Jugendgewalt Der Fluch der Bewährung

Der 20-jährige Marco aus Berlin schlägt wahllos und brutal zu, seit Jahren immer wieder. Warum bekommt ihn niemand in den Griff, die Mutter nicht, die Jugendrichter nicht, die Sozialbetreuer nicht?

Es ist 23 Uhr, als Marco* loszieht. Er tritt auf die Erich-Kurz-Straße in Berlin-Lichtenberg, steckt sich eine Marlboro an und läuft die wenigen Meter in Richtung U-Bahn-Station Tierpark. Es hat wieder einmal Streit mit Jessica gegeben, seiner Verlobten. Marco ist 20, die dunklen Haare sind kurz, die Fingernägel abgekaut, er ist 1,80 Meter groß, schlank und muskulös. Wie jeden Tag will er zu seinen Freunden am U-Bahnhof. Es ist eine laue Nacht im Juli 2009, wie bunte Legosteine ragen die renovierten Lichtenberger Plattenbauten in den Berliner Nachthimmel. Marco geht in den Kaiser’s, der bis Mitternacht geöffnet hat, kauft sich ein Sixpack Bier, setzt sich auf die Mauer neben der Treppe zur U-Bahn und wartet auf seine Freunde. Er macht die erste Flasche auf, trinkt sie, ohne abzusetzen, leer und schmeißt sie ins Gebüsch. Nach der sechsten geht er noch mal in den Supermarkt und kauft Wodka, zum Nachspülen.

Noch drei Stunden wird es dauern, und Marco wird zwei Menschen niedergeschlagen haben. Zwei Jahre Haftstrafe wird er dafür bekommen. Wieder einmal.

Anzeige

13-mal hatte er es bislang mit der Staatsanwaltschaft zu tun, sechsmal stand er vor Gericht. Unter anderem wegen räuberischen Diebstahls und schwerer Körperverletzung. Mit 15 wurde er zu zwei Wochen Dauerarrest verurteilt, mit 16 zu zwei Jahren Gefängnis, nachdem er einen Kaufhausdetektiv arbeitsunfähig geschlagen hatte. Vor einem Jahr hat er einem 63-Jährigen an der U-Bahn-Station Tierpark die Zähne ausgeschlagen, seitdem ist er auf Bewährung draußen. Marco, 20, ein Großstadtkind aus einem Berliner Randbezirk, ist außer Kontrolle geraten, vor Jahren schon. Er ist einer jener Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren Schlagzeilen gemacht haben (siehe Kasten zum Fall Dominik Brunner), einer jener mehrfachen Gewalttäter, deren Zahl in den Polizeistatistiken immer größer, immer bedrohlicher wird.

Wie ist Marco der geworden, der er ist? Und warum bekommt der Staat diesen Jungen nicht in den Griff?

Im Amtsgericht Berlin-Moabit sitzt der Richter Björn Daniel in seinem Büro und gießt sich einen grünen Tee auf. Daniel ist seit 15 Jahren Jugendrichter, einer von 40 in Berlin. Und einer von dreien, die für Marcos Heimatbezirk Lichtenberg zuständig sind. Aus der Kriminalstatistik weiß er, dass Jugendstraftaten seit einigen Jahren zurückgehen. »Aber mit weniger Polizisten auf der Straße werden natürlich auch weniger Straftaten verfolgt«, sagt Daniel. Was er als Richter jedoch beobachtet hat, ist: Die Gewalttäter gehen zunehmend brutal vor. Ohne ersichtlichen Grund schlagen sie zu. Und steigern sich oft in einen rasenden Hass, sodass sie auch von längst am Boden liegenden Opfern nicht ablassen.

Daniel war der letzte Vertreter des Staates, dem Marco bis zu diesem Abend im Juli 2009 begegnet war.

Ein Jahr zuvor hatte Marco einem älteren Herrn die Zähne ausgeschlagen. Zum Verhandlungstermin erscheint er nicht. Richter Daniel, der Pflichtverteidiger Benediktus Youn, die Bewährungshelferin Elke Brachaus, die Jugendgerichtshilfe, ein Polizist, Marcos gesamtes staatliches Betreuungspersonal – alle warten vergeblich auf ihn, den Täter, der sich im Bett noch einmal umdreht. Fast fünf Monate sind seit der Attacke auf Norbert Oswald vergangen, und Marco fühlt mehr, als dass er denkt: So schwerwiegend kann seine Tat nicht gewesen sein – wenn die sich so lange mit der Verhandlung Zeit lassen. 

