Für das Lob einer Fernsehserie werde nun auch ich auf meine alten Tage noch einmal das Lob der Authentizität singen. Der Anlass ist ein Sonderfall: das verbratene Gesicht. Ein verbratenes Gesicht kann man nicht spielen, man hat es oder nicht. Was "verbraten" heißt? Es ist die Art eines Gesichts, zu sagen, dass sein Besitzer aus Gelagen und Ausschweifungen trotz aller körperlichen Schwächungen seelisch stets gestärkt hervorgeht. Ein verbratenes Gesicht ist eines, das sich den Kater zum Freund gemacht hat. Wie der Judo-Griff die gegnerische Attacke nutzt, um aus ihr Kraft zu gewinnen, kündet das verbratene Gesicht nicht von Verlebtheit und nachlassendem Elan, sondern gewinnt lakonische Munterkeit noch aus dem härtesten Absturz. An guten Tagen sieht der Regierende von Berlin "verbraten" aus, aber der Fürst der Verbratenheit ist und bleibt Alec Baldwin.

Niemand hat das so gut erkannt wie Tina Fey und ihm für die Comedy-Serie 30 Rock (Universal) die Rolle eines ebenso hingebungsvoll heterosexuellen wie von seiner täglich neu erfundenen Arbeit besessenen Chefs eines Fernsehsenders auf den Leib geschrieben. Sich selbst machte Fey zur lebensuntüchtigen Autorin der von diesem Sender live ausgestrahlten The Girlie Show. Die dritte Staffel von 30 Rock ist seit vier Wochen auf DVD verfügbar und noch lustiger als die beiden Vorgänger. Durch die ultradichten, knapp zwanzigminütigen Episoden stürmen die Finanzkrise und die Obama-Wahl. In einer Folge ist der Kapitalismus endgültig vorbei, eine später wissen wir, wozu er gut war: Der Typus des jungen, männlichen Börsianers ist anders nicht zu sozialisieren. Nun bringen diese arbeitslos gewordenen Trottel als Hilfsbüroboten den Sender mit ihrem überschüssigen Adrenalin durcheinander.

Stellvertretend für die demokratischen Präsidentschaftskandidaten tragen derweil die beiden Stars der Show erbittert die Frage aus, wer schlimmer dran sei, schwarze Männer oder weiße Frauen. Auf der einen Seite ein afroamerikanischer Rapper (Tracy Morgan, wie Tina Fey aus Saturday Night Live bekannt), der als Erfinder von Computergames Millionär wurde, und auf der anderen ein alterndes Girlie (Jane Krakowski, bekannt als Sekretärin von Ally McBeal), das demnächst Janis McJopling in einem Bio-Pic spielen wird, das sich die Rechte an dem Namen Janis Joplin nicht leisten konnte. Zum Glück verwechselt der Tina-Fey-Charakter Liz Lemon während eines Nachtflugs unter dem Einfluss von Durchschlaf-Drogen eine schwarze, vierzehnjährige Sitznachbarin mit Oprah Winfrey (Liz’ Halluzination wird von der echten Winfrey generös selbstironisch dargestellt). Das Mädchen erklärt sich bereit, dieser Projektion zu folgen, ihre neue Rolle anzunehmen und ganz winfreyhaft zwischen Rapper und Girlie zu vermitteln. (Der letzte Vermittlungsversuch war gescheitert, weil herauskam, dass die Supervisorin, als übergewichtige Transgender-Person in den USA, ganz andere Sorgen hat.)

Alles explodiert, selbst der Begriff der Freundschaft gerät in ernste Gefahr

30 Rock arbeitet mit dem bisher nur aus Animations-Comedys wie den Simpsons bekannten Prinzip, nebensächliche Bemerkungen oder Redensarten sofort zu veranschaulichen. Das ist üppig, teuer, antilinear und rasant, mit anderen Worten: absolut zwingend. In der Regel werden vier von fünf solcher Luxus-Exkurse sofort wieder fallen gelassen, der fünfte aber nicht. Zum Beispiel: Baldwin verliebt sich in die puertoricanische Pflegerin (Salma Hayek) seiner Mutter. Deren Mutter sieht die Verbindung aus zunächst unbekannten Gründen nicht gerne. Weshalb, erfährt man kurz darauf, als man der Pflegerinnen-Mutter beim Telenovela Schauen zusieht: Ein sadistischer Generalissimo bindet kleinen Kindern Dynamitstangen an den Kopf, metzelt unter kehligem Hohnlachen verlumpte Landarbeiter nieder und missbraucht ihre Frauen. Der Schurke sieht aus wie – Baldwin. Baldwin spielt ihn im opulenten Operettendiktatorenkostüm mit nach oben gezwirbelten Augenbrauen. Baldwin I kauft den Sender und will die Diktatorenfigur streichen, doch Baldwin II, der Generalissimo-Darsteller, erweist sich als sympathische schwule Spiegelfigur von Baldwin I. Dinge nehmen ihren Lauf.

Neben Salma Hayek ist John Hamm, der Don Draper aus der gefeierten Serie Mad Men, der andere Stargast in Staffel drei. Er ist Arzt und hält sich außerdem für einen begabten Koch, Liebhaber, Tennisspieler und Motorradfahrer. Doch in Wahrheit ist er nichts von alledem. Es hat ihm nur noch niemand gesagt, weil er doch so schön ist. Seine Selbstbewusstseinsblase ist natürlich die Allegorie für die andere Blase, nämlich die im Hintergrund untergehende Finanzwelt. Unter dem Druck der Ereignisse fallen die sich unausgesetzt selbst erfindenden Hauptfiguren auf bestimmte komische Konstanten zurück; nicht nur unverschämtes Pech oder Glück in der Liebe: wiederkehrende Gags sind ihre Unfähigkeit, schwarze Mitarbeiter auseinanderzuhalten, ihr fehlerfreies Deutsch und ihre profunde Kenntnis des Werks von Nena.

Alles explodiert, selbst der manchmal gegen die neoliberalen Abgründe aufgefahrene Begriff der Freundschaft gerät in ernste Gefahr. Erst Alan Alda, bewährter Präsidenten- und Präsidentschaftskandidatendarsteller und hier der leibliche Vater ex Machina von Alec Baldwin, scheint etwas Stabilität in das Durcheinander zu bringen. Doch alles, was er will, ist ein Niere (ein kleiner Gruß an die Organspenderdramen in der einzigen Comedy-Konkurrenz auf gleichem Niveau, Larry Davids Serie Curb Your Enthusiasm ). Immerhin sind Elvis Costello und Mary J. Blige Alec Baldwin noch etwas schuldig. Vaters Niere gerät in Reichweite. Verbratene Typen kennen halt genügend Leute "von früher". Ich will nicht das Beste verraten, aber achten Sie auf das "Nieren-Logo"!