Burn-out Arbeiten, bis der Arzt kommt

Der Burn-out wird zur Volkskrankheit. Woran liegt das? Eine Erkundung in der Arbeitswelt

Am einfachsten wäre es, sich die Deutschen als ein Volk von Wehleidern vorzustellen. Als Menschen, die gerne jammern und keinen Stress vertragen. Man müsste sich dann nicht groß Gedanken über die Arbeitswelt machen. Die Sache mit Carsten Becker* und dem Mann an der Stereoanlage wäre leicht zu erklären.

Am Anfang hatte Becker nur ein leichtes Rauschen in den Ohren, manchmal klang es fast beruhigend. Doch dann verwandelte es sich in ein Piepen, in einen Ton, der Carsten Becker morgens und abends, Tag und Nacht verfolgte und sich zu einem schrillen Pfeifen steigerte. Es war, sagt Becker, als sei da ein Mann neben ihm gewesen, der eine Stereoanlage aufdrehte, immer weiter und weiter, obwohl Becker längst »Aufhören!« schrie. Doch es gab keinen Mann. Keine Stereoanlage. Und nur Becker konnte den Ton hören.

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Warnsignale vor einer psychischen Erkrankung
  • Quälende, ergebnislose Grübeleien
  • Zerstreutheit, Flüchtigkeitsfehler nehmen zu
  • Konzentration auf eine Sache wird unmöglich
  • Vergesslichkeit, Aussetzer im Kurzzeitgedächtnis
  • Gegenstände werden verlegt
  • Gefühlte Zeitnot und Gehetztheit, chronische Unruhe; sichtbare Nervosität
  • Kontakt zu anderen Menschen wird gemieden
  • Anhaltende Schlafstörungen
  • Schwierigkeit, anderen zuzuhören
  • Verringerte Gefühlskontrolle, Wutausbrüche bei kleinstem Anlass, Weinattacken
  • Starre Mimik
  • Mehr Fehlzeiten wegen banaler Erkrankungen (Erkältung oder Ähnlichem)
  • Häufige Kopfschmerzen, Migräne
  • Schwindel
  • Schmerzen aller Art ohne klare körperliche Ursache
  • Tinnitus, Hörsturz

Der 35-Jährige ging zum Arzt. Tinnitus, lautete die Diagnose, Ohrgeräusch, typisches Überlastungssymptom, außerdem ein Hörsturz. Becker konnte einige Frequenzen nicht mehr wahrnehmen. Er bekam Infusionen mit Kortison. Sein Hörvermögen kehrte zurück, das Pfeifen wurde leiser.

Alles gut, dachte Becker und ging wieder in sein Büro in einer bayerischen Bank, in der er seit 19 Jahren arbeitet. Er betreut dort Firmenchefs, genauer: Geschäftsführer von mittelständischen Unternehmen mit mehreren Hundert Mitarbeitern. Mithilfe der Bank wollen sie Maschinen, Lastwagen, Immobilien dauerhaft mieten, statt sie zu kaufen. Leasen heißt das in Beckers Welt. Becker entwirft die Leasingverträge, kalkuliert die Raten, er muss gleichzeitig die Rendite erhöhen, die Konkurrenz ausstechen, die Kunden überzeugen. Halt’ ich schon aus, dachte er. Bis das Pfeifen in den Ohren zurückkehrte. Und Becker wieder Kortison bekam.

Dreimal wiederholte sich das. Dann sagte der Arzt: »Sie müssen jetzt mal an die Ursache ran.«

Der Arzt meinte Beckers Job. Der tägliche Stress mache ihn fertig. So wie Hunderttausende Bundesbürger, die jedes Jahr an ihrer Arbeit erkranken . Deren Körper und Seele sich gegen den Job zur Wehr setzen. Ein paar Wochen Urlaub helfen ihnen nicht mehr. Sie werden depressiv, sind chronisch erschöpft, ausgebrannt .

Eigentlich halten die Deutschen weit mehr aus als früher. In den siebziger und achtziger Jahren ließen sie sich doppelt so oft krankschreiben wie heute. Rückenleiden, Herzbeschwerden, Magenprobleme, das hält sie heute seltener vom Arbeiten ab. Nur die psychischen Erkrankungen haben zugenommen . Allein seit Anfang der Neunziger hat sich die Zahl der Fälle nach Angaben der Krankenkassen fast verdoppelt – von 500.000 im Jahr auf knapp eine Million.

