WM 2010 Wintermärchen am Kap
Auch wenn die Gastgeber das Tor nicht trafen – Südafrika tanzt und präsentiert sich der Welt in einer ungeahnten Weise
© Valery Hache/AFP/Getty Images

Die WM 2010 ist der schönste Erfolg des Landes seit den ersten demokratischen Wahlen 1994.
Soweto, September 1990. Im Jabulani-Stadion haben sich 20.000 Menschen versammelt. In der Platzmitte sind ein Dutzend Särge aufgereiht. Zwölf Bewohner der Township, ermordet von einer Todesschwadron des Apartheidregimes. Nelson Mandela, der Befreiungskämpfer, warnt in seiner Trauerrede vor einem Bürgerkrieg.
Soweto, Juni 2010. Wo einst das Jabulani-Stadion stand, erhebt sich eine plexigläserne Arena, das Orlando Stadium. Auf dem Spielfeld tanzt Shakira, 30.000 Menschen singen begeistert ihr WM-Lied Waka Waka mit. Und der Korrespondent traut seiner Erinnerung nicht mehr.
Kann das sein? Das gewaltgeplagte Soweto so friedlich wie Gelsenkirchen, Südafrika eine Demokratie, die Bürger aller Hautfarben frei und gleich und die ganze fußballverrückte Welt zu Gast – es ist wie ein Wunder, wenn man dieses Land in seinen dunklen Stunden erlebt hat. Ein Weltcup-Wunder, von dem vor zwanzig Jahren niemand zu träumen wagte.
Die Südafrikaner feiern in diesen WM-Wochen sich selbst und ihren Kontinent. Sie spüren über alle Rassenschranken hinweg wieder den Geist der Regenbogennation – auch wenn dieser bunte Mythos nur kurzzeitig über die extremen sozialen Ungleichheiten hinwegtäuscht. Dennoch lässt sich schon vor dem Finale eines mit Gewissheit sagen: Die WM 2010 ist der schönste Erfolg des Landes seit den ersten demokratischen Wahlen 1994.
Es war bestimmt der lauteste Weltcup aller Zeiten. Was an den Vuvuzelas lag, den nervigen Massenlärmmachern, die sämtliche Spiele mit einem gleichtönenden Klanggewitter überzogen. Und es war vermutlich auch der kälteste Weltcup. Die Drakensberge trugen Schneekappen, die Temperaturen fielen zeitweise unter den Gefrierpunkt, und die schlotternden Fans merkten, wie grimmig der Südwinter sein kann. Doch der berüchtigte Jack Frost konnte die kollektive Jubelstimmung nicht einfrieren. "Eine derartige Begeisterung hat unsere Nation seit der Freilassung von Nelson Mandela nicht mehr erfasst", frohlockte Präsident Jacob Zuma. Bisweilen wurde man an die Euphorie beim Sommermärchen 2006 in Deutschland erinnert. Rund drei Millionen Menschen sahen die Spiele live, Abermillionen verfolgten sie in den Fanparks. Und zu guter Letzt kamen doch weit über 400.000 Besucher ans Kap – doppelt so viele, wie die Schwarzseher prophezeit hatten.
"Wir haben alle Erwartungen übertroffen und die Neinsager widerlegt", bilanziert Danny Jordaan, der Chef des lokalen Organisationskomitees. Und zielt dabei auf die unverbesserlichen Afro-Pessimisten wie Uli Hoeneß. Es sei die größte Fehlentscheidung der Fifa gewesen, die WM an Südafrika zu vergeben, orakelte der Präsident von Bayern München vor dem Turnier. Devise: zu gefährlich, zu chaotisch, zu afrikanisch. Hoeneß kennt die Kaprepublik ungefähr genauso gut wie die Rückseite des Mondes. Jetzt schweigt er. Auch das von einem englischen Revolverblatt angekündigte "Schlachtfest für Schlachtenbummler" fand nicht statt. Eine imposante Sicherheitsarmee schützte die Fans, und die tsotsis, die Gangster der Townships, hatten für die WM-Zeit offenbar eine Art Waffenruhe vereinbart.
Die Sportreporter aus aller Herren Länder lamentierten zwar zunächst über die Eiseskälte, die Verkehrsstaus und den einen oder anderen organisatorischen Engpass, aber schon bald wurden sie positiv überrascht. Sie sahen ein Afrika, das nicht zu ihren Zerrbildern passen wollte, ein modernes Afrika mit prächtigen Arenen, zehnspurigen Autobahnen, nagelneuen Schnellbusnetzen und einem hypermodernen Eilzug namens Gautrain. Und sie waren geradezu hingerissen vom Lächeln und Lachen, von der Fröhlichkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Gastgeber. "So etwas habe ich noch nie erlebt", schwärmte ein Veteran, der vier Weltcups auf dem Buckel hat.
- Datum 09.07.2010 - 17:09 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Sofern jetzt nicht in den letzten 2 Tagen noch schlimme Dinge passieren, war die WM ein großartiger Erfolg und beste Werbung für Südafrika.
Ein klitzekleines Fragezeichen verbleibt vorerst allerdings noch. Südafrika hat während der WM ganz bewusst keine Statistiken zur Kriminalität veröffentlicht und will das erst im September tun. Allein in den ersten Tagen der WM wurden Medienleute aus 5 Ländern Opfer von Raubüberfällen. Die Fälle haben die Reporter und nicht die Polizei öffentlich gemacht. Von überfallenen Touristen hat man während der WM rein gar nichts gehört, nur ein bisschen Kleinkram (Taschendiebstahl). Das ist mathematisch nicht sehr plausibel (10.000 Medienleute vs. 400.000 WM-Touristen). Bei einer nicht repräsentativen Online-Umfrage auf einem Portal für südafrikanische Reiseveranstalter gaben 11% der Veranstalter an, dass von ihnen betreute WM-Touristen Opfer der Kriminalität in Südafrika wurden.
Aber nochmal: Insgesamt bin ich sehr froh wie die WM gelaufen ist. Afrika ist der faszinierendste Kontinent auf diesem Planeten. Wenn die WM das Afrikabild vieler Leute korrigiert hat und zu mehr Afrika-Touristen führt, ist das für die Länder dort weitaus besser, als Milliarden an Entwicklungshilfe.
In guter Erinnerung sind mir die Debatten im Vorfeld der WM. Südafrika sei vom Sicherheitsaspekt zu gefährlich, der Bau der Stadien könne wohl nicht rechtzeitig abgeschlossen werden und die Verkehrsprobleme seien nicht zu beheben. Ich muss sagen, dass Südafrika überzeugt hat. Dahingehend Überzeugt, dass die WM in Südafrika doch kein Reinfall, sondern eher ein Risiko war. Jedoch muss man eine andere Frage stellen - Welchen Nutzen hat Südafrika eigentlich von der WM??? Denn da sieht es nicht so rosig aus.
[Der Rest wurde gelöscht, bitte verzichten Sie darauf, in jedem Ihrer Kommentare Eigenwerbung zu posten. Danke. /Die Redaktion pt.]
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren