Das Lichtwesen, das die Menschheit in eine neue Zeit führen will, spricht zu seinen Jüngern. Sie sitzen im Stuhlkreis im Meditationszentrum, die Hände geöffnet auf den Oberschenkeln, die Augen geschlossen. Die Botschaft, die der Engel ihnen verkündet, kommt von einer CD. Die Harfe wird sanft gezupft, und der Engel offenbart sich mit einer ganz irdischen Frauenstimme: »Ich bin Kryon von magnetischen Dienst.« Sie sollten nicht an ihm zweifeln, sagt Kryon, auch wenn er nicht direkt zu ihnen spreche, sondern sich noch einer fremden Stimme bediene. Er fordert alle auf, in tiefen Zügen das Licht einzuatmen. Er sagt: »Wir übertragen jetzt die golden-blaue Frequenz!« Dann sollen seine Jünger Worte in einer von ihm geschaffenen Lichtsprache nachsprechen: »Ananascha ...«

In ganz Deutschland gibt es solche Meditationszentren, in denen sich Kryon-Anhänger treffen, um sich auf ein verheißenes besseres Zeitalter vorzubereiten. Die Frau, die als Kryon von der Meditations-CD spricht, hat aus der bayerischen Provinz heraus ein kleines Franchise-Imperium aufgebaut: Neben CDs vertreibt sie auch Lichtnahrungsessenzen (je 30 Euro), diverse Aurasprays (25 Euro), Verjüngungscremes (99,90 Euro) sowie Kurse, in denen spirituell Talentierte die »Berufe der neuen Zeit« erlernen können (zwischen 330 und 460 Euro). Die Unternehmerin ist nicht allein. Inzwischen behauptet eine ganze Reihe übersinnlich begabter Personen, Kryon »channeln« zu können, also direkt mit ihm in Kontakt zu stehen. Und die Lehrwerke des amerikanischen Schriftstellers Lee Carroll, bei dem sich Kryon vor gut 20 Jahren zum ersten Mal gemeldet haben soll, füllen im Buchhandel Regale.

Doch der populäre Kryon-Kult ist nur eins von vielen Beispielen aus der bunt blühenden Esoterik-Welt. Derzeit treiben besonders die angeblichen Berechnungen der Maya, die für 2012 das Weltende oder je nach Lesart den Anbruch einer neuen Epoche verkünden, die Szene um. Daneben stoßen esoterische Gesundheitsbibeln und vor allem Lebenshilfe auf Resonanz: Das Berliner Unternehmen Questico macht mit Astrologieshows im Fernsehen und den Telefonberatungen seiner mehr als 2500 freiberuflichen Hellseher bereits über drei Millionen Euro Gewinn. Tendenz steigend. Der Heidelberger Zukunftsforscher Eike Wenzel, der auf Konsumtrends spezialisiert ist, schätzt, dass heute mit Esoterik in Deutschland jährlich 18 bis 25 Milliarden Euro umgesetzt werden, und er geht davon aus, dass der Umsatz innerhalb der nächsten zehn Jahre auf bis zu 35 Milliarden steigt.

Esoterik scheint etabliert, akzeptiert. Eine Studie der Universität Hohenheim rechnet 10 bis 15 Prozent der Deutschen zur Gruppe der spirituellen Sinnsucher, die sich aktiv außerhalb der etablierten Religionen umsehen und esoterischen Praktiken offen gegenüberstehen. Bei Frauen soll der Anteil bei 20 Prozent liegen. Sogar Stadtverwaltungen scheuen sich nicht mehr, Esoterik-Messen zu organisieren. Und Volkshochschulen haben längst Angebote wie »Energiearbeit/Pendeln« oder »Grundkurs Tarot« im Programm.

»Die Esoterik dringt zunehmend in den ganz normalen Alltag ein«, sagt Hartmut Zinser, Professor für Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin. »Viele nehmen sie schon gar nicht mehr als esoterisch wahr. Und das macht es so problematisch.« Zwar ist nicht jede Wahrsagerei am Küchentisch eine Gefahr für Leib und Leben. Aber die neue Unbeschwertheit alarmiert die Experten.

Hartmut Zinser bezeichnet die Esoterik-Angebote als »schwankende Gestalten«, die sich zwischen Wissenschaft und Religion bewegen, ohne wirklich eins von beidem zu sein. Ursprünglichkeitssehnsucht und Apparateglaube, Technikfaszination und die Begeisterung für Magisches, Mythisches mischen sich. Kryon ist ein gutes Beispiel: 1989 soll der Engel begonnen haben, das Magnetfeld der Erde zu verschieben, 2002 war es vollbracht. Das, so glauben die Anhänger, schuf die physikalischen Voraussetzungen für einen Bewusstseinswandel der Menschheit.

