Endlich! So der erleichterte Kommentar der begeisterten Onlinekäufer. Endlich macht Amazon den verschnarchten deutschen Kaufleuten Dampf. Neuerdings bietet der amerikanische Internethändler hierzulande Lebensmittel per Mausklick an: Kaffee und Tee, Kekse, selbst Fisch und Fleisch, Bio- und Fairtrade-Gemüse.

Na ja: Die Aussage über Fisch und Fleisch klingt etwas übertrieben. Das Angebot verderblicher Ware ist rar, ebenso wie das von Obst und Gemüse. Ein erster Bummel durch den virtuellen Laden zeigt: Wer Lust auf ein knuspriges Brot hat, kombiniert mit einem Steak und knackigem Salat, dem bleibt nichts anderes übrig, als einen realen Laden aufzusuchen.

Doch derart kleinliche Mäkeleien werden dem Thema nicht gerecht. Schließlich geht es um ein riesiges Potenzial, das noch nicht erschlossen wurde. Zurzeit geben die Deutschen zwar 150 Milliarden Euro im Jahr für Lebensmittel aus. Davon bestellten sie allerdings nur magere 0,5 Prozent im Internet. Legt man nur den Onlinehandel zugrunde, klingt die Sache auch nicht besser. An allen im Internet bestellten Waren haben Lebensmittel einen Anteil von gerade einmal drei Prozent. Da tut sich also eine riesige Chance auf, zumal die Briten zeigen, wie es geht. Dort schreibt der Handelsriese Tesco stattliche Umsätze mit Lebensmitteln, die elektronisch geordert werden. Doch weltweit reagieren Verbraucher eben unterschiedlich, gerade wenn es ums Essen geht.

Amazon kennen die Deutschen vor allem wegen der Bücher, die sie gern online bestellen. Mittlerweile ist der Internetpionier zu einem richtigen Warenhaus geworden. Dass er jetzt sogar in das Geschäft mit den Lebensmitteln einsteigt, ist mutig.

Der Schritt gibt der Konkurrenz jetzt offensichtlich zu denken. So dürfte es kein Zufall sein, dass sich der Chef der deutschen Versandhandels-Ikone Otto ebenfalls mit dem Gedanken trägt, eine alte Idee neu zu beleben. Bereits im Jahr 2000 startete der Otto-Supermarktservice. Er gehörte damit zu den Vorreitern in Deutschland. Das Experiment währte allerdings nur drei Jahre.

Das Scheitern hatte verschiedene Gründe. Hierzulande erreicht fast jeder Verbraucher den nächsten Lebensmittelladen in nur wenigen Minuten. Außerdem hat Schauen, Drehen und Wenden noch immer einen hohen Stellenwert – gerade beim Kauf von Lebensmitteln. Zugegeben: Die Warteschlange vor der Kasse nervt. Allerdings: Weil sich Müsli, Bananen oder Klopapier nicht beamen lassen, nützt die bequeme Bestellung all jenen wenig, die selten zu Hause sind. Feste Liefertermine gibt es in der Regel nicht. Das ist unkomfortabel, auch beim neuen Angebot von Amazon.

Zunächst: Wer bei seiner Bestellung unter 20 Euro bleibt, zahlt drei Euro extra. Na gut, akzeptiert. Aber: Geliefert wird irgendwann in den nächsten zwei Tagen. Beim Premiumversand, der schon innerhalb eines Werktages nach Versendung ankommen soll, wird es bereits doppelt so teuer. Beim Overnight-Express klappt die Lieferung zwar bis zum nächsten Tag um 12 Uhr. Doch der kostet 13 Euro zusätzlich. Wer auf Sylt, Amrum oder einer anderen deutschen Insel wohnt, muss auf den Service ganz verzichten. Genaue Uhrzeiten lassen sich in keinem Fall vereinbaren.

Allerdings, pardon für diese Platitüde, haben sich die Zeiten geändert. Früher hatten die erwerbstätigen Familienmitglieder geregelte Arbeitszeiten: Also war tagsüber oft niemand zu Hause. Das schmale Zeitfenster morgens und abends bereitet den Onlinehändlern in der Tat Probleme.

Inzwischen aber sind die Arbeitszeiten flexibler geworden. Zudem betreiben mehr Selbständige ihr Geschäft in den eigenen vier Wänden. So gesehen könnte – eventuell – die richtige Zeit für die gute Idee gekommen sein. Zu wünschen bleibt dennoch, dass Amazon und Co. ihren Lieferservice optimieren.