Die meisten Zwangsprostituierten in der Schweiz kommen aus Osteuropa, viele aus Rumänien © Truls Brekke/AFP/Getty Images

Adelina wohnt in Bukarest und arbeitet in einem Fast-Food-Laden. Sie gibt alles, um den Job nicht zu verlieren, wenn der Chef es will, arbeitet sie zwei Schichten am Stück, 16 Stunden. Und putzt auch die Toiletten. Für einen Lohn von 500 Rumänischen Lei im Monat, also rund 170 Franken. Alles ist besser als das Leben als Zwangsprostituierte in der Schweiz, das Adelina noch vor wenigen Jahren führen musste.

Obwohl ich Adelina noch nie gesehen habe, weiß ich, dass sie eine helle, fast weiße Haut hat. Und lange dunkelbraune Haare. Sie ist klein wie eine Zwölfjährige, obwohl sie bald 25 wird. Ich weiß, dass sie ganz dünne Augenbrauen hat vom vielen Zupfen. Und was sie am liebsten anzieht: Bluejeans, Turnschuhkopien von Adidas, hautenge T-Shirts mit Glitzerstrass. Sie nimmt lieber zu viel als zu wenig Parfum. Und Adelina ist ständig müde. Ihr Körper wirkt immer irgendwie zusammengesunken.

»Sie ist eine Schöne«, sagt Ioana Ionescu über Adelina. Alles, was ich von Adelina weiß, habe ich von Ioana Ionescu. Sie arbeitet als Psychologin für Adpare, ein Hilfswerk mit Sitz in Bukarest, die ehemaligen Opfern von Frauenhandel hilft, sich in Rumänien wieder ein eigenständiges Leben aufzubauen.

Ioana Ionescu sah Adelina zum ersten Mal im Frühling 2006. Damals sagte Adelina nur, dass sie nicht über ihre Zeit in der Schweiz reden wolle. Und dass sie wieder zu ihrer Schwester ziehe, statt in eine der Schutzwohnungen, die Adpare den traumatisierten Frauen zur Verfügung stellt, während sie am Reintegrationsprogramm teilnehmen.

»Die Frauen wollen sich nicht als Opfer wahrnehmen, das ist eine Überlebensstrategie«, sagt Ioana Ionescu. Seit Frühling 2006 haben sich die Psychologin und Adelina oft getroffen, aber um die Zeit in der Schweiz ging es bei ihren Gesprächen nie. Manchmal brauchen die Frauen Jahre, um zu realisieren, dass sie wieder in Sicherheit sind. Erst dann kommen die Erinnerungen hoch. Und diese, sagt Ioana Ionescu, trieben viele Frauen nochmals an oder gar in den Abgrund. Weil sie erst dann begreifen würden, wie verwundet sie sind. Das sei das Schlimmste für die Frauen: dass jemand die Wunden bemerken könnte.

Inzwischen schaut Adelina nur noch jeden dritten Monat bei Adpare vorbei, wenn sie die Rechnungen abliefert, die belegen, wofür sie das Geld ausgibt, das sie von der Organisation als Zustupf zum Lohn erhält. Mindestens einmal in der Woche ruft sie an. Meistens, um zu fragen, ob sie noch mehr Putzmittel bekommen kann. Adelina ist zu Hause ständig am Putzen, so viel, dass die Putzmittel ihr Budget sprengen. Ioana Ionescu sagt, Adelina habe das unstillbare Bedürfnis, ihr Leben zu putzen.