Burn-out Arbeiten, bis der Arzt kommt
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Wo alles erreichbar, alles möglich scheint, steigen die Ansprüche

Es war dieser Schutz, der Christiane Schöss* am Ende fehlte.

Sie ist Ende 30 und leitet die IT-Abteilung in einem Verlag mit 500 Mitarbeitern. Für sie ein Traumjob. Sie verdient viel Geld, bekommt außerdem Boni, Sonderprämien, Dienstwagen und einen Tiefgaragenstellplatz. Sie darf sich Chief Information Officer, kurz CIO, nennen und findet, dass sich das gut anhört. Sie lebt in der Großstadt, ist alleinstehend, hat keine Kinder, aber das kann ja noch kommen, jetzt will sie erst einmal etwas leisten, und außerdem hat sie ja einen großen Freundeskreis.

Der kleiner wird. Und kleiner.

Es fängt damit an, dass sie Verabredungen absagt. Kino? Squash? Ein Ausflug mit ihrem Patenkind? Ein andermal. Zuerst sucht sie nach Entschuldigungen, später wird sie gar nicht mehr gefragt. Irgendwann trifft sie nach dem Büro eine Freundin auf einen schnellen Kaffee, als diese plötzlich schimpft: »Sag mal, du redest ja nur noch über deine Arbeit. Du hast überhaupt nichts anderes mehr im Kopf!«

Da, sagt Christiane Schöss, habe sie erstmals gemerkt, wie sehr sie alles andere im Leben beiseitegeschoben hatte. Einen Moment ist sie geschockt. Dann, wie aus Trotz, vertieft sie sich noch mehr in ihren Job. Gibt ja allen Grund dazu – neue Projekte, die Finanzkrise. Außerdem liebt sie ihre Arbeit.

Irgendwann aber liebt ihre Arbeit sie nicht mehr. Die Geschäftsführung gibt ihr immer neue Aufträge, macht Druck, mäkelt an ihr herum. Ihr ist, als sei sie verlassen worden. Christiane Schöss ist immer noch CIO, aber sie hat nicht mehr das Gefühl, es geschafft zu haben. Es kommt ihr vor, als sei sie gescheitert.

Wenn sie jetzt abends nach Hause kommt, hat sie nicht einmal mehr die Kraft, die Waschmaschine anzuschalten. Sie fängt an zu weinen – wegen nichts. Kriegt Wutanfälle – wegen Kleinigkeiten. Nach einem Urlaub, der nicht hilft, geht sie zum Arzt. Die Diagnose: Erschöpfungsdepression. Nach Ansicht des Medizinsoziologen Johannes Siegrist ein klassischer Fall: »Erwerbstätige, die für ihren starken Einsatz nicht die nötige Wertschätzung bekommen, sind besonders gefährdet, vor allem, wenn ihr Beruf die einzige Quelle persönlicher Anerkennung darstellt.«

Es gibt, natürlich, in der Arbeitsgesellschaft auch Ursachen seelischer Erkrankungen, die nichts mit dem Beruf zu tun haben, sie mögen in der Familie gründen, der Kindheit, einer missglückten Ehe. Und doch fällt auf, dass die Zunahme der psychischen Zusammenbrüche in eine Zeit fällt, in der den meisten Menschen in den Industrieländern, zumindest theoretisch, eine große Zukunft offensteht.

Egal, ob Männer oder Frauen, ob Arbeiter- oder Akademikerkinder: Sie können ihr eigenes Leben führen. Sie können studieren, Karriere machen, Kinder kriegen oder es bleiben lassen. Es liegt an ihnen, und das ist das Problem. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat es vor wenigen Jahren in seinem Buch Das erschöpfte Selbst beschrieben: Wo alles erreichbar, alles möglich scheint, steigen die Ansprüche. Dafür sinkt die Zahl akzeptabler Entschuldigungen. Am Ende liegt das Scheitern nur am eigenen Ich. Wenn aber jeder selbst für sich verantwortlich ist, dann muss auch jeder selbst die Last des Erfolgszwangs tragen. Und manche brechen darunter zusammen.

