Ausstellung So war die Kunst noch nie zu sehen
Die sensationell lustige, wunderbar kluge Ausstellung des Künstlers John Bock in Berlin
Zur Eröffnung gab es die längste Warteschlange seit MoMA in Berlin, sie zog sich durch den halben Bau der Temporären Kunsthalle am Berliner Schlossplatz und kringelte sich um die Breitseite des Hauses. Die Ausstellung, bei deren Eröffnung vorige Woche Hunderte trotz Hitze bis zu einer Stunde geduldig auf Einlass warteten, trägt den vielversprechenden Namen Fischgrätenmelkstand . Bis zum 31. August kann man diese sensationell gut gelungene, unbekümmert verspielte Gruppenausstellung noch besuchen. Niemand sollte sie verpassen.
Kuratiert hat den Fischgrätenmelkstand John Bock, Jahrgang 1965. Bock ist selbst Künstler, lebt in Berlin und durfte seine Performances, die meist mit Materialschlachten und umfangreichen Basteleien einhergehen, schon auf der Documenta in Kassel, der Biennale in Venedig und im Museum of Modern Art in New York aufführen. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in Gribbohm bei Itzehoe und hat dort Kühe in einem Fischgrätenmelkstand gemolken – das Wort bezeichnet eine besonders effiziente Melkanordnung im Stall.
Wenn John Bock Kunst macht, dann braucht er dafür meist mehr Platz als andere. Für die letzte Ausstellung in der Temporären Kunsthalle – jenes einfachen Baus des Wiener Architekten Adolf Krischanitz , der in zwei Monaten schließen wird – hat er aus Baugerüsten, Stahlträgern, Spanplatten und vielerlei mehr eine vierstöckige Skulptur, nein, ein ganzes Ausstellungshaus aufgebaut, das sogar den Umfang der Kunsthalle sprengt. Bock und sein Assistent haben nämlich Löcher in das Dach und die Seitenwände der schachteligen Kunsthalle geschnitten, Ausgucke und einen Balkon errichtet und den Künstler Adrian Lohmüller ein tiefes Loch in den Boden graben lassen. Mit Planen und Reifen, Strümpfen und Pizzas hat Bock den mehrere Hundert Quadratmeter umfassenden und nach allen Seiten auswuchernden Ausstellungsparcours dann in kleine Kabinette unterteilt.
Gut 150 Werke von 63 Künstlern stellt er in den scheinbar chaotisch angeordneten Boxen, Unterschlüpfen und Minigalerien aus. Der Besucher klettert dazwischen umher, kann über wacklige Brücken steigen oder sich in Räume zwängen, die ursprünglich für Entlüftungsrohre gedacht waren. In einem dieser Lüftungsrohrräume hat sich der englische Künstler Matthew Burbidge eingenistet und ihn so gekonnt zugerümpelt, dass er nun wie das langjährige Versteck eines untergetauchten Künstlers anmutet. Es gibt hier eine schmale Koje und eine kleine Küche, an den Wänden hängen Gemälde und Mobiles.
Ein paar Stockwerke darüber gelangt man in einen weiteren Künstlerraum, hier fällt der Fußboden zu zwei Seiten wie ein Dachgiebel, und der Besucher muss balancieren. An den Wänden hängen minimalistische Arbeiten von Heimo Zobernig, der aus Klopapierrollen ein Kreuz gebastelt hat, und von Sergej Jensen, der eine Leinwand mit Wasserflecken verziert hat. Bonjour Tristesse in der Kunstwohlfahrt hat Bock diesen Raum getauft. Jedes seiner Kabinette ist ein kleines Ordnungs- und Kommentarsystem, und so bekommen auch blasse Werke einen neuen Sinn.
Sein Auswahlprinzip? »Vor allem Berliner Künstler. Junge und alte. Und ein paar Stars.« Zu den Stars gehören Paul McCarthy, Martin Kippenberger, Franz West. Bock schätzt »Materialkünstler«, sagt er, Künstler, die, so wie er, gerne basteln. Für ihre Werke wollte er eine Struktur schaffen, die das Einzelwerk aus der üblichen Isolationshaft der Museen und Galerien befreit. Also werden jetzt kleinformatige Fotos von Saul Fletcher in einem Gewebe aus alten Autoreifen gezeigt, und die erotischen Collagen von Mathew Hale hängen in einem Netz von aneinandergenähten Herrenstrümpfe. Für einen von Martin Kippenberger beschrifteten Pizzateller hat Bock einen ovalen Raum aus Dutzenden verbrannter Pizzas gebaut. Mal zeigt er die Architekturmodelle des Berliner Büros BARarchitekten und Brandlhuber, dann stellt er alte Projektoren aus dem Filmmuseum zur Schau. Und auch eine kleine, sonderliche Sammlung an Requisiten aus der Filmgeschichte ist zu sehen, eine Figur aus der Unendlichen Geschichte, ein Zigarettenstummel mit Lippenstiftabdruck von Jane Russell und mehrere Filmposter von Raimund Harmstorf, dem vollbärtigen Darsteller aus dem Seewolf .
- Datum 25.08.2010 - 11:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28
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Mann/Frau soll ja nicht immer vergleichen.
Herr Joseph hätte sicher seine Freude...
Wetering
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