Dieser Fall unaufgeklärter NS-Geschichte hat eine solche Dimension, dass er die großen deutschen Museen vermutlich noch Monate, wenn nicht Jahre beschäftigen wird. Wie es aussieht, hängen in Institutionen wie dem Museum Ludwig in Köln, den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München, der Staatsgalerie Stuttgart oder den Staatlichen Museen Berlin gleich mehrere Dutzend Kunstwerke, die einst zur privaten Sammlung des Kunsthändlers und Publizisten Alfred Flechtheim gehörten. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Erben Flechtheims ein Porträt der Schauspielerin Tilla Durieux von Oskar Kokoschka aus dem Museum Ludwig zurückfordern. Weitere Anfragen und Rückgabeforderungen betreffen offenbar kapitale Werke von Max Beckmann, Paul Klee und Pablo Picasso.

Alfred Flechtheim war eine zentrale Figur im Kunstbetrieb der Weimarer Republik, er gilt – nach Paul Cassirer – als einer der wichtigsten Förderer avantgardistischer Kunst. 1878 als Sohn eines erfolgreichen Getreidehändlers geboren, beginnt er um 1900 Kunst zu sammeln, 1913 eröffnet er seine eigene Galerie in Düsseldorf. Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem Flechtheim als Kavallerieoffizier teilnimmt, siedelt er nach Berlin über. Erfolgreich vertritt er hier mit Dutzenden von Ausstellungen vor allem die Kubisten aus Frankreich, aber auch George Grosz, Wilhelm Lehmbruck, Willi Baumeister und Paul Klee. Und Flechtheim ist das, was unter Händlern eigentlich verpönt ist – er ist sein bester Kunde.

Flechtheim handelt und sammelt allerdings nicht nur, er schreibt auch Kunstkritiken, begründet die Zeitschrift Querschnitt und bereichert das Berliner Gesellschaftsleben mit Salons und Soireen. »Wenn ich Maler wäre«, schrieb etwa der Boxer Max Schmeling 1928 in einer Huldigung zu Flechtheims 50. Geburtstag, »möchte ich in Flechtheims Stall sein.«

Schon vor der Machtübernahme war der Galerist von nationalsozialistischen Autoren mit Hassartikeln bedacht worden, denn auch den Nazis war die große Bedeutung Flechtheims für den Erfolg jener Kunst, die sie als »entartet« denunzierten, nicht verborgen geblieben. Und so flieht Flechtheim schon Ende 1933 über Zürich und Paris nach London, wo er 1937 stirbt, wahrscheinlich an einer Blutvergiftung.

Flechtheims Galerie wurde umgehend »arisiert«, auch die Privatsammlung, zu der Werke von Pablo Picasso, Juan Gris, Fernand Léger, Willi Baumeister und Vincent van Gogh gehörten, löst sich ab 1933 unter der Verfolgung der Nazis auf. Seit zwei Jahren machen sich die Erben Flechtheims nun mithilfe von Rechtsanwälten auf die Suche nach den Gemälden und Skulpturen aus seinem Besitz. Der Verbleib zahlreicher Bilder ist bis heute unklar, doch gut hundert von ihnen sind, so schätzt der Marburger Rechtsanwalt Markus Stötzel, über Umwege in amerikanischen und deutschen Museen gelandet. Viele dieser Kunstwerke müssten von den öffentlichen Museen nach den Prinzipien des Washingtoner Abkommens zum Umgang mit NS-Raubkunst jetzt restituiert werden.

Das Durieux-Porträt von Kokoschka etwa stammte wohl aus der Privatsammlung Flechtheims und wurde 1934 von dem »Ariseur« seiner Düsseldorfer Galerie, Alex Vömel, an den Sammler Josef Haubrich verkauft. Für 1800 Reichsmark – ein Preis, der unter dem Versicherungswert des Bildes von 1931 lag. Der niedrige Preis und auch das Fehlen von Belegen dafür, dass Flechtheim von Vömel den vollen Verkaufspreis ausgehändigt bekam und darüber frei verfügen konnte, machten diesen Verkauf zu einem klaren Fall von NS-Raubkunst, so der Anwalt der Erben.

Die Stadt Köln weigert sich trotzdem bisher, das Gemälde zurückzugeben. Die Provenienz des Bildes, so Kaspar König, der Direktor des Museum Ludwig zur ZEIT, sei noch nicht vollständig geklärt. Die Geschichte sei komplexer, Details wolle man aber noch nicht veröffentlichen, man stelle noch Nachforschungen an.

Welche konkreten Gemälde von anderen Museen durch die Erben zurückgefordert werden, dazu wollten sich weder der Rechtsanwalt noch die betroffenen Museen äußern. Die Hamburger Kunsthalle aber, bekannt für ihr besonderes Engagement in der Provenienzforschung, konnte etwa im Falle von Klees Felsiger Küste (1931) bereits erfolgreich ausschließen, dass es sich hierbei um ein Stück aus Flechtheims Sammlung handelt. Andere Museen hingegen zeigen auch elf Jahre nach der Selbstverpflichtung zur Rückgabe von Raubkunst noch immer wenig Elan bei der Erforschung ihres Bestands.