. Es ging um die Nutzung des Viertels, um Raum und darum, was man mit ihm macht. Seither ist der Senat ratlos, was mit der Flora künftig geschehen soll. Um Ruhe zu haben, überschrieb er das Haus an den Immobilienkaufmann Klausmartin Kretschmer, das war 2001. Rückkaufsfrist: 10 Jahre. Im kommenden März läuft sie also ab. Danach könnte Kretschmer das Gebäude weiterverkaufen. Das schafft schon jetzt Unruhe.

Die Geschichte der Flora lagert im ersten Stock, im "Archiv der sozialen Bewegungen", in dem auch Zeitschriften und Flugblätter gesammelt werden. Der Weg führt vorbei an Plakaten und Parolen, die von jenen gemocht werden, die diesen Ort mögen: "Auch Angrabschen und Anstarren ist Sexismus", "Gegen Repression und Vertreibungspolitik", "Schluss mit dem Verkauf!". Schon lange hat es kein frisches Lüftchen mehr hier hinein geschafft. Muffig riecht’s und feucht, nach umgekipptem Bier. Nach oben führt eine Treppe, die man vorsichtig betritt, sie knurrt etwas morsch. Das Archiv ist zurzeit geschlossen, Anfragen bitte nur als E-Mail. Gerade tagt hier das Plenum, eine Art Ältestenrat. Jede aktive Gruppe sendet ihre Delegierten: aus dem Archiv, der Motorradwerkstatt, dem Café. Meistens sitzen um die 20 Mitglieder zusammen, im Alter von 18 bis 68. Einige sind seit Anfang der Besetzung dabei. Mit Journalisten möchten sie in diesen Wochen nicht reden. "Wir bereiten uns weiter darauf vor, das Projekt zu verteidigen", teilen sie auf ihrer Homepage mit.

Jakob sitzt unten, in einem Seitenraum des Hauses. Er sagt: "Es wäre schlimm, wenn’s das hier nicht mehr gäbe." Einen Ort der Freiheit und der Solidarität nennt er die Rote Flora. "Wo soll man denn hier sonst hin?" Drei Männer stehen am Tresen, tragen T-Shirts, Kapuzenpullover, Nietengürtel, alles schwarz. Akkurat schneiden sie Tomaten in eine Schüssel, dann die Gurken, dann die Zwiebeln, dann den Salat. Dazu gibt es Sojafleisch. Ein paar Gäste warten auf Sofas, aus deren Polstern der Schaumstoff quillt. Kaffee: 1 Euro, Limo: 1,50. Ein Flugblatt gibt Tipps für den Fall der Fälle: Was tun bei Hausdurchsuchungen? Aus Lautsprechern kommt Punk zur Lage: "Es ist unser Haus. Es ist schmutzig, kaputt, hässlich und wunderschön." Widerstand auf 1700 Quadratmetern.

Einer der ältesten Gäste erzählt Geschichten von früher, was die Presse schrieb oder man so gehört hat: wie Polizisten, als Handwerker getarnt, das Damenklo gefliest haben, um reinzukommen. Wie man Pissoirs aus der DDR besorgt hatte, weil andere zu teuer waren, und dann die Rohre nicht passten. Und wie die Hamburger Handelskammer die Flora vor Jahren als einen "weichen Standortfaktor" in diesem kleinen Viertel gepriesen hat. Damals, sagt einer, habe man noch gelacht. Jetzt lacht niemand mehr darüber.