Und das ausgerechnet in Deutschland. In einem Land, in dem der durchschnittliche Angestellte nach Erhebung des Statistischen Bundesamtes nur noch 30 Stunden in der Woche arbeitet. Dazu kommen 31 Tage Urlaub und, je nach Bundesland, 9 bis 13 Feiertage. Klingt ganz gemütlich.

Wie ist es möglich, so wenig zu arbeiten und dennoch so sehr darunter zu leiden? Verspüren die Deutschen einen kollektiven Phantomschmerz, oder gibt es eine andere Erklärung für dieses Missverhältnis?

Leser-Kommentare
    • Tensch
    • 09.07.2010 um 12:53 Uhr

    Es muss nich immer ein Abbruch des gesellschaftlichen Umgangs sein, oft werden diese auch auf neue Medien, wie StudiVz, Twitter oder Facebook projiziert. Aber das solche gesellschaftlichen Kontakte über Internet und Telefon nicht den direkten Umgang mit den Freunden und Bekannten ersetzen, ist klar. So steht man doch in der Mitte der Community und ist doch alleine. Dazu kommt noch die Ellbogenmentalität der jetzigen Gesellschaft, die jedem Kollegen und Kommilitonen als einen potentiellen Mitbewerber und Erfolgskonkurrenten klassifiziert. Außerdem werden durch hohe Mobilitätsanforderungen im Berufsleben, die einen weit von der Heimat weg verschlagen können, familäre Beziehungen zunehmend gekappt.
    Das Resultat dieser zunehmenden gesellschaftlichen Isolation dürfte auch einen großen Anteil daran haben, dass die Menschen keinen Rückhalt mehr empfinden und sich ausgebrannt fühlen.

    • alkyl
    • 09.07.2010 um 13:48 Uhr

    "In einem Land, in dem der durchschnittliche Angestellte nach Erhebung des Statistischen Bundesamtes nur noch 30 Stunden in der Woche arbeitet. "

    Das kann ja wohl nur durch falsche Interpretation oder mutwilliges Wegschauen passiert sein. Zum Beispiel, indem die vielen teilzeitbeschäftigten Mütter (sorry: Eltern) eingerechnet werden, bei denen dann großzügig verschwiegen wurde, daß sie ja noch über 80 Wochenstunden Familienarbeit vor sich haben.

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    Word hier von Vollzeitstellen geredet oder alle mit einbezogen? Als ich in noch in Agenturen gearbeitet habe, bin ich nicht selten auf 60 Stunden gekommen (40 war vertraglich festgelegt...)

    Es gibt keine Familienarbeit. Und das sage ich als Vater einer Tochter, der mit der Mutter noch zusammenlebt.

    Wer das normale Leben als Arbeit bezeichnet, sollte lieber keine Kinder bekommen.

    Word hier von Vollzeitstellen geredet oder alle mit einbezogen? Als ich in noch in Agenturen gearbeitet habe, bin ich nicht selten auf 60 Stunden gekommen (40 war vertraglich festgelegt...)

    Es gibt keine Familienarbeit. Und das sage ich als Vater einer Tochter, der mit der Mutter noch zusammenlebt.

    Wer das normale Leben als Arbeit bezeichnet, sollte lieber keine Kinder bekommen.

  1. Word hier von Vollzeitstellen geredet oder alle mit einbezogen? Als ich in noch in Agenturen gearbeitet habe, bin ich nicht selten auf 60 Stunden gekommen (40 war vertraglich festgelegt...)

  2. Karriere, Karriere, Karriere, Powerfrau, Powerfrau, Powerfrau...

    Hauptsache Mama bleibt nicht zu Hause hinter dem Herd, sondern geht für den Staat und seine Sozialsystem anschaffen.

    Natürlich Papa auch.

    Hauptsache das Volk kommt nicht auf die Idee, dass es auch noch anderen Werte außer Konsum und Karriere geben könnte.