Zum zweiten Verhandlungstermin, im Januar 2009, wird Marco im schwarzen Gefängnisbus nach Moabit gebracht; er sitzt nun in Untersuchungshaft. Zur Verhandlung kommen neben dem Angriff auf Oswald auch alle anderen Straftaten, die Marco bis dahin begangen hat, die aber noch keine Verurteilung nach sich gezogen haben, eine beschmierte Tram zum Beispiel. Es ist eine Sammelverurteilung – wie schwer jede einzelne Tat wiegt, kann Marco da nicht mehr ermessen. Die Verhandlung dauert 90 Minuten, Richter Daniel verurteilt Marco zu einem Jahr auf Bewährung, zu einer Beschäftigungsmaßnahme und einem Schmerzensgeld von 180 Euro für das Opfer.

War das zu milde? Wenn man Marco fragt, was er in Deutschland ändern würde, dann sagt er, »ick würde härtere Strafen einführen«. Drei Jahre für jemanden wie ihn, ohne Kontakt zu anderen Gefangenen. So als ob er jede Chance, die ihm einer wie Daniel gibt, als Schwäche auslegt. Und nicht versteht, warum man ihn anders behandelt als er seine Opfer.

Richter Daniel blättert in den Akten. An das Opfer, Norbert Oswald, kann er sich noch gut erinnern, an Marco kaum noch. An normalen Verhandlungstagen hat er zehn solcher Fälle, »da verschmilzt in der Erinnerung ein Täter mit dem anderen«. Zumal er Marco vor der Verhandlung nur aus den Akten kannte. Das sei nicht ideal, sagt Daniel, früher sei das anders organisiert gewesen: Jedem Richter waren bestimmte Straßen zugeordnet. Die Richter kannten die Täter, und die Täter mussten jedes Mal wieder demselben Richter in die Augen schauen, dem sie bei der letzten Verhandlung geschworen hatten, sich zu bessern. »Dieses System hat aber dazu geführt, dass Richter mit Straßen in sozialen Brennpunkten völlig überlastet waren«, sagt Daniel. Daher hat seine Behörde ein Rotationsprinzip eingeführt. Vor welchem Richter ein Junge wie Marco steht, ist seither Zufallssache.

Daniel erfuhr damals aus den Akten, dass Marco schon so gut wie jede Straftat begangen hatte. Fünf Jahre vor der Verhandlung war sein Stiefvater gestorben. Der Angeklagte wohnte noch zu Hause, mit seinem jüngeren Bruder und einer kleinen Schwester, die Mutter bezog Hartz IV. Weiter war vermerkt, dass Marco stottert, keinen Schulabschluss hat und schon als Zehnjähriger in einer Jugendpsychiatrie behandelt wurde. Wiederholt hatte Marco Anti-Aggressions-Kurse abgebrochen und Alkoholtherapien nicht besucht. »Weil einer der Leiter zwei Meter groß war und ich nicht gern zu jemandem hochgucke«, sagt er, wenn man ihn heute fragt, warum.

Etwa 500 Urteile fällt Daniel pro Jahr. Er kann die Täter zum Laubkehren oder für mehrere Wochen in den Jugendarrest schicken sowie Haftstrafen von sechs Monaten bis fünf Jahren verhängen. 2008 wurden in Deutschland knapp 120.000 Jugendliche und Heranwachsende von 14 bis 21 Jahren nach Jugendstrafrecht verurteilt. Rund 19.000 von ihnen erhielten Haftstrafen, davon 12.000 mit Bewährung. Knapp 90.000-mal wurden Zuchtmittel wie Jugendarrest verhängt und gut 8000-mal Sozialstunden.

Daniel schlägt die Akte zu. »Marco kam damals gerade aus dem Gefängnis«, sagt er. »Aber das hat ihn offensichtlich nicht so abgeschreckt, dass es ihn daran gehindert hätte, eine weitere Straftat zu begehen.« Also dachte Daniel: Wenn eine abschreckende Erfahrung nicht geholfen hat, dann vielleicht eine, die ihm einen möglichen Weg aufzeigt? Marco kam ihm in der zweiten Verhandlung ruhig und einsichtig vor. So schnürte er für ihn ein enges Korsett aus Beschäftigungsmaßnahmen und Betreuung in seiner Bewährungsfreiheit – in der Hoffnung, dass Marco etwas finden würde, was ihn vom Prügeln abhält. »Gefühle spielen bei einer solchen Entscheidung eine große Rolle«, sagt Daniel, »am Ende leitet mich in meinen Entscheidungen immer der Glaube an den Menschen.« Der Richter hoffte damals, dass Marco sich ändern könnte. Er glaubt bis heute an das Gute im Menschen.

Es ist 23.30 Uhr in dieser Julinacht 2009, als Marco auch die kleine Wodkaflasche in die Büsche schmeißt und zu einem Hotel ganz in der Nähe läuft. Dort feiert sein Freund Nico mit Klassenkameraden seinen Hauptschulabschluss. Nico sitzt gemeinsam mit seinen Eltern an einem Tisch. Marco, mittlerweile schwer betrunken, muss sich zusammenreißen, dass er nichts umstößt. Er isst sich am Buffet satt, dann zieht er weiter, gemeinsam mit Nico, den er zum Mitkommen überredet hat. Vor dem Hotel lässt einer eine Flasche Sauren Apfel kreisen. Marco nimmt einen tiefen Schluck und grölt: »Wozu braucht man einen Scheißschulabschluss?« 

Die kleine Gruppe wächst, laut macht sie sich auf zur SBahn-Station Karlshorst. Dort steht Marcos jüngerer Bruder mit weiteren Freunden. Marco beginnt, seine Truppen für den Abend zu sammeln.

Leser-Kommentare
  1. Entfernt wegen unsachlicher Behauptung. Die Redaktion/sh

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    deswegen spricht er auch so berlinerisch und seine Mutter auch. Oder hat Die Zeit das auch aufgrund von PC umgeschrieben ? Ihr Vorwurf ist lachhaft !

    Die Zeit gekauft, hätten sie die Bilder von Marco gesehn, würden sie nicht so ein Schwachsinn unterstellen.

    Aha, dann ist ja alles in Ordnung. Es ist ein Ausländer. Also eigentlich nicht unser Problem, nur so eine Randgruppe, von außen importierte Probleme. Bei uns gäbe es so etwas nicht, mit ein wenig Abschottung ist das alles gelöst.
    Oder gibt es vielleicht grundlegende gesellschaftliche Probleme? Menschen die sich abgehängt, ausgegrenzt fühlen? Überforderte Eltern? Ein Schulsystem das viele zurücklässt, ihnen keine Perspektiven bieten kann?
    Solange man sich selber abgrenzen kann muss man sich nicht mit den wahren Problemen beschäftigen. Ein vermeintlich einfacher Weg, den leider immer noch viel zu viele gehen...

    • Anonym
    • 12.07.2010 um 20:45 Uhr

    ... oder einen abudhabischen, würde das an seinen Problemen und denen, die seine Mitwelt mit ihm hat, nichts ändern. Soziopathen gibt es in jedem Kulturkreis. Es wird nur unterschiedlich mit ihnen umgegangen.

    Was vielleicht etwas ändern könnte, wären Gegenbeispiele - wie kann denn eine Prävention gelingen? Gibt es das etwa gar nicht?

    Wie eine Ergänzung der Fallgeschichte des Marco liest sich dieses Interview hier:

    http://www.chrismon.de/96...

    Ein Erziehungswissenschaftler und ein Neurophysiologe diskutieren über die Determiniertheit des Verhaltens...

    Viel Spaß beim Lesen!

    deswegen spricht er auch so berlinerisch und seine Mutter auch. Oder hat Die Zeit das auch aufgrund von PC umgeschrieben ? Ihr Vorwurf ist lachhaft !

    Die Zeit gekauft, hätten sie die Bilder von Marco gesehn, würden sie nicht so ein Schwachsinn unterstellen.

    Aha, dann ist ja alles in Ordnung. Es ist ein Ausländer. Also eigentlich nicht unser Problem, nur so eine Randgruppe, von außen importierte Probleme. Bei uns gäbe es so etwas nicht, mit ein wenig Abschottung ist das alles gelöst.
    Oder gibt es vielleicht grundlegende gesellschaftliche Probleme? Menschen die sich abgehängt, ausgegrenzt fühlen? Überforderte Eltern? Ein Schulsystem das viele zurücklässt, ihnen keine Perspektiven bieten kann?
    Solange man sich selber abgrenzen kann muss man sich nicht mit den wahren Problemen beschäftigen. Ein vermeintlich einfacher Weg, den leider immer noch viel zu viele gehen...

    • Anonym
    • 12.07.2010 um 20:45 Uhr

    ... oder einen abudhabischen, würde das an seinen Problemen und denen, die seine Mitwelt mit ihm hat, nichts ändern. Soziopathen gibt es in jedem Kulturkreis. Es wird nur unterschiedlich mit ihnen umgegangen.

    Was vielleicht etwas ändern könnte, wären Gegenbeispiele - wie kann denn eine Prävention gelingen? Gibt es das etwa gar nicht?

    Wie eine Ergänzung der Fallgeschichte des Marco liest sich dieses Interview hier:

    http://www.chrismon.de/96...

    Ein Erziehungswissenschaftler und ein Neurophysiologe diskutieren über die Determiniertheit des Verhaltens...

    Viel Spaß beim Lesen!

  2. 2. Klasse

    Der Artikel von Frau Kohlenberg zeigt die ganze Problematik des Erziehungsstrafrechts für Jugendliche auf und geht auf das multifaktorielle Bedingungsgefüge der Entstehung abweichenden Verhaltens ein. Aber auch der Einblick in die spezifische Kultur der Justiz kommt nicht zu kurz und der Artikel sollte jedem die Röte ins Gesicht treiben, der im Etikettierungsansatz als "Sesselfurzer" bezeichnet würde. Davon haben wir in unserer Gesellschaft leider zu viele und diejenigen, die das Wort "Verantwortung" mit der Muttermilch aufgesaugt haben, finden leider in Artikeln über Burne out oder Suicid einer Richterin eine Spiegel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In der Druckausgabe gibt es einen Bericht zu Frau Kirsten Heisig, nur (noch) nicht in der Online Aussgabe...

    In der Druckausgabe gibt es einen Bericht zu Frau Kirsten Heisig, nur (noch) nicht in der Online Aussgabe...

  3. deswegen spricht er auch so berlinerisch und seine Mutter auch. Oder hat Die Zeit das auch aufgrund von PC umgeschrieben ? Ihr Vorwurf ist lachhaft !

    Antwort auf "Nicht der Marco"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Verzichten Sie bitte auf diskriminierende und pauschale Aussagen und formulieren Sie Ihre Meinung sachlich. Danke, die Redaktion/vv

    Verzichten Sie bitte auf diskriminierende und pauschale Aussagen und formulieren Sie Ihre Meinung sachlich. Danke, die Redaktion/vv

  4. Die Zeit gekauft, hätten sie die Bilder von Marco gesehn, würden sie nicht so ein Schwachsinn unterstellen.

    Antwort auf "Nicht der Marco"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und hätten Sie die einzige offizielle Statistik zum Thema Migration und Kriminalität in Berlin gelesen, wüssten Sie, dass 70% der Wederholungs- und Intensivtäter Türken und Araber sind. Dann hat die ZEIT hier doch tatsächlich ganz zufällig einen der übrigen 30% aufgegriffen, damit auch ja kein böser "Rassismus"-Vorwurf greift.

    Saubere Arbeit.

    Und hätten Sie die einzige offizielle Statistik zum Thema Migration und Kriminalität in Berlin gelesen, wüssten Sie, dass 70% der Wederholungs- und Intensivtäter Türken und Araber sind. Dann hat die ZEIT hier doch tatsächlich ganz zufällig einen der übrigen 30% aufgegriffen, damit auch ja kein böser "Rassismus"-Vorwurf greift.

    Saubere Arbeit.

    • nun ja
    • 12.07.2010 um 20:21 Uhr

    Erst ein Elternhaus das keine Grenzen setzt und dann noch ein
    Staat der ebenfalls nur lächerlich agiert. Der Richter scheint ein netter Mensch zu sein
    leider agiert er vollkonmmen nutzlos, ja kontraproduktiv. Von wem soll der Junge denn endlich respekt lernen? Vielleicht hätte es der zweimetermann geschafft, wenn man dem Jungen nicht die Wahl gelassen hätte.

  5. In der Druckausgabe gibt es einen Bericht zu Frau Kirsten Heisig, nur (noch) nicht in der Online Aussgabe...

    Antwort auf "Klasse"
  6. Entfernt. Bitte äußern Sie sich zu den konkreten Inhalten des Artikels. Die Redaktion/sh

    • Crest
    • 12.07.2010 um 20:32 Uhr

    Es ist schon eine ziemlich Hybris, sich folgendes einzubilden: Gehirnzelle für Gehirnzelle will Hölzel die alten Erfahrungen mit neuen überschreiben.

    Technikern würde in einem solchen Fall glatter Machbarkeitswahn unterstellt.

    In Fällen wie diesen geht es nicht mehr darum, jemanden zu verstehen, sondern die Gesellschaft vor ihm zu schützen.

    Aber er hatte doch eine so schwierige Kindheit, höre ich Sie sagen.

    Dennoch ist er verantwortlich.

    Aber er konnte doch nicht anders, werden Sie einwenden.

    Dennoch ist er verantwortlich.

    (Das hat nicht zu tun mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines philosphischen freien Willens. Das Fehlverhalten ist lokalisierbar in Marco selbst, so wie das Fehlverhalten eines Rechners in einer schadhaften Komponente zu lokalisieren ist.)

    Was kann man aus dem Artikel lernen? Nichts. Die Prognose für Marco ist ziemlich hoffnungslos. Ich korrigiere, etwas lernen kann man doch, etwas über die Naivität von Professoren und Sozialarbeitern.

    Herzlichst Crest

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service