Was ist Esoterik? Dem griechischen Wortsinn nach stehen dahinter Lehren, die nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich sind, ein inneres Wissen, das sich öffentlicher Kontrolle entzieht. Das kann ziemlich vieles sein. Ende des 19. Jahrhunderts bastelte der Anthroposoph Rudolf Steiner ein komplexes Denksystem, das an Gnosis, christliche Mystik, Idealismus und Rosenkreuzertum anknüpfte. Die New-Age-Bewegung der sechziger und siebziger Jahre bediente sich frei bei fernöstlicher Religiosität. Heute umfasst Esoterik eine kaum zu überblickende Fülle an Angeboten, die lose um Schlagwörter wie Energie, Bewusstsein oder neue Zeit kreisen. Auf dem Markt tummeln sich Hexen und Geistheiler, es gibt einfache Klangschalen und ausgefeilte Geräte zur Auraanalyse. Gemeinsam ist den schillernden Esoterik-Predigern ihre Anmaßung in sanftem Gewand. Sie lehnen es ab, sich wie Wissenschaftler mit methodisch gesicherten Erkenntnissen zu begnügen, aber geben sich auch nicht mit stillem Gottvertrauen zufrieden. Sie wollen das Transzendente aus dem Himmel brechen und alltagspraktisch verwerten. Göttliches für den Hausgebrauch.

 

Joachim Huessners Frau traf den Guru, der ihr zum Verhängnis wurde, im Haus ihrer Freundin. Es gab dort einen Kellerraum, der eigens für spirituelle Vorträge im Bekanntenkreis hergerichtet war. Der Redner an jenem Abend versprach einen »Weg ins Licht« und erklärte, wie man durch Meditation die Menschheit mit göttlicher Energie bestrahlen könne. Huessner erinnert sich noch, wie euphorisch seine Frau vom Vortrag heimkehrte.

Gut fünf Jahre ist das her. Huessner hat die Geschichte seiner Frau aufgeschrieben und als Roman unter dem Titel Ein Weg hinters Licht veröffentlicht. Pia, so nennt er seine Frau in dem Buch, ist eine Esoterik-Interessierte wie viele andere gewesen. Sie arbeitete als Krankenschwester in einem kleinen Ort, interessierte sich für Homöopathie, beschäftigte sich mit Reinkarnation. »Sie war ein lebenslustiger Mensch«, sagt Huessner, der heute Witwer ist. »Sie konnte sich schnell begeistern und andere mitreißen.« Dass an jenem Abend eine tragische Geschichte ihren Anfang nahm, ahnte er damals nicht.

Wenige Monate nach dem Vortrag buchte Pia ein Seminar beim Meister, fuhr mit dem Zug 700 Kilometer aus dem Westerwald nach Bayern. Als Huessner sie nach einigen Tagen am Bahnsteig in Montabaur abholte, strahlte sie übers ganze Gesicht, fiel ihm um den Hals. »Sie hat sich tausendmal bedankt, dass ich sie habe fahren lassen. Da geht man nicht von etwas Bösem aus«, sagt Huessner heute. »Ich hatte halt meine Motorräder und sie ihre Esoterik.«

Viele Geschichten von Esoterik-Opfern beginnen so unscheinbar, in der Nachbarschaft, bei Freunden, in halb privaten Wochenendseminaren. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen geht davon aus, dass die Zahl der Sekten im Wohnzimmerformat, bei denen selbst ernannte spirituelle Meister einen kleinen Anhängerkreis um sich scharen, stark gestiegen ist. Wie viele es genau sind, vermag niemand zu sagen. Selbst Experten fällt es schwer, mit einer Szene Schritt zu halten, die immer weiter zersplittert.

Die Beratungsstelle Sekten-Info NRW in Essen etwa betreute allein im vergangenen Jahr 98 Fälle von Esoterik-Opfern: Sie verschulden sich, um fünfstellige Wahrsagerrechnungen bezahlen zu können, fürchten sich vor bösen Flüchen oder merken zu spät, dass Geistheilen eben keinen Arztbesuch ersetzt. Zum Vergleich: Scientology und fundamentalistische Christengruppen machen nicht einmal halb so viele Beratungsfälle aus.

Was ist das große Versprechen der Esoterik? Sie stellt Kräfte in Aussicht, die gerade in Umbruchsituationen verlockend sind, und sie wird von einem Zeitgeist getragen, der die ständige Selbstoptimierung propagiert. »Esoterik bedient nicht nur das Bedürfnis nach Sicherheit«, erklärt Matthias Pöhlmann, der Esoterik-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. »Der Reiz liegt vor allem auch darin, dass sie eine Möglichkeit zur Selbstermächtigung verspricht.« Die verheißene Freiheit schlägt allerdings oft in ihr Gegenteil um.

