Luchs Nr. 282 Auf Bücherschwingen

Problemgeschichten für Jungen gibt es fast zu viele. »Ich bin Bird« von Sofie Laguna verzichtet auf die üblichen Verdächtigen

Gibt es nicht genug Bücher, die sich mit den Problemen von Jungen zwischen zwölf und sechzehn Jahren beschäftigen? Betrachtet man die Neuerscheinungen der vergangenen Jahre, dann kann man diesen Eindruck gewinnen: Es scheint als wollten Autoren und Verleger den Sorgen, die sich viele Erwachsene um Jungen machen – sie lesen zu wenig, sie haben zu schlechte Schulnoten, sie wissen nicht, was man heute von Männern erwartet –, gleich mit einer ganzen Flut von Romanen begegnen. Und zwar mit solchen, die den Jungen noch einmal erzählen, wie schwer sie es haben.

Ich bin Bird ist anders, obwohl diese stille Geschichte von Sofie Laguna auf den ersten Blick auch von einem Problemjungen handelt: von James, zwölf Jahre alt, der bei seinem Vater lebt, weil seine Mutter abgehauen ist. Alleinerziehend zu sein, sagt James über seinen Vater, ist ein Stressfaktor: »Ein hoher Stresspegel hindert einen daran, zu lächeln oder bei Liedern aus dem Radio mitzusingen oder einfach angeln zu gehen, ohne es im voraus zu planen.«

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James ist ein Junge, der sich dauernd die negativen Urteile seines Umfelds anhören muss: Die Mutter seines einzigen Freundes findet, dass er einen schlechten Einfluss auf ihren Sohn hat. Die Mathematiklehrerin fragt fast automatisch: »James, du schon wieder?«, wenn im Unterricht Unruhe entsteht. Sein Vater, eigentlich ein ganz freundlicher Exmotorradrocker, sagt im Ärger gedankenlos: »Kein Wunder, dass sie in der Schule alle durchdrehen deinetwegen. Mich machst du auch wahnsinnig.« Wie geht man um mit so viel Ablehnung? Man flieht.

James flieht in die Welt der Vögel, wird zu »Bird«, verwandelt sich in seiner Fantasie in Elster, Feldlerche, Sturmtaucher. Den Weg in den Himmel, weg vom Elend am Boden, hat ihm ein Vogelbestimmungsbuch geöffnet, ein dicker Wälzer mit vielen Zeichnungen. Als die Dinge schlimm werden, weil James’ einziger Freund ans andere Ende Australiens ziehen soll, versucht »Bird«, sich zum Autor des Buches durchzuschlagen. Er ist sicher, dass wenigstens dieser Mensch ihn verstehen müsste. Es kommt natürlich anders, und es zeigt sich, dass sowohl James’ Vater als auch seine Lehrer schließlich doch viel Liebe für den schwierigen, einsamen James aufbringen. Aber den Weg aus seinem Kummer hat ihm ein Buch gewiesen – kein Jungenproblembuch, sondern ein ganz ernsthaftes Erwachsenenbuch, das sich ohne Kompromisse mit einer Sache befasst. Darüber sollten Bücher kaufende Eltern, Autoren und Verleger mal nachdenken.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28
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