Internetzensur»Ein Stück weit naiv«

Google droht der Rauswurf aus China. Nach zehn Jahren Streit über das Recht auf Information verzweifelt der amerikanische Internetkonzern an seinen eigenen Grundsätzen von  und

Ein Chinese fährt am Google Sitz in Peking vorbei. Google wartet derzeit darauf, dass man seine Handels-Linzenz verlängert

Ein Chinese fährt am Google Sitz in Peking vorbei. Google wartet derzeit darauf, dass man seine Handels-Linzenz verlängert  |  © Franko Lee/AFP/Getty Images

Geschäft oder Firmenphilosophie? Oder ein bisschen von beidem? Für Google geht es in China in diesen Tagen um die ökonomische Zukunft und zugleich um eine Grundsatzfrage: Einerseits will die kalifornische Suchmaschinenfirma allen Menschen den freien Zugang zu Informationen ermöglichen. Andererseits möchte sie nicht den Kontakt zu den 400 Millionen Internetnutzern riskieren – in einem Land, in dem Informationsfreiheit nur wenig gilt.

Seit einer Woche wartet der amerikanische Konzern schon darauf, dass die chinesischen Behörden die Lizenz für seinen lokalen Suchmaschinenableger Google.cn verlängern. Bis Donnerstag stand noch keine Entscheidung fest. Die Offiziellen lassen Google zappeln.

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Noch immer droht Google der Rauswurf aus dem Reich der Mitte. Denn Konzernmanager und Funktionäre streiten darüber , was die chinesische Bevölkerung im Internet erfahren darf: Alles? Oder nur, was die Regierung erlaubt? Das Unternehmen, das sich im Westen so klar und eindeutig gibt, verhält sich in Fernost dabei äußerst indifferent und zeigt ein ziemlich dehnbares Verständnis von Freiheit. Erst beugt sich Google der staatlichen Zensur, wehrt sich dann – und korrigiert sich erneut.

Das Wechselspiel zwischen Google und China erzählt viel über die Spannungen zwischen Unternehmen und Staaten, West und Ost, Freiheit und Zensur. Es erzählt aber auch von den Schwierigkeiten, sich trotzdem zu arrangieren. Der Kotau von Google ist dabei bloß der jüngste Tiefpunkt einer ohnehin gestörten Beziehung. Schon seit zehn Jahren versuchen der Konzern und die Volksrepublik miteinander einigermaßen klarzukommen. Und sie scheitern ebenso lange.

Im Jahr 2000 ist Google erst zwei Jahre alt und beseelt vom globalen Anspruch. Die Gründer Sergej Brin und Larry Page schalten eine chinesischsprachige Version ihrer Suchmaschine Google.com online, um die schnell wachsende Zahl der Internetnutzer in der Volksrepublik zu bedienen. Deren Suchanfragen bearbeitet Google auf Großrechnern, die außerhalb Chinas stehen. Das geht zwei Jahre lang gut.

Im Herbst 2002 beginnen die Probleme. Zwei Stunden am Tag ist Google.com in China nicht mehr erreichbar. Irgendwer behindert den Datenverkehr, vermutlich an den chinesischen International Gateway ISPs. Das sind Knotenpunkte, über die sämtliche Daten zwischen China und dem Ausland laufen. »Vor allem politisch sensible Anfragen« würden abgefangen, teilt Google mit, etwa nach dem Tiananmen-Massaker, der Sekte Falun Gong oder der Freiheitsbewegung in Tibet. Nutzer von Google.com müssen zunehmend länger auf ihre Suchergebnisse warten, schließlich sogar »siebenmal länger als bei Baidu«. Gemeint ist eine chinesische Suchmaschine, die zu diesem Zeitpunkt einen Marktanteil von gerade mal 2,5 Prozent hat, später aber Googles schärfster Konkurrent werden wird.

Google entschließt sich, direkt nach China zu gehen. Der Preis ist hoch, aber man zahlt ihn.

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