Pia Huessner hatte sich auf dem Dachboden einen Meditationsraum eingerichtet, sie hängte bunte Tücher auf, stellte Heiligenbildchen auf und Teelichter in eine schwarze Sushi-Schale. Zweimal täglich meditierte sie zu den CDs, die der Meister ihr mitgegeben hatte. Der Ehemann dachte sich nicht viel dabei, dass sie kein Fleisch mehr aß und auf Fernsehen verzichtete, wegen der negativen Energien. Er wunderte sich nur, dass sie irgendwann vor jeder Entscheidung die schmale Holztreppe zum Speicher hochstieg. Als er anregte, einmal über Altersvorsorge nachzudenken, entschied sie sich mithilfe einer höheren Eingebung dagegen.

 

Nicht von ungefähr fordert die Hamburger Sektenbeauftragte Ursula Caberta seit Langem einen religiösen Verbraucherschutz, um der vagabundierenden Spiritualität Herr zu werden. »Ein demokratischer Staat kann es sich nur begrenzt leisten, dass ihm die denkenden Menschen abhandenkommen«, sagt sie. Die Anbieter esoterischer Lebenshilfe sollten daher zu klaren Geschäftsregeln und schriftlichen Verträgen verpflichtet werden, in denen sie Ziel und Methode ihrer Kurse genau darlegen. Außerdem verlangt Caberta eine Umkehr der Beweislast: Im Zweifel sollen die Anbieter belegen müssen, dass eventuell auftretende gesundheitliche oder psychische Beschwerden nicht auf ihr Tun zurückzuführen sind. »Wir schützen die Menschen heute besser vor Gammelfleisch als vor denen, die es auf ihre Psyche abgesehen haben.«

Für Huessners Frau wäre wohl selbst ein solches Gesetz zu spät gekommen. Rapide entglitt sie ihrem Mann. Eines Tages sah er, dass der Ehering an ihrem Finger fehlte. »Ich bin jetzt die göttliche Liebe«, erklärte sie ihm. »Du musst dich weiterentwickeln, dann verstehst du mich.« Er versuchte es tatsächlich, buchte ihr zuliebe für 90 Euro eine Telefonséance beim Meister. »Aber in den Film konnte ich nicht mehr einsteigen.« Mit der Zeit kam Huessner gar der Verdacht, seine Frau stehe unter Drogen. Im Schlaf schnitt er ihr eine Locke ab, legte die Toilettenspülung lahm, um an eine Urinprobe zu kommen, schickte beides ein. Ergebnis: negativ.

Seine Frau findet schließlich eine neue Liebe, ihre »zweite göttliche Hälfte« in der Esoterik-Gruppe. Sie zieht in den Ort, in dem der Meister und einige seiner Anhänger leben. Was danach passiert, kann ihr Mann nur schwer rekonstruieren. Die zweite göttliche Hälfte verlässt die Gruppe. Pia wird offenbar von Schuldgefühlen geplagt, weil sie die Kinder im Stich gelassen hat. »Sie muss gemerkt haben, was für ein furchtbares Leben sie inzwischen hatte.«

Im März 2009 fährt sie auf der Bundesstraße 305 durch das Berchtesgadener Land. Sie hält auf Höhe der Weißbachschlucht, steigt aus, klettert auf das Brückengeländer. Als die Polizei eintrifft, steht der Wagen verlassen mitten auf der Straße, der Motor läuft noch. Auf dem Beifahrersitz mehrere Medikamentenschachteln. Die Frau liegt in der Schlucht.

Es gibt keinen Abschiedsbrief, keine Erklärung. Deswegen ist im Nachhinein schwer zu beurteilen, welche Verantwortung die Esoterik-Gruppe an diesem Ende trägt. Die Statistik der Beratungsstelle Sekten-Info NRW zeigt aber, dass die Geschichte nicht untypisch verlaufen ist. Mitglieder esoterischer Sekten bekommen häufig Probleme mit der Familie, verlassen ihren Partner, und wenn die spirituelle Welt Risse zeigt, entstehen Ängste, oft auch Selbstmordgedanken.

Der Meister, dem Huessners Frau vertraute, hatte wenige Monate vor ihrem Tod einen gemeinnützigen Verein gegründet, dessen Zweck sich heute zynisch liest: Heilung von »akuten Störungen des seelischen Zustandes« durch »Rückführung in wahres Gottvertrauen«. So könne sich der Einzelne befreien von »Lebensangst und Neigung zur Selbstzerstörung bis zum Suizid«.