Für den größten Zahltag in der Geschichte Europas lief es erstaunlich glatt. Unglaubliche 442 Milliarden Euro mussten die Banken in der Euro-Zone vergangene Woche an die Europäische Zentralbank überweisen – Kredite, die sie ein Jahr zuvor bei ihr aufgenommen hatten und die nun fällig wurden. Pünktlich landete das Geld auf dem Konto der Notenbank .

Was die Frage aufwirft, wie schlecht es um die vermeintlich so kranken Institute tatsächlich steht. Ende des Monats wird es die offizielle Diagnose geben. Dann werden die Aufsichtsbehörden die 100 größten Banken Europas einer Belastungsprobe unterzogen haben und die Ergebnisse dieser sogenannten Stresstests veröffentlichen. In Deutschland werden wohl unter anderem Deutsche Bank, Commerzbank, Postbank, Hypo Real Estate und die Landesbanken unter die Lupe genommen.

Schon jetzt aber zeichnet sich ab, dass die Resultate besser ausfallen als vielfach befürchtet. Zwar stehen in den Büchern der Banken noch immer gewaltige Risiken: faule amerikanische Immobilienpapiere, Kredite an existenzgefährdete Firmen und vor allem Staatsanleihen aus dem Süden Europas. Laut der US-Investmentbank Morgan Stanley beläuft sich der Wert der ausstehenden staatlichen Schuldscheine aus den gefährdeten Ländern Spanien, Griechenland, Portugal und Irland auf 960 Milliarden Euro – und einen großen Teil davon halten Europas Banken.

Für sie haben diese Papiere die Sprengkraft von Dynamit. Bei der Commerzbank entspricht allein der Wert der griechischen Staatsanleihen in ihrem Besitz 62 Prozent des Eigenkapitals, bei der Postbank sind es 47 Prozent, bei der belgischen Dexia 54 Prozent. Die griechische Bank Piraeus leistet sich gar ein Bond-Portfolio, das ihr Eigenkapital um das Dreifache übersteigt. Wenn – wie bei den Staatspleiten von Russland oder Argentinien vor rund zehn Jahren – die Investoren auf 70 bis 80 Prozent ihres Geldes verzichten müssten, wären einige Institute auf einen Schlag praktisch pleite. Ihr Eigenkapital würde durch die Verluste aufgezehrt. Im Fall einer oder gleich mehrerer Staatspleiten, das räumen Finanzaufseher ein, droht Europas Finanzsektor ein "Blutbad".

Um ein solches Blutbad zu verhindern, hat die Europäische Union (EU) allerdings einen Schutzschirm für ihre schwächsten Mitgliedsländer aufgespannt. Wird ein Land von den Kapitalmärkten gemieden, stehen 750 Milliarden Euro an Notkrediten bereit.

In den Stresstests wird eine Staatspleite deshalb dem Vernehmen nach auch gar nicht erst simuliert. Die Aufseher untersuchen, wie sich ein Kursverfall der Staatsanleihen auf die Bilanzen auswirkt, denn die Banken müssen auch ohne Pleite Wertberichtigungen vornehmen, sobald die Marktpreise der Anleihen in ihrem Portfolio sinken. Geprüft wird zudem, welche Folgen ein Einbruch der Konjunktur für die Banken und ihre Kredite hätte. Fällt die Eigenkapitalquote in den Tests unter sechs Prozent, müssen die Banken zeigen, wie sie ihren Kapitalstock erhöhen.

Mit dem Plan, die Testergebnisse zu veröffentlichen, vollzieht die EU eine Kehrtwende. Lange hatte sie sich gegen eine Publikation gewehrt, ist sie doch im Zweifel alles andere als angenehm – weder für Banker noch für Politiker. Finden die Durchfaller keine privaten Kapitalgeber, muss die Regierung einspringen. Das bedeutet mehr Staatseinfluss im Finanzsektor und neue Geldspritzen für die Banken, die die Politiker den Wählern nur mehr schwer vermitteln können.