Wenn Claudia Zinke sich jetzt ganz weit weg wünschen würde, man könnte es ihr nicht einmal verübeln. Für einen Augenblick verzieht die SPD-Staatssekretärin für Bildung das Gesicht, dann hat sie sich wieder unter Kontrolle, vorn auf der Bühne im Hof einer Weddinger Moschee, und lächelt tapfer in Richtung der 500 Menschen aller Nationalitäten und Hautfarben, die sich vor ihr drängen. Wie sie da so steht und artig die Fragen beantwortet, sieht es ein bisschen so aus, als sei da ein Schulmädchen beim Direktor angetreten.

Und so ähnlich ist es ja auch: Der Souverän hat gerufen, und die Berufspolitikerin ist gefolgt. Der Souverän, das sind an diesem lauen Sommerabend mehrere Dutzend Berliner Vereine und Religionsgemeinschaften, die sich vor zwei Jahren zur Bürgerplattform Wedding/Moabit zusammengeschlossen haben. Getreu ihrem Motto »Wir sind da!« haben sie angefangen, die Berliner Problemregion aufzumischen. »Einmal alle vier Jahre wählen, das reicht uns nicht mehr«, sagt die Plattform-Aktivistin Ulla Schweitzer. »Wir wollen als Bürger vor Ort mitgestalten und Antworten der Verantwortlichen, wie sie die Probleme mit uns lösen wollen.«

Was so harmlos klingt, ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine politische Revolution: Zum ersten Mal ziehen Menschen an einem Strang, die kaum unterschiedlicher sein könnten, von den Angehörigen des Indonesischen Weisheitszentrums und der Haci-Bayram-Moschee über die Kita Omas Garten und das SOS-Kinderdorf bis hin zur Baptistengemeinde. Ob Akademikerin aus Schwaben oder Busfahrer aus der Türkei: Gemeinsam sind sie in einem häufig macht- und sprachlosen Problembezirk eine Macht – solch eine Macht, dass ihr Polizei und Jobcenter und kommunale Regierungen die Zusammenarbeit nicht mehr versagen können. Und so finden sich Politiker, die sich sonst gern mal vor ausgewählten Honoratioren feiern lassen, als hätten sie die Renovierung der lokalen Schule aus eigenen Mitteln bezahlt, plötzlich auf Bühnen wieder vor Leuten, die ihnen sonst nie begegnen, Leuten, die ihnen in ausbaufähigem Deutsch umso klarere Statements abverlangen.

Das Ziel des Abends: Die »1. Gemeinschaftsschule Mitte« soll ein Bündnis mit der Bürgerplattform schließen. Sie soll eine Schule werden, die allen Schülern den für sie besten Abschluss garantiert. Die die Verantwortung für diesen Bildungserfolg nicht auf den Weddinger Eltern ablädt, die oft selbst nicht über die Bildung verfügen, um ihren Kindern noch etwas beibringen zu können. Das, so haben die Organisatoren der Bürgerplattform in einer Umfrage herausgefunden, sind die Erwartungen, die die Menschen im verarmten ehemals größten Berliner Industriequartier an die Schulen haben. Und damit sie endlich erfüllt werden, hat die Bürgerplattform alle antreten lassen: die Schulleiterin der Schule, die Schulstadträtin des Bezirks Mitte und die Berliner Staatssekretärin für Bildung.

Die Rektorin, eine ewig lächelnde Fünfzigerin, der man ihre Begeisterung abnimmt, hat schon alle Fragen zur Zufriedenheit der Anwesenden beantwortet und reichlich Applaus kassiert. Ja, sie verspreche allen Schülern einen Abschluss. Ja, sie wolle alle Kinder mitnehmen. Und ja, sie und ihre Lehrer wollten mit der Plattform gemeinsam an einer besseren Schule stricken. Schließlich hat die Lehrerin stellvertretend fürs ganze Kollegium eine überdimensionierte Urkunde unterschrieben, die den Pakt für die bessere Schule für alle sichtbar besiegeln soll. Dann wird die Staatssekretärin nach vorn gebeten. Abdul Razzaque von der Bilal-Moschee stellt die Fragen. »Frau Zinke«, beginnt er, »sind Sie bereit, der Schule zehn zusätzliche Lehrerstunden zu geben?«

Nun ja, sagt die Berufspolitikerin, im Grunde sei es ja so, dass alle Gemeinschaftsschulen zusätzliche Stunden bekommen hätten, insofern natürlich auch die 1. Gemeinschaftsschule Mitte. Darüber hinaus wolle sie gern prüfen, ob...

»Also ja!«, ruft Abdul Razzaque begeistert, ein Beifallssturm bricht los. Zinke schaut etwas irritiert drein. Nächste Frage: »Frau Zinke, werden Sie uns unterstützen, indem Sie sicherstellen, dass wir mit der jetzigen Schulleitung und den engagierten Lehrern auch im nächsten Schuljahr unsere Arbeit fortsetzen können?«