Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient, sonst, so sagte es einmal der Philosoph Joseph Marie de Maistre, hätte es sich eine andere gewählt. Dieser politische Kalenderspruch fällt einem natürlich ein, wenn man die Leute dieser Tage schimpfen hört über die in der Tat beklagenswerte schwarz-gelbe Koalition.

Auf der anderen Seite, das konnte der Maître im frühen 19. Jahrhundert noch nicht wissen, hat jedes Volk auch die Fußball-Nationalmannschaft , die es verdient. Wird diese Elf auch nicht vom Volk gewählt, so gibt sie dennoch Auskunft über ein Land: Wie stark ist der Leistungswille, kommen wirklich die Besten nach oben, wie groß ist die Lust am Spiel, wie lässig ist ein Volk, hat es genug ökonomische Kraft, um eine gute Liga zu unterhalten, funktioniert die Integration anderer Kulturen und Herkünfte, wie steht es um den Zusammenhalt und um die Erneuerungskraft?

Daran gemessen, sieht es schlecht aus für – beispielsweise – England , das genug Geld hat, um die beste Liga der Welt zu finanzieren, dessen Nationalteam es jedoch an Modernität mangelt. Italien macht für den Fußball ebenfalls Unmengen von Geld locker, auch wenn man nicht immer wissen möchte, woher genau dieses Geld stammt. Doch die italienische Nationalmannschaft ist ethnisch und technisch so homogen, dass sie an ihrer eigenen Langeweile schier zugrunde gegangen ist. Frankreich wiederum vereint viele Völker in einer Mannschaft, bloß vertragen sie sich nicht.

Unter allen Problemen des Landes ist die Regierung das größte

Deutschland hingegen – lasst uns diesen Moment preisen, er wird schon vergehen – hat eine recht gesunde Fußball-Ökonomie, findet zu einer neuen Lässigkeit, spielt mannschaftlich geschlossen und ist dabei bunter gemischt als jedes andere Team der WM. Da muss doch einiges gelungen sein in diesem Land in letzter Zeit.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie ein Volk zugleich diese Nationalmannschaft und diese Regierung verdient haben kann. Darauf gibt es eine schlichte Antwort: Die Regierung hat derzeit mit dem Land kaum etwas zu tun.

Manche behaupten, Schwarz-Gelb sei die schlechteste Regierung seit 1949. Das mag dahingestellt bleiben, aber die seltsamste ist sie allemal. Schließlich entspringt die Dauerkrise der Koalition keineswegs der Finanz- und Wirtschaftskrise , im Gegenteil, auf dem Feld war sie sogar relativ gut. Vor allem aber haben sich die Bürgerinnen und Bürger äußerst vernünftig und gelassen verhalten, sie gingen ihrer Arbeit nach und erfüllten ihre Konsumpflichten. Es gab auch keine Massendemonstrationen oder Kampagnen irgendwelcher Lobbygruppen, unter deren Wucht der Zusammenhalt der Regierung zerbrochen wäre. Anders als unter der tragischen rot-grünen Koalition klettern die Arbeitslosenzahlen keineswegs auf die 5-Millionen-Marke zu, und selbst der ungeliebte Afghanistankrieg setzt diese Koalition viel weniger unter Druck als die Regierung von Gerhard Schröder und Joschka Fischer.

Nein, der nicht enden wollende Fehlstart dieser Regierung lässt sich mit gar nichts Bedeutsamem in der wirklichen Welt erklären. Er buchstabiert sich vielmehr so: Hotelsteuer, mitfliegende Freunde, spätrömische Dekadenz, Steuersenkung, Gesundheitsprämie, Wildsau, Gurkentruppe, Abweichler, mutwillige Rücktritte.