Geschichte der Demokratie Die Politiker – das sind wir

Schon der französische Philosoph und Revolutionär Condorcet wusste, dass ein Parlament allein noch keine Demokratie macht.

Das Gemälde von Carl Wendling (1910) zeigt Pfälzer Freiheitsfreunde zur Zeit der Revolution. Das Bild hängt im Rathaus von Landau

Das Gemälde von Carl Wendling (1910) zeigt Pfälzer Freiheitsfreunde zur Zeit der Revolution. Das Bild hängt im Rathaus von Landau

Wie viel Mitsprache der Bürger braucht der Staat? Wie viel direkte Demokratie verträgt die Republik? Und vor allem: Wie ist das zu organisieren? Das sind die entscheidenden Fragen, die uns immer wieder zurückführen zu den Anfängen der modernen Demokratie in Europa, in die Tage der Französischen Revolution. Seit einiger Zeit findet dabei ein Denker erneut Beachtung, der die Revolution mit einer Reihe von wichtigen Texten begleitet hat und auch als politisch Handelnder eine bedeutende Rolle einnahm. Die Rede ist vom Marquis de Condorcet, dem Citoyen Caritat.

Der Nachwelt ist er fast nur noch durch sein Buch über die Fortschritte des menschlichen Geistes in Erinnerung geblieben. Kurz vor seinem Tod 1794 verfasst, teilt diese Schrift die menschliche Geschichte in neun Epochen des linearen Fortschritts und verlängert diese Entwicklung in eine zehnte, eine strahlende Epoche der Zukunft. Der Ruhm des optimistischen Werks prägte Cordorcets Bild. Besonders das 19. Jahrhundert feierte den Marquis. Als vermeintlicher Entdecker der geschichtlichen Bewegungsgesetze wurde er zu einem Säulenheiligen des Fortschrittsglaubens. Im 20. Jahrhundert indes wandelte sich das Bild. Jetzt erkannte die kritische »Dialektik der Aufklärung« im gepriesenen Fortschritt einen übersteigerten Rationalismus, dessen Vernunftobsession in freiheitsfeindliche, in autoritäre, ja totalitäre Maßnahmen umschlägt.

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Der Marquis de Condorcet – Büste von Jean-Antoine Houdon

Der Marquis de Condorcet – Büste von Jean-Antoine Houdon

Aber diese Condorcet-Bilder, ob nun in Gold oder in Schwarz gefasst, sind Zerrbilder. Sie verdecken mehr, als sie zeigen. Denn tatsächlich war Condorcet eine vielschichtige Persönlichkeit, ein liberaler Intellektueller und faszinierender politischer Kopf, dessen Schriften zur Demokratie nach wie vor inspirieren. Ihre Modernität, ja Aktualität ist verblüffend.

Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet, geboren als Spross eines alten Adelsgeschlechts am 17. September 1743 im nordfranzösischen Ribemont, verkörpert ganz die Figur des philosophe . Erzogen an der Jesuitenschule in Reims und Absolvent des Collège Mazarin in Paris, wirkte er später als Mathematiker, Philosoph, Ökonom, Publizist und Politiker, als Verfassungsgeber. Er war öffentlicher Intellektueller, Gast in den großen Pariser Salons, Mitglied der Akademie – früh ihr Sekretär – und stand den bedeutendsten Gestalten der französischen Aufklärung nahe. Mit dem einflussreichen Mathematiker d’Alembert, einem der Herausgeber der Encyclopédie, verband ihn eine lebenslange Freundschaft.

Daniel Schulz

Der Autor ist Politikwissenschaftler und lehrt an der TU Dresden. Er hat soeben im Akademie Verlag, Berlin, die politischen Schriften Condorcets neu herausgegeben (»Freiheit, Revolution, Verfassung«; 276 S., 69,80 €)

Noch zu Zeiten des Ancien Régime ist Condorcet einer der Ersten, der moderne mathematische Methoden wie Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung auf soziale Fragen anwendet. Nicht zuletzt soll die nüchterne Kraft der Zahlen die weitverbreitete Angst vor einem unberechenbaren Schicksal bannen: Mithilfe von Sterblichkeitsstatistiken will er die relative Unwahrscheinlichkeit eines plötzlichen Todes veranschaulichen. Einmal von Ängsten dieser Art befreit, so hofft Condorcet, werde der Mensch ein freies Selbstbewusstsein in einer freien Gesellschaft entwickeln.