  3. Es gibt keine Familienarbeit. Und das sage ich als Vater einer Tochter, der mit der Mutter noch zusammenlebt.

    Wer das normale Leben als Arbeit bezeichnet, sollte lieber keine Kinder bekommen.

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    ...immer etwas negatives ist, dann ist das Ihr Problem, dadurch besitzt Ihre Definition von Arbeit noch lange keine Allgemeingültigkeit, also erwarten Sie von anderen nicht auch diese Sichtweise...

    Marco Vogt, weil so viele Männer Haushalt und Kinderversorgung nicht als richtige Arbeit, sondern als Selbstverständlichkeit ansehen, holen sich so viele Frauen Anerkennung am Arbeitsmarkt, vulgo: Sie machen Karriere.

    ...immer etwas negatives ist, dann ist das Ihr Problem, dadurch besitzt Ihre Definition von Arbeit noch lange keine Allgemeingültigkeit, also erwarten Sie von anderen nicht auch diese Sichtweise...

    Marco Vogt, weil so viele Männer Haushalt und Kinderversorgung nicht als richtige Arbeit, sondern als Selbstverständlichkeit ansehen, holen sich so viele Frauen Anerkennung am Arbeitsmarkt, vulgo: Sie machen Karriere.

  4. liegt inzwischen etwa jeder 2. Erkrankung, wegen der ein Arzt konsultiert werden muss, eine somatoforme Ursache zugrunde!

    Ein Zeitgeist, in dem allein Höher-Schneller-Weiter zum Maß aller Dinge hoch stilisiert worden ist, nimmt auf die Psyche des Menschen, seine wirklichen Bedürfnisse jenseits der materiellen Aspekte, Null Rücksicht.

    Das einzige Ziel, welches man auf diese ungesunde Weise wirklich erreichen wird, ist das man in der Jugend genug Geld verdienen kann, nein sogar muss, damit man im Alter (wenn es überhaupt bis dahin kommt!) seine ausgebrannte Seele und ausgebeuteten Körper behandeln bzw. pflegen lassen kann.

    Ein dankbares Ziel, für das es sich lohnen würde, seine Knochen herzugeben und seine Seele zu verkaufen?!

    Wohl eher nicht, doch ist es oft schon zu spät, wenn man dies erkennt und Körper und Geist bereits nachhaltig, oft irreversibel, gezeichnet sind von jahrelangem Raubbau!

    Wozu das Ganze?!

    Zählt es wirklich mehr, auf sein Auto, sein Haus, sein Boot zeigen zu können, als ein ausgeglichenes Leben zu führen, in dem echte, sprudelnde Freude am Dasein und individuelle Weiterentwicklung zu einem gelingenden Leben mit hohen Werten, die zentrale Rolle spielen!?

    Einfach Mensch sein dürfen!!
    Nicht nur funktionierendes Zahnrad einer unmenschlich kalten Wirtschaftsmaschinerie, die allein zu einem einzigen Grund geschaffen wurde, nämlich "unten" wie blöde zu wurschteln, damit "Oben" reichlich Kohle gescheffelt werden kann; Koste es was, oder auch wen, es wolle...

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    Niemand hindert die Menschen daran einfach Mensch zu sein, auch nicht die Arbeitgeber, denn an denen liegt es meistens nicht, dass sich ihre Angestellten bis unter die Hutschnur für den Konsum verschulden.

    Niemand hindert die Menschen daran einfach Mensch zu sein, auch nicht die Arbeitgeber, denn an denen liegt es meistens nicht, dass sich ihre Angestellten bis unter die Hutschnur für den Konsum verschulden.

  5. Niemand hindert die Menschen daran einfach Mensch zu sein, auch nicht die Arbeitgeber, denn an denen liegt es meistens nicht, dass sich ihre Angestellten bis unter die Hutschnur für den Konsum verschulden.

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    Doch werden wir kleinen Rädchen im Systemgetriebe bereits von Kindesbeinen an konditioniert zu funktionieren und max. Leistung zu erbringen, stets uns ständig.

