Die Kamera scheint an den Hauptfiguren zu kleben wie an Anita Linda, die in "Lola" eine kämpferische Großmutter spielt © Rapid Eye Movies

Welch eine Ruhe! Die weitläufige Gartenanlage mit ihren gepflegt ins Kraut schießenden tropischen Gewächsen ist ein Refugium im hektischen Gewühl von Manila. Das Innere des Stadthauses gleicht aber mehr einem Taubenschlag. Wir befinden uns im Heim und Produktionsbüro des philippinischen Regisseurs Brillante Mendoza und damit im Herzen des boomenden philippinischen Autorenkinos. Es herrscht Hektik, Mitarbeiter schwirren herum, das Treatment für Mendozas neuen Film muss bald fertig sein. Kaum einen Moment steht das Telefon still. Informanten und Rechercheure schicken, meist per SMS, die neuesten Nachrichten. »Ich kann mir nicht vorstellen, einen Film zu drehen, der nicht genauestens recherchiert ist«, sagt Mendoza. »Mit der Geschichte beginnt und endet alles. Und sie muss das enthalten, was ich die Filipino-Perspektive nenne.« Nicht nur Cannes, Berlin und Venedig, kein Festival, das etwas auf sich hält, will inzwischen ohne diese Perspektive auskommen. Tatsächlich wurde Mendoza in den letzten Jahren zu einer Art Shootingstar des internationalen Autorenkinos.

Wie seine bisherigen Arbeiten ist auch sein jüngster, in Venedig gefeierter Film Lola eine Reise ins Herz und in die Abgründe der philippinischen Gesellschaft. Er erzählt von zwei hochbetagten Frauen, die mehr schlecht als recht am untersten Ende der Gesellschaft leben. Der Enkel der einen hat den Enkel der anderen bei einem Überfall getötet. Jetzt muss die eine Großmutter, irgendwie die Beerdigungskosten auftreiben, während die andere versucht, den Enkel, ohne dessen Einkommen die Familie nicht überleben kann, aus der Untersuchungshaft freizubekommen. Die Geschichte spielt während der Regenzeit, in Malabon, einem Stadtteil nahe der Bucht von Manila, der permanent unter Wasser steht, weil es dort keine funktionierende Kanalisation mehr gibt. Wer etwas zu erledigen hat, bewegt sich per Boot durch die überfluteten Straßen. »Der Regierung ist das egal, sie unternimmt nichts«, sagt Mendoza. Trotzdem müssen die Bewohner irgendwie klarkommen. Sie haben keine Wahl. Sie können nicht weg, weil sie zu arm sind.«

Lange waren keine Geldgeber für Lola zu finden. Erst durch die Schockwelle, die Mendozas Film Kinatay im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Cannes auslöste, wendete sich das Blatt. Die Düsternis, physische Dichte und Brutalität des Films, in dem eine Gruppe Polizisten auf bestialische Weise eine Prostituierte umbringt, beeindruckten und verunsicherten Publikum und Kritik gleichermaßen – und brachten Mendoza den Regiepreis des Festivals ein.

Auch in Lola ist Mendozas Kino eines der physischen Gegenwärtigkeit. Man glaubt den Tropensturm zu spüren, der den Großmüttern den Regen ins Gesicht peitscht, während der Straßenlärm ihnen die Sinne raubt. Man glaubt zu riechen, wie sich der Dampf der verdunstenden Wolkenbrüche mit dem Gestank des Unrats in den Straßen mischt. Und man glaubt die Altersmühsal der Heldinnen in den eigenen Knochen zu fühlen, wenn ihre Langsamkeit der Hektik von Manila nicht mehr gewachsen ist. Dabei scheint die Kamera förmlich an den beiden Frauen zu kleben. Mit langen Einstellungen lädt sie zu genauer Betrachtung ihrer ärmlichen Häuser, ihrer langen Fußwege zum Gericht, ihrer Bootsfahrten zu den Nachbarn, wo sie um Beigaben bitten.