In seine Zeit als Akademiesekretär fällt auch der erste Konflikt mit dem Arzt Jean Paul Marat, der später zum wütigsten Radikalen der Revolution werden sollte. 1779 ersucht Marat mit einer obskuren gegen Newton gerichteten Schrift um Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften und wird unter tatkräftiger Mithilfe Condorcets glatt abgelehnt (Goethe, selbst kein Freund Newtons, kritisierte diesen Vorgang später als wissenschaftlichen Despotismus). Das Beispiel zeigt, dass sich Condorcet der Verbindung von Wissens- und Machtfragen wohl bewusst ist.

Er selbst hingegen versucht unermüdlich, die Entscheidungsprozesse bei Gerichtsverfahren mittels mathematischer Überlegungen zu verbessern und neue Wahlmethoden einzuführen, bei denen die Präferenzen der Wähler sich auch tatsächlich im Ergebnis wiederfinden. Trotz seiner frühen Hoffnung auf eine mathematische »Wissenschaft von der Gesellschaft« begreift er spätestens nach dem Beginn der unvorhergesehenen Revolution, dass man weder das Soziale noch das Politische berechnen kann.

Doch Condorcet und sein Werk lassen sich nicht auf Sozialmathematik und Geschichtsphilosophie reduzieren. Zumal er kein Mann der bloßen Theorie bleibt. Im Umfeld des liberalen Reformers Anne Robert Jacques Turgot beginnt er sich in die Politik zu mischen. Turgot, seit 1774 Minister, unternimmt für kurze Zeit den Versuch, Frankreichs marode Steuer-, Handels- und Haushaltspolitik zu liberalisieren. Condorcet wird Generalinspektor der staatlichen Münze, beauftragt mit der Vereinheitlichung der Maße und Gewichte. Er sammelt praktische Erfahrungen und tauscht sich mit Voltaire über die Vorzüge und Probleme der englischen Staatsordnung aus. Allmählich festigt sich seine Einsicht, dass der Bürger unveräußerliche liberale Rechte hat und der Staat Gedanken- und Religionsfreiheit gewähren muss.

Leser-Kommentare
    • joG
    • 14.07.2010 um 11:27 Uhr

    Die Frage so gestellt zeigt ein Hauptproblem deutsche politischer Kultur.

    Der Staat braucht gar nichts. Der Bürger braucht und unterhält daher einen Staat. Da aber leicht die Denkweise Ihres Satzes in Regierenden Köpfen spukt, braucht der Bürger Kontrolle über die Regierenden. Er muss sich vor der Macht schützen, die er den Regierenden übertragen muss um die öffentlichen Aufgaben zu erledigen.

    Es geht also vornehmlich um Kontrolle des Staates. Um Mitsprache geht es erst in zweiter Linie, wobei das Agent Problem natürlich zu lösen ist.

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    ... Agentenproblem?:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Und bist trotzdem immer ein so eifriger Verfechter des Marktes? Schonmal was von "Adverse Selektion" gehört? Eines der Probleme die zwischen Agent und Prinzipal auftreten können, ein typisches Vertrags- und damit Marktproblem. Die Arbeit dazu wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet:
    http://de.wikipedia.org/w...

    ... Agentenproblem?:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Und bist trotzdem immer ein so eifriger Verfechter des Marktes? Schonmal was von "Adverse Selektion" gehört? Eines der Probleme die zwischen Agent und Prinzipal auftreten können, ein typisches Vertrags- und damit Marktproblem. Die Arbeit dazu wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet:
    http://de.wikipedia.org/w...

  1. Das waren noch Zeiten!

    Zeitgleich mit Condorcet lebte und wirkte übrigens Anacharsis Cloots, der sich als Kosmopolit für ein Weltparlament einsetzte, was zum damaligen Zeitpunkt so revolutionär war, dass es ihn unter die Guillotine brachte.

    Ich wünschte wir hätten in den letzten 200 Jahren mehr von den damaligen Ideen umgesetzt und weniger Kriege geführt, aber vielleicht braucht es einfach noch ein weiteres Jahrhundert.

    Vielen Dank für den Artikel!

    • joG
    • 14.07.2010 um 12:02 Uhr

    ... dass der Bürger unveräußerliche liberale Rechte hat und der Staat Gedanken- und Religionsfreiheit gewähren muss."

    Auch dies ist eine Eigentümlichkeit. Der Mensch hat keine Rechte, wenn man sie nicht durchsetzt. Umgekehrt impliziert "festigt sich seine Einsicht", dass solche Rechte unabhängig sein könnten von ihrer Durchsetzung. Rechte, die eine Gesellschaft nicht durchsetzt bzw für eine Gruppe nicht durchsetzt sind für Jene, für die sie nicht durchgesetzt werden, keine Rechte. Sie sind nur Träumerei.

  2. ... Agentenproblem?:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Und bist trotzdem immer ein so eifriger Verfechter des Marktes? Schonmal was von "Adverse Selektion" gehört? Eines der Probleme die zwischen Agent und Prinzipal auftreten können, ein typisches Vertrags- und damit Marktproblem. Die Arbeit dazu wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet:
    http://de.wikipedia.org/w...

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    • joG
    • 14.07.2010 um 17:48 Uhr

    ....Einwand(?) nicht.

    • joG
    • 14.07.2010 um 17:48 Uhr

    ....Einwand(?) nicht.

  3. "Im Gegenteil: Nicht in der souveränen Gewalt des Volkes, sondern in deren Entzerrung besteht die Freiheitsgarantie der demokratischen Verfassung."

    Klingt mir alles ein bisschen verschwurbelt. Wie soll das konkret aussehen? Klar ist Willensbildung ein Prozess, klar muss jede Entscheidung korrigierbar bleiben, aber wie sollen überhaupt Entscheidungen zustande kommen ohne "Volksmacht"?

    "Heute sind wir die Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gewohnt – damals war dieser Versuch des Grundrechtsschutzes etwas radikal Neues."

    Leider ist das wohl nicht deckungsgleich mit Condorcets Vorstellung, denn unsere "Verfassung" wurde nie vom Volk verfasst und kann recht beliebig vom Parlament geändert werden.

    Und in einem muss ich JoG Recht geben, es gibt keine "unveräußerlichen Rechte", nur eine Wunschvorstellung davon, vermutlich basierend auf dem kategorischen Imperativ:
    "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

    Einem Gesetzesbrecher steht man ja z.B. auch keine Freizügigkeit zu, von daher kann diese z.B. nicht als unveräußerlich gelten. Letztlich muss sich alles und jedes dem Mehrheitswillen unterordnen oder aber für eigene Souveränität kämpfen. IdR ist letzteres, in guten Demokratien, zum Glück nicht notwendig.

  4. Ich bin kein Politiker, das ist nicht mein Job.
    Ich lausche Politikern nur sehr gern.

    http://www.kath.net/detai...

    ...

    idea: Das sieht man allerdings in kirchlichen Kreisen anders, wo es nur eine Bundesarbeitsgemeinschaft „Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“ gibt – nicht aber auch gegen Linksextremismus.

    Wagner: Das ist in der Tat einseitig. Ein Demokrat sollte weder mit Rechts- noch mit Linksradikalen zusammenarbeiten. In Hessen haben wir in der CDU-Landtagsfraktion unter meiner Führung klar jede Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen, deren Vertreter sich ja zum größten Teil auch als Kommunisten bezeichnen. Es darf in Deutschland keine Gemeinsamkeiten mit Feinden unserer Demokratie geben, heißen sie nun Linkspartei oder beispielsweise NPD.

    Hier die passende Musik. Für Jehoshua.
    http://www.youtube.com/wa...

    • joG
    • 14.07.2010 um 17:48 Uhr

    ....Einwand(?) nicht.

    Antwort auf "Du kennst das..."

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