Jeden Tag kommt etwas heraus. Regierungsmitglieder logierten in Luxushotels, flogen in Privatjets oder rauchten Havannas im Gesamtwert von 12.000 Euro – alles auf Staatskosten. Frankreich ist in Skandalstimmung. Zwar gehört Aufregung um Vorteilsnahme und Parteifinanzen seit je zur Dramaturgie der Pariser Politikdarbietung, ganz gleich, ob Rechte oder Linke die Macht innehaben. Jetzt aber droht der Regierung die Kontrolle zu entgleiten. Ansehen und Autorität des Präsidenten zerbröseln, es ist bereits vom Ende einer Ära die Rede. Es geht um mehr als Dekadenz: Die Regierung diskreditiert sich selbst in einem Augenblick der nationalen und europäischen Krise, da das Land eigentlich politische Führung bräuchte. Und mit dem Respekt vor der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy droht das Reformprojekt zu scheitern, das mit ihm trotz aller Schwächen doch eigentlich verbunden war.

Am schlechtesten steht es um den Arbeitsminister Éric Woerth, als Verantwortlicher für die Rentenreform derzeit der wichtigste Mann der Regierung. Woerth muss sich gegen Vorwürfe verteidigen, als Schatzmeister der Regierungspartei illegale Spenden entgegengenommen zu haben – der gleiche Éric Woerth, der die Spenderin, die mutmaßliche Steuerbetrügerin Liliane Bettencourt, in seiner Amtszeit als Finanzminister vor Nachforschungen bewahrt haben soll. Ausgerechnet Woerths Frau wiederum kümmerte sich in jener Zeit um die Finanzen der Milliardärin und L’Oréal-Erbin. Am Dienstag gar behauptete eine ehemalige Mitarbeiterin Bettencourts, dass auch Nicolas Sarkozy persönlich Briefumschläge mit verbotenen Spenden entgegengenommen habe, als er ums Präsidentenamt kämpfte.

Er bleibe "Herr des Kalenders", hatte Sarkozy noch Ende vergangener Woche getönt. Offenbar vertraute er auf die Sommerpause, die im Lande des kollektiven Urlaubsantritts stets eine Zäsur darstellt. Dann aber trat ein Altvertrauter Sarkozys zurück, ein Staatssekretär – der mit den Privatflugzeugen. Woraufhin Sarkozy nichts anderes übrig blieb, als noch einen Staatssekretär gleich hinterherzuschicken, den mit den Zigarren. Aus der eigenen Partei wird jetzt vom Präsidenten verlangt, er solle vor das Volk treten. Das müsste bis zum 14. Juli geschehen, dem Nationalfeiertag. Und nun fragen sich alle, wie die Ministerriege auf der Tribüne wohl aussehen wird, wenn die Armee auf den Champs-Élysées defiliert.

Sarkozy ist vom Antreiber zum Getriebenen geworden. Dass die Macht eines Präsidenten bereits im dritten Jahr der ersten Amtsperiode Zeichen der Zersetzung aufweist, ist ungewohnt. Seine Umfragewerte fallen unausgesetzt. Schwer hat ihm der Versuch geschadet, seinem fast noch halbwüchsigen Sohn Jean eine millionenschwere kommunale Verantwortung zuzuschanzen. So sehen die Kleinigkeiten aus, die ein antidynastisches Volk in Rage bringen. Es hält ohnedies seine Politiker für verdorben. In einer Umfrage bejahten Anfang der Woche 64 Prozent der Befragten die These, "die führenden Politiker" seien "überwiegend korrupt". Unter den Lohnabhängigen mit niedrigen Einkommen denken gar drei Viertel so. Das ist für Sarkozy besonders bitter. Sein Wahlerfolg 2007 beruhte nicht zuletzt auf Stimmengewinnen in diesen Schichten, auf Kosten der Rechtsradikalen. Seine zur Schau getragene Vulgarität hatte sich ebenso ausgezahlt wie sein Versprechen einer "untadeligen Republik", die unten für Recht und Ordnung sorgt und oben die Privilegien beschneidet. Das Versprechen wurde gebrochen, geblieben ist die Vulgarität.

Emblematisch war Sarkozys Siegesfeier am Wahlabend im Mai 2007, in einem Restaurant auf den Champs-Élysées, das als elegant und teuer gilt, Letzteres zu Recht. Da traf sich nicht die "droite populaire", die volksnahe Rechte, sondern eine unpopuläre Melange aus Macht und Geld. Dieser "Abend im Fouquet’s" war nicht mehr vergessen zu machen. Zumal auch die neue Präsidentengattin, auf die das Volk zunächst so stolz war, die Zeichen der Zeit nicht zu deuten vermochte. Noch im März dieses Jahres redigierte Carla Bruni eine Ausgabe des Hochglanzmagazins Figaro madame, in der sie ihre Neigung zu Luxusgütern zelebrierte.

Das sind Phänomene, angesichts derer Jean-François Copé, der Fraktionschef der Regierungsrechten im Parlament, vor einer Atmosphäre des "4. August" warnt – an jenem Tag im Jahr 1789 schaffte Frankreichs revolutionäre verfassunggebende Versammlung die feudalen Privilegien ab. Jedenfalls ist das Zornpotenzial der Franzosen nicht zu unterschätzen. Die Sorge geht um, dass nach den Sommerferien mehrere Faktoren zusammenwirken könnten, Frankreich in eine politisch unvermessene Zone zu stoßen: Fortsetzung der Wirtschaftskrise oder gar ein neuerlicher Schock, fortschreitende Zersetzung der politischen Macht, schwere Verluste im verhassten Afghanistankrieg, militante Abeiterproteste, rebellierende Bauern, streikende Staatsbedienstete, Aufstände in den Banlieues – während der Kampf um Präsidentschaftswahl 2012 beginnt. Gut möglich, dass die radikale Rechte davon mehr profitieren könnte als die Linke.

Just in dieser Phase ist Sarkozy dazu gezwungen, gegen die in 30 Jahren kumulierte Verschuldung des Staates vorzugehen. Das für 2010 geplante Haushaltsdefizit liegt bei acht Prozent; die berufsoptimistische Regierungspräsidentschaft schätzt die Staatsschuld auf 83 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nach Ansicht des Rechnungshofes sind bald die 90 Prozent erreicht. Zins- und Tilgungslasten drohen jedes Wachstum zu ersticken. Schon kommt aus den Ratingagenturen die Drohung, Frankreich könnte seine gute Benotung verlieren. Außerdem zerstört die öffentliche Verschuldung das Vertrauen der Franzosen selbst, die deshalb ihr Erspartes beisammenhalten und nichts kaufen.