    Eines der perfiden Instrumente, die uns bei dieser kontinuierlichen Gehirnwäsche "implantiert" werden, ist der Neid. Genauer gesagt wird der latent im Menschen vorhandene Neid explizit geschürt! Namentlich der Neid auf das was der Nachbar, der Kollege, der Star im TV oder wer auch immer zur leuchtenden Ikone der Wirtschaft oder des Konsums erkoren wurde, erreicht hat und besitzt, um "uns" die Nasen lang zu machen, respektive im Hamsterrad zu Höchstleistung anzutreiben!

    Das führt oft dann zwangsläufig zu einer Überschuldung, wenn der Betroffenen dabei nicht mithalten kann, sei es aus mangelnden individuellen Fähigkeiten heraus, oder einfach weil sein ehedem gut honorierter Job schlicht weg rationalisiert und er selbst in die Hartz-Systeme abgeschoben wurde.

    Diese Mechanismen machen sich die kapitalistisch intendierten Arbeitgebern, protegiert von der etablierten Politik, zunutze indem sie eiskalt berechnend, die Angst vor Statusverlust und Vermögensverfall der so Ausgebeuteten dazu missbrauchen, um immer mehr und noch mehr Leistung aus ihnen heraus zu pressen!

    Für Menschliches bleibt da nicht mehr viel Raum und das gehört auch zum Plan, denn es steigert den Fokus auf das vermeintlich Wesentliche: Karriere, Geld, Status etc...

    und es macht den Menschen seelisch siech, weil es wider seiner eigentlichen Natur ist...

    Doch werden wir kleinen Rädchen im Systemgetriebe bereits von Kindesbeinen an konditioniert zu funktionieren und max. Leistung zu erbringen, stets uns ständig.

    Eines der perfiden Instrumente, die uns bei dieser kontinuierlichen Gehirnwäsche "implantiert" werden, ist der Neid. Genauer gesagt wird der latent im Menschen vorhandene Neid explizit geschürt! Namentlich der Neid auf das was der Nachbar, der Kollege, der Star im TV oder wer auch immer zur leuchtenden Ikone der Wirtschaft oder des Konsums erkoren wurde, erreicht hat und besitzt, um "uns" die Nasen lang zu machen, respektive im Hamsterrad zu Höchstleistung anzutreiben!

    Das führt oft dann zwangsläufig zu einer Überschuldung, wenn der Betroffenen dabei nicht mithalten kann, sei es aus mangelnden individuellen Fähigkeiten heraus, oder einfach weil sein ehedem gut honorierter Job schlicht weg rationalisiert und er selbst in die Hartz-Systeme abgeschoben wurde.

    Diese Mechanismen machen sich die kapitalistisch intendierten Arbeitgebern, protegiert von der etablierten Politik, zunutze indem sie eiskalt berechnend, die Angst vor Statusverlust und Vermögensverfall der so Ausgebeuteten dazu missbrauchen, um immer mehr und noch mehr Leistung aus ihnen heraus zu pressen!

    Für Menschliches bleibt da nicht mehr viel Raum und das gehört auch zum Plan, denn es steigert den Fokus auf das vermeintlich Wesentliche: Karriere, Geld, Status etc...

    und es macht den Menschen seelisch siech, weil es wider seiner eigentlichen Natur ist...

    • Isaidy
    • 09.07.2010 um 14:58 Uhr

    aus der Perspektive der "ich arbeite also bin ich"-Fraktion geschrieben. Ein Workoholic, der sich selbst, obwohl er eigentlich finanziell ausgesorgt hat, durch Immer-Bereitschaft ein Bein stellt, ist jedoch nur der eine Typus. Tragischer ist jener andere, der unter zum Teil knüppelharten Bedingungen im Niedriglohnmetier der Zeitarbeit arbeiten geht, sein Gehalt noch mit Hartz IV aufstocken muss, um daheim die Familie ernähren zu können. Anerkennung seitens des Arbeitgebers gleich Null, Selbstwertgefühl aufgrund der eigenen Leistung geich Zero, weil man trotz Arbeit noch auf Sozialhilfe angewiesen ist. Wir dürfen ruhig einen Blick nach Skandinavien werfen. Dort wird mit dem "Kostenfaktor" Arbeitnehmer nicht so brutal und schonungslos umgegangen, wie mittlerweile in diesem unserem Lande.

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