In Lola hat Mendoza seine Technik des real time writing, einer nahezu dokumentarischen Nachinszenierung, zu großer Virtuosität entwickelt. Nachdem er ausführliche Interviews zu den Lebenshintergründen der Personen geführt hat, legt er für jede einzelne Filmfigur Journale über deren Tagesablauf während einer Woche an. Dann werden die typischsten und interessantesten Ereignisse herausgesucht. »Jede Figur soll für ihr gesellschaftliches Umfeld stehen und ihm sozusagen eine Stimme verleihen«, sagt Mendoza. »Es geht nicht darum, bestimmte Charaktere bis in die Tiefe auszugestalten. Es geht immer um die Gemeinschaft.« Damit sich seine Schauspieler besser in die Figuren und Situationen hineinversetzen können, dreht Mendoza chronologisch. Nach jeder Probe verwendet er meist gleich das erste Take – der Authentizität des Augenblicks wegen, aber auch um seine bescheidenen Budgets nicht zu überziehen. »Die grundsätzlichen ästhetischen Fragen sind schon geklärt, wenn ich mit der Arbeit beginne«, sagt er. »Daher schneide ich den Film schon im Kopf, während wir noch drehen.« Damit befindet sich Mendoza ganz in der Tradition des philippinischen Kinos. In dieser Filmindustrie kann nur bestehen, wer sich sofort jeder Änderung anpassen und blitzschnell improvisieren kann. Was mehr oder weniger die Lebensgrundlage des ganzen Volkes ist.

Der Grund für die Wiedererweckung und Neuentdeckung des philippinischen Autorenkinos, zu dem neben Mendoza auch der bekannte Regisseur Lav Diaz und vielversprechende Talente wie Jerrold Tarog, Sherad Anthony Sanchez und Raya Martin gehören, liegt vor allem in der Digitalisierung. Unabhängige Filmemacher konnten plötzlich erschwingliche Kameras und Schnittcomputer nutzen, um Geschichten aus ihrem nächsten Umfeld zu erzählen. Unter den Nachwuchsregisseuren ist der 1960 geborene Mendoza allerdings ein Spätzünder. Erst 2005 drehte er sein Debüt Masahista über männliche Prostituierte in einem Massagesalon. Zuvor hatte er rund zwanzig Jahre sehr erfolgreich als Produktionsdesigner in der Werbeindustrie gearbeitet. Dann aber folgten, sozusagen Hals über Kopf, in nur vier Jahren neun Spielfilme, alle mit der »Filipino-Perspektive«.

Um sie zu finden, muss Mendoza nur vor die eigene Haustür treten. Er wohnt in einer ärmlichen Seitenstraße, in der das Leben wie überall in Manila im Freien stattfindet. Gleich neben einer reich geschmückten Kirche findet sich jedoch der Eingang zu einem hermetisch abgeriegelten und bewachten Wohnareal, in dem begüterte Familien in schicken Einfamilienhäusern Erste Welt spielen. Möglich ist dies, da wenige Hundert Meter entfernt die innerstädtische Schnellstraße den urbanen Moloch durchschneidet. Entlang des Highways hat sich ein Speckgürtel gebildet, der ganze Teile der philippinischen Hauptstadt zu einem wolkenkratzergespickten, turbokapitalistischen Eldorado aufgeblasen hat. Hier, wo Erste und Dritte Welt ungebremst aufeinanderprallen und Zwischenstufen kaum vorhanden sind, entsteht Mendozas Kino. »Ich unterhalte mich viel mit den einfachen Leuten in meiner Nachbarschaft«, sagt er. »Wir hängen herum, trinken, reden, sie erzählen mir ihre Geschichten, über nichts und die Welt, ihre kleinen und großen Sorgen.« Wenn Mendoza eine Person oder ihre Geschichte spannend findet, setzt er seine Rechercheure an. Inzwischen ist aus seinen sozialen Exkursen auch ein politisches Anliegen erwachsen.