An wenigen Orten zeigt sich das so deutlich wie am Rande der Arbeitsgesellschaft, an ihren Eingangstoren gewissermaßen, den Universitäten. Dort, in Göttingen zum Beispiel, nicht weit von den Uni-Cafés und Studentenkantinen, vor denen in diesen Tagen Tausende junge Leute in der Sonne sitzen, steht, leicht zurückversetzt, ein mittelgroßes weißes Gebäude, ein Zweckbau, auffällig nur durch ein silbernes Schild an der Wand. »Psychotherapeutische Ambulanz für Studierende« steht darauf.

Hierher kommen Studenten, die mit dem Leben hadern oder den Glauben an sich selbst verlieren. Seit 45 Jahren gibt es die Beratungsstelle, aber erst seit wenigen Jahren beobachten die Therapeuten, dass ihnen vermehrt junge Leute gegenübersitzen, mit denen alles in Ordnung zu sein scheint. Sie sind selbstbewusst, haben Freunde, intakte Familien, ihre Köpfe sollten voll sein mit Plänen und Zukunftsfreude. Stattdessen ist da nur ein einziges Gefühl, erzeugt von neuen Prüfungsordnungen, Masterstudiengängen und vergeblichen Versuchen, den eigenen Lebenslauf zu optimieren. Sie sitzen da, die Studenten, in einem dieser kleinen Beratungszimmer, sind erst Anfang oder Mitte 20 und sagen schon jetzt nur diesen einen Satz: Ich kann nicht mehr .

* Name von der Redaktion geändert.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Tensch
    • 09.07.2010 um 12:53 Uhr

    Es muss nich immer ein Abbruch des gesellschaftlichen Umgangs sein, oft werden diese auch auf neue Medien, wie StudiVz, Twitter oder Facebook projiziert. Aber das solche gesellschaftlichen Kontakte über Internet und Telefon nicht den direkten Umgang mit den Freunden und Bekannten ersetzen, ist klar. So steht man doch in der Mitte der Community und ist doch alleine. Dazu kommt noch die Ellbogenmentalität der jetzigen Gesellschaft, die jedem Kollegen und Kommilitonen als einen potentiellen Mitbewerber und Erfolgskonkurrenten klassifiziert. Außerdem werden durch hohe Mobilitätsanforderungen im Berufsleben, die einen weit von der Heimat weg verschlagen können, familäre Beziehungen zunehmend gekappt.
    Das Resultat dieser zunehmenden gesellschaftlichen Isolation dürfte auch einen großen Anteil daran haben, dass die Menschen keinen Rückhalt mehr empfinden und sich ausgebrannt fühlen.

    • alkyl
    • 09.07.2010 um 13:48 Uhr

    "In einem Land, in dem der durchschnittliche Angestellte nach Erhebung des Statistischen Bundesamtes nur noch 30 Stunden in der Woche arbeitet. "

    Das kann ja wohl nur durch falsche Interpretation oder mutwilliges Wegschauen passiert sein. Zum Beispiel, indem die vielen teilzeitbeschäftigten Mütter (sorry: Eltern) eingerechnet werden, bei denen dann großzügig verschwiegen wurde, daß sie ja noch über 80 Wochenstunden Familienarbeit vor sich haben.

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    Word hier von Vollzeitstellen geredet oder alle mit einbezogen? Als ich in noch in Agenturen gearbeitet habe, bin ich nicht selten auf 60 Stunden gekommen (40 war vertraglich festgelegt...)

    Es gibt keine Familienarbeit. Und das sage ich als Vater einer Tochter, der mit der Mutter noch zusammenlebt.

    Wer das normale Leben als Arbeit bezeichnet, sollte lieber keine Kinder bekommen.

    Word hier von Vollzeitstellen geredet oder alle mit einbezogen? Als ich in noch in Agenturen gearbeitet habe, bin ich nicht selten auf 60 Stunden gekommen (40 war vertraglich festgelegt...)

    Es gibt keine Familienarbeit. Und das sage ich als Vater einer Tochter, der mit der Mutter noch zusammenlebt.

    Wer das normale Leben als Arbeit bezeichnet, sollte lieber keine Kinder bekommen.

  1. Word hier von Vollzeitstellen geredet oder alle mit einbezogen? Als ich in noch in Agenturen gearbeitet habe, bin ich nicht selten auf 60 Stunden gekommen (40 war vertraglich festgelegt...)

  2. Karriere, Karriere, Karriere, Powerfrau, Powerfrau, Powerfrau...

    Hauptsache Mama bleibt nicht zu Hause hinter dem Herd, sondern geht für den Staat und seine Sozialsystem anschaffen.

    Natürlich Papa auch.

    Hauptsache das Volk kommt nicht auf die Idee, dass es auch noch anderen Werte außer Konsum und Karriere geben könnte.

  3. Es gibt keine Familienarbeit. Und das sage ich als Vater einer Tochter, der mit der Mutter noch zusammenlebt.

    Wer das normale Leben als Arbeit bezeichnet, sollte lieber keine Kinder bekommen.

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    ...immer etwas negatives ist, dann ist das Ihr Problem, dadurch besitzt Ihre Definition von Arbeit noch lange keine Allgemeingültigkeit, also erwarten Sie von anderen nicht auch diese Sichtweise...

    Marco Vogt, weil so viele Männer Haushalt und Kinderversorgung nicht als richtige Arbeit, sondern als Selbstverständlichkeit ansehen, holen sich so viele Frauen Anerkennung am Arbeitsmarkt, vulgo: Sie machen Karriere.

    ...immer etwas negatives ist, dann ist das Ihr Problem, dadurch besitzt Ihre Definition von Arbeit noch lange keine Allgemeingültigkeit, also erwarten Sie von anderen nicht auch diese Sichtweise...

    Marco Vogt, weil so viele Männer Haushalt und Kinderversorgung nicht als richtige Arbeit, sondern als Selbstverständlichkeit ansehen, holen sich so viele Frauen Anerkennung am Arbeitsmarkt, vulgo: Sie machen Karriere.

  4. liegt inzwischen etwa jeder 2. Erkrankung, wegen der ein Arzt konsultiert werden muss, eine somatoforme Ursache zugrunde!

    Ein Zeitgeist, in dem allein Höher-Schneller-Weiter zum Maß aller Dinge hoch stilisiert worden ist, nimmt auf die Psyche des Menschen, seine wirklichen Bedürfnisse jenseits der materiellen Aspekte, Null Rücksicht.

    Das einzige Ziel, welches man auf diese ungesunde Weise wirklich erreichen wird, ist das man in der Jugend genug Geld verdienen kann, nein sogar muss, damit man im Alter (wenn es überhaupt bis dahin kommt!) seine ausgebrannte Seele und ausgebeuteten Körper behandeln bzw. pflegen lassen kann.

    Ein dankbares Ziel, für das es sich lohnen würde, seine Knochen herzugeben und seine Seele zu verkaufen?!

    Wohl eher nicht, doch ist es oft schon zu spät, wenn man dies erkennt und Körper und Geist bereits nachhaltig, oft irreversibel, gezeichnet sind von jahrelangem Raubbau!

    Wozu das Ganze?!

    Zählt es wirklich mehr, auf sein Auto, sein Haus, sein Boot zeigen zu können, als ein ausgeglichenes Leben zu führen, in dem echte, sprudelnde Freude am Dasein und individuelle Weiterentwicklung zu einem gelingenden Leben mit hohen Werten, die zentrale Rolle spielen!?

    Einfach Mensch sein dürfen!!
    Nicht nur funktionierendes Zahnrad einer unmenschlich kalten Wirtschaftsmaschinerie, die allein zu einem einzigen Grund geschaffen wurde, nämlich "unten" wie blöde zu wurschteln, damit "Oben" reichlich Kohle gescheffelt werden kann; Koste es was, oder auch wen, es wolle...

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    Niemand hindert die Menschen daran einfach Mensch zu sein, auch nicht die Arbeitgeber, denn an denen liegt es meistens nicht, dass sich ihre Angestellten bis unter die Hutschnur für den Konsum verschulden.

    Niemand hindert die Menschen daran einfach Mensch zu sein, auch nicht die Arbeitgeber, denn an denen liegt es meistens nicht, dass sich ihre Angestellten bis unter die Hutschnur für den Konsum verschulden.

  5. Niemand hindert die Menschen daran einfach Mensch zu sein, auch nicht die Arbeitgeber, denn an denen liegt es meistens nicht, dass sich ihre Angestellten bis unter die Hutschnur für den Konsum verschulden.

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    Doch werden wir kleinen Rädchen im Systemgetriebe bereits von Kindesbeinen an konditioniert zu funktionieren und max. Leistung zu erbringen, stets uns ständig.

    Eines der perfiden Instrumente, die uns bei dieser kontinuierlichen Gehirnwäsche "implantiert" werden, ist der Neid. Genauer gesagt wird der latent im Menschen vorhandene Neid explizit geschürt! Namentlich der Neid auf das was der Nachbar, der Kollege, der Star im TV oder wer auch immer zur leuchtenden Ikone der Wirtschaft oder des Konsums erkoren wurde, erreicht hat und besitzt, um "uns" die Nasen lang zu machen, respektive im Hamsterrad zu Höchstleistung anzutreiben!

    Das führt oft dann zwangsläufig zu einer Überschuldung, wenn der Betroffenen dabei nicht mithalten kann, sei es aus mangelnden individuellen Fähigkeiten heraus, oder einfach weil sein ehedem gut honorierter Job schlicht weg rationalisiert und er selbst in die Hartz-Systeme abgeschoben wurde.

    Diese Mechanismen machen sich die kapitalistisch intendierten Arbeitgebern, protegiert von der etablierten Politik, zunutze indem sie eiskalt berechnend, die Angst vor Statusverlust und Vermögensverfall der so Ausgebeuteten dazu missbrauchen, um immer mehr und noch mehr Leistung aus ihnen heraus zu pressen!

    Für Menschliches bleibt da nicht mehr viel Raum und das gehört auch zum Plan, denn es steigert den Fokus auf das vermeintlich Wesentliche: Karriere, Geld, Status etc...

    und es macht den Menschen seelisch siech, weil es wider seiner eigentlichen Natur ist...

    Doch werden wir kleinen Rädchen im Systemgetriebe bereits von Kindesbeinen an konditioniert zu funktionieren und max. Leistung zu erbringen, stets uns ständig.

    Eines der perfiden Instrumente, die uns bei dieser kontinuierlichen Gehirnwäsche "implantiert" werden, ist der Neid. Genauer gesagt wird der latent im Menschen vorhandene Neid explizit geschürt! Namentlich der Neid auf das was der Nachbar, der Kollege, der Star im TV oder wer auch immer zur leuchtenden Ikone der Wirtschaft oder des Konsums erkoren wurde, erreicht hat und besitzt, um "uns" die Nasen lang zu machen, respektive im Hamsterrad zu Höchstleistung anzutreiben!

    Das führt oft dann zwangsläufig zu einer Überschuldung, wenn der Betroffenen dabei nicht mithalten kann, sei es aus mangelnden individuellen Fähigkeiten heraus, oder einfach weil sein ehedem gut honorierter Job schlicht weg rationalisiert und er selbst in die Hartz-Systeme abgeschoben wurde.

    Diese Mechanismen machen sich die kapitalistisch intendierten Arbeitgebern, protegiert von der etablierten Politik, zunutze indem sie eiskalt berechnend, die Angst vor Statusverlust und Vermögensverfall der so Ausgebeuteten dazu missbrauchen, um immer mehr und noch mehr Leistung aus ihnen heraus zu pressen!

    Für Menschliches bleibt da nicht mehr viel Raum und das gehört auch zum Plan, denn es steigert den Fokus auf das vermeintlich Wesentliche: Karriere, Geld, Status etc...

    und es macht den Menschen seelisch siech, weil es wider seiner eigentlichen Natur ist...

    • Isaidy
    • 09.07.2010 um 14:58 Uhr

    aus der Perspektive der "ich arbeite also bin ich"-Fraktion geschrieben. Ein Workoholic, der sich selbst, obwohl er eigentlich finanziell ausgesorgt hat, durch Immer-Bereitschaft ein Bein stellt, ist jedoch nur der eine Typus. Tragischer ist jener andere, der unter zum Teil knüppelharten Bedingungen im Niedriglohnmetier der Zeitarbeit arbeiten geht, sein Gehalt noch mit Hartz IV aufstocken muss, um daheim die Familie ernähren zu können. Anerkennung seitens des Arbeitgebers gleich Null, Selbstwertgefühl aufgrund der eigenen Leistung geich Zero, weil man trotz Arbeit noch auf Sozialhilfe angewiesen ist. Wir dürfen ruhig einen Blick nach Skandinavien werfen. Dort wird mit dem "Kostenfaktor" Arbeitnehmer nicht so brutal und schonungslos umgegangen, wie mittlerweile in diesem unserem